Open-Air-Kino boomt, und ray schlägt eine Schneise durch das diesjährige Programm-Dickicht: vom Dorfwirtshaus in Dellach bis zum Rathausplatz in Wien, von Klassikern der Filmgeschichte bis zum Blockbuster für die ganze Familie, vom Kurzfilmfestival bis zur Almwanderung samt Filmgenuss.
Viele Kinofans warten schon sehnsüchtig auf die Zeit, in der man wieder unter dem Sternenhimmel mit einem kühlen Drink in der Hand Filme schauen kann, die man im vorigen Jahr verpasst hat oder schon lange wieder auf einer großen Leinwand sehen wollte. Bis vor zehn Jahren hatte man hierzulande kaum die Möglichkeit dazu, mittlerweile gibt es nicht nur in Wien, sondern auch in kleineren Ortschaften in den Bundesländern ein breit gefächertes Angebot, in dem eine Kombination aus gehobenem Mainstream und publikumsträchtigem Arthouse das Programm aber doch klar dominiert. Das ist auch kein Wunder, denn viele gerade größere Open-Air-Veranstaltungen werden von etablierten Programmkinos (Moviemento und City in Linz, Volkskino in Klagenfurt, Leokino und Cinematograph in Innsbruck) betrieben, deren Filmauswahl sich an den eigenen Möglichkeiten und an den Wünschen der Stammkunden orientiert. Denn natürlich sind die nicht direkt geförderten Sommerkinos auch kommerziell orientiert, die Einnahmen sind oft ein wichtiger Posten im Jahresbudget.
Die stetig steigende Beliebtheit der Open-Air-Kinos hat sicher auch mit dem Eventcharakter solcher größerer Menschenaufläufe zu tun. Auch wenn Hardcore-Cineastinnen und -Cineasten – für die es aber ohnehin zumindest in Wien auch einiges zu entdecken gibt – darüber die Nase rümpfen: Die Magie des Kinos strahlt hoffentlich so weit aus, dass viele Besucher, die mehr wegen des Drumherums als wegen der Filme gekommen sind, auch während des restlichen Jahres öfter ein Lichtspieltheater besuchen. Immerhin sind wenigstens die allermeisten Menschen leise, wenn sie einen Film sehen, was man von Gratis-Pop-Events nicht immer behaupten kann, wo man von der Musik oft kaum was mitbekommt, weil die Leute zum Tratschen und Trinken gekommen sind. Außerdem gibt es neben den Big Playern ja auch noch jede Menge kleine Kulturinstitutionen, engagierte Privatpersonen oder filmbegeisterte Wirte (die es auch nicht stört, wenn im Gastgarten dann mehr konsumiert wird), die oft mit bescheidenen Mitteln ihr eigenes Open-Air-Kino auf die Beine stellen und die besonderen Publikumszuspruch verdienen.
Kino wie schon immer
Wir starten unsere kleine Österreichrundfahrt in Wien, wo man mittlerweile schon jeden Tag des Sommers mit einem interessanten Film unter freiem Himmel verbringen kann, wenn man über genug Zeit und Geld verfügt. Wobei es hier auch einige Gratisanbieter gibt wie das traditionsreiche Volxkino, das mit einer klugen Mischung aus sozialkritischen Werken und Filmen nicht nur für sprachliche Minderheiten (Risse im Beton), die an öffentlichen Plätzen eben eher nicht in Bobo-Bezirken gezeigt werden, ganz zwanglos integrative Arbeit leistet. Auch das Kino unter Sternen am Karlsplatz nimmt keinen Eintritt. Das Programm ist wie üblich sehr ambitioniert, man muss ja auch nicht auf den Durchschnittsgeschmack Rücksicht nehmen. So gibt es diesmal einige selten gezeigte Schwarzweißfilme zu sehen wie Herbert Holbas Die ersten Tage (1971), eine expressiv experimentelle Hommage an die Pioniere der Stummfilmära, und Dead Ringer (1964) von Paul Heinreid, einen Psychothriller aus dem diesjährigen Doppelgänger-Schwerpunkt mit der großartigen Bette Davies. Vielleicht hängen heuer sowieso alle Specials (Austrian Apocalypse, Exil und Science Fiction) auf subtile Weise irgendwie miteinander zusammen.
An einem anderen innerstädtischen Hotspot, dem Museumsquartier, steht beim Frameout Gratisfestival das heimische weibliche Filmschaffen im Mittelpunkt des Programms. Der Frauenvernetzungsverein FC Gloria Frauen präsentiert in Anwesenheit der Regisseurinnen Filme wie Ma Folie und Tough Cookies, aber auch die Österreich-Premieren von I Believe in Unicorns und A Girl at My Door. „Pay as you wish“ ist ein relativ neues Konzept, was Kino betrifft, aber das heuer erstmalig stattfindende Kurzfilmfestival dotdotdot baut auf die Freigiebigkeit der Besucher im lauschigen Innenhof des Volkskundemuseums im 8. Bezirk. Das bewährte Konzept des Espresso-Festivals am gleichen Ort wurde etwas ausgeweitet, im Schönbornpark finden Sonntagspicknicks statt, in Workshops kann man u.a. den Umgang mit diversen Medien lernen, geistige und körperliche Barrierefreiheit ist den Macherinnen wichtig, und ganz generell versteht sich das kommunikative Event als „Nahversorgerfestival für Menschen, die Lust haben, private und politische Komfortzonen in Frage zu stellen.“ Filme werden natürlich auch gezeigt und diskutiert, u.a. solche von Radu Jude und Florin Lazarescu, sowie Fiona Rukschcio.
Manche Kinos verlangen aber doch noch Eintritt, wogegen überhaupt nichts zu sagen ist, vor allem wenn an einer so wunderbaren Location wie dem Augarten ein handverlesenes Programm, kuratiert von Viennale und Filmarchiv, geboten wird. Nach einem Jahr Pause gibt es zwischen den uralten Bäumen wieder „Kino wie noch nie“. Neben dem üblichen Best-of aus der Filmgeschichte wartet das Programm mit einem längst überfälligen Coen-Brothers-Schwerpunkt, einer kleinen Hommage an Peter Bogdanovich und einigen Viennale-Premieren auf. Dazu gibt es die Uraufführung von Chucks, dem neuen Speilfilm von Sabine Hiebler und Gerhard Ertl, eine Liebesgeschichte zwischen der 16-jährigen Mae und dem 21-jährigen, unheilbar kranken Paul. In Wien buhlen aber noch etliche andere etablierte Open-Air-Marken um die Gunst des Publikums: Das Kino am Dach zeigt in sehenswerten Filmen wie Citizen Four, Taxi Driver und Foxcatcher die Schattenseiten des American Dream, im Arena-Sommerkino regiert wie üblich intelligenter Blut und Beuschel, während beim Filmfestival am Rathausplatz immer mehr Pop, u.a. von Queen und Depeche Mode, oder Soul von Marvin Gaye die gewohnte Mischung aus Klassik und Jazz auflockert.
Das weite Land
Eine erstaunliche Vielfalt bietet auch das Sommerkinogeschehen in Niederösterreich. Landschaftlich hat man hier natürlich gegenüber der Großstadt Vorteile, eine gut erhaltene Burg wie in Eggenburg samt mit Fackeln beleuchteter Stadtmauer bietet den Zuschauern ein ganz besonderes Ambiente, um beim „Mondscheinkino“ anspruchsvolle Filme wie Birdman oder Superwelt zu erleben. Oft sind es ja gerade die Kontraste, die besonders gut funktionieren, vielleicht verstärkt die mittelalterliche Stimmung das Grauen und den Identitätsverlust, mit dem die Titelheldin in Still Alice durch ihre frühe Alzheimer-Erkrankung zu kämpfen hat. Irgendwo zwischen Fachwerkhaus-Charme und Weinbau-Idylle bewegt sich das beliebte Open-Air-Kino beim Kesselhaus am Campus der Donauuni Krems, das heuer sein zehnjähriges Bestehen feiert. Die Eröffnung (Hedi Schneider steckt fest) ist traditionell gratis, heuer braucht man aber auch an allen Sonntagen nichts zu bezahlen. Ein Grund mehr, sich Mike Leighs Meisterwerk Mr. Turner auf der großen Leinwand (wieder) anzuschauen, denn nur dort kommen das ganz spezielle Licht und die Farben der Gemälde richtig zur Geltung.
Auch das Cinema Paradiso Open-Air in St. Pölten schafft mühelos den Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung, zur Eröffnung dürfen die Abba-Fans wieder bei Mamma Mia lauthals mitsingen, auch bei Kurt Cobain: Montage of Heck darf zumindest die Luftgitarre gewürgt werden, während beim neuen Jafar-Panahi-Film Taxi, der mit minimalen Mitteln ein ganzes Panorama der gegenwärtigen iranischen Gesellschaft zeichnet, eher stille Konzentration gefragt ist. In Klosterneuburg kann man beim Kurzfilmfestival „Shortynale“ auch heuer wieder die Talentproben von vielleicht zukünftigen Goldene-Palmen-Gewinnern beurteilen. Gerade durch das immer billiger werdende Equipment ist das heimische Kurzfilmschaffen derzeit ziemlich im Aufwind. Zu dieser Aufbruchstimmung passen auch die vielen lokalen Initiativen, die oft an sehr idyllischen Orten mit wenig Budget qualitativ hochwertige Open-Air-Kinoabende veranstalten. Immer eine Reise wert ist zum Beispiel der Filmhof Wein4tel in Aspern an der Zaya, wo u.a. das exzellente Drummer-Drama Whiplash gezeigt wird. Sehr wichtig ist den Machern dort auch, dass Kinder bereits früh Zugang zu qualitätsvollen Filmen wie Shaun das Schaf bekommen.
Die vielen oft sehr familiären Veranstaltungen in Niederösterreich aufzuzählen, würde diesen Rahmen hier sprengen, zwei besondere Tipps seien hier aber noch erwähnt: Über die Jahre, Nikolaus Geyrhalters Langzeitbeobachtung von Arbeitssuchenden im Waldviertel, wurde heuer mit dem Diagonale-Preis ausgezeichnet und entfaltet in Zwettl, am Ort des Geschehens, sicher eine ganz besondere Wirkung. Die kulinarische und die cineastische Qualität des Slow-Food-Festivals in Drosendorf hat sich sowieso schon im ganzen Land herumgesprochen.
Westwärts
Oberösterreich und Salzburg sind zwei weitere Hotspots für Sommerkino-Fans. Die dortigen Programmkinomacher in Linz, Wels, Vöcklabruck oder Steyr verstehen eben ihr Handwerk und stellen professionell organisierte Veranstaltungen auf die Beine. Die Local Bühne Freistadt bietet allen, die es gerne besonders idyllisch haben, bei der Braunberghütte einen herrlichen Ausblick auf die Mühlviertler Hügellandschaft, zünftige Verpflegung vom dortigen Wirt und, passend zur Naturkulisse, die Vorpremiere von Liebe auf den ersten Schlag, einer kraftvollen Liebes – und Aussteigerstory aus Frankreich. Im Land Salzburg tut sich auch abseits der Festspiele kulturell einiges: Die Salzburger Akzente veranstalten schon seit Jahren ihr Gratiskino (nicht nur) für Jugendliche am Salzbeach und heuer auch beim Hochhaus am Stadtwerk, außerdem können Liebhaber unkonventioneller Sounds vier herausragende Musikfilme beim kulturellen Experimentierfeld „Zur schreienden Nachtigall“ genießen, darunter die Österreich-Premiere von Hit Me with Music, einer Doku über die jamaikanische Dancehall-Szene. Viele Touristenorte wie Radstadt oder Krimml haben mittlerweile auch entdeckt, dass sich die Gäste über zusätzliche abendliche Angebote freuen und setzen auf (oft) Gratis-Open-Air-Kino. Dieselbe Mischung aus etabliertem Programmkino (Zeughauskino Innsbruck, Burghofkino Klagenfurt)und ländlichem Kleinstadt-Filmgenuss (Oberndorf, Dellach) findet man auch in Tirol und Kärnten.
In der Steiermark ist Graz mit dem Lesliehof das Zentrum für Cineasten. Die traditionsreiche Alpinale in Vorarlberg versammelt wieder Kurzfilmenthusiasten aus ganz Europa, um seine begehrten Preise zu vergeben, während das Poolbar Festival mit seinem Musikprogramm (heuer u.a. Aloe Blacc, William Fitzsimmons) ebenfalls Gäste aus Nah und Fern anlockt. Filme werden hier aber auch gezeigt: Neben der Nick-Cave-Doku 20,000 Days on Earth kann man auch Sudabeh Mortezais gelungenes Spielfilmdebüt Macondo (wieder) sehen. Wie überhaupt auffällt, dass der österreichische Film sehr stark im Programm fast aller Spielstätten vertreten ist. Jedenfalls steht einem spannenden Sommerkino-Kinosommer nichts mehr im Wege. Jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen, obwohl es vielerorts auch Indoor-Abspielmöglichkeiten gibt.
