Am 15. März präsentiert „ray“ die Österreich-Premiere von László Nemes’ mit dem Golden Globe und dem Oscar ausgezeichneten Film „Son of Saul“. Der ungarische Filmemacher im Gespräch.
Reise ins Herz der Finsternis
Text ~ Oliver Stangl
Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Oktober 1944: Der Ungar Saul Ausländer (Géza Röhrig) ist Teil eines jüdischen Sonderkommandos, das die Nazis bei der systematischen Vernichtung von Männern, Frauen und Kindern unterstützt. Als Saul mit einem Jungen konfrontiert wird, der die Gaskammer zumindest ein paar Minuten länger als der Rest der Gruppe überlebt, ist er davon überzeugt, dass es sich um seinen Sohn handelt. Saul fasst inmitten der Hölle auf Erden einen scheinbar unmöglichen Plan: Er will die Leiche des Jungen vor dem Krematorium retten und ihn ordentlich bestatten. Dazu muss er einerseits einen Rabbi finden, der bereit ist, das Kaddisch-Gebet zu sprechen, und andererseits aus dem Lager entkommen. Trotz der Schwierigkeit, diesen Plan in einer Umgebung umzusetzen, in der der kleinste Fehler zum Tod führen kann, wird Saul dieser Entschluss zu einer derartigen Obsession, dass er darüber sogar den geplanten Aufstand des Sonderkommandos gegen die Nazis vernachlässigt …
Spielfilmen, die sich mit dem Holocaust und dem Grauen der Lager beschäftigten, wurde nicht selten der Vorwurf gemacht, dass sie versuchten, das Unzeigbare zu zeigen – und in der Konsequenz voyeuristisch oder verharmlosend wirkten (Kritik, vor denen auch oscargekrönte Werke wie Spielbergs Schindler’s List und Benignis La vita è bella nicht gefeit waren). Mit seinem von schriftlichen Augenzeugenberichten inspirierten Langfilmdebüt Son of Saul hat Regisseur László Nemes einen formal bestechenden Weg gefunden, diese Kritik zu umgehen. Das enge Format 4:3 sorgt – neben dem filmhistorischen Verweis darauf, dass Filme zu jener Zeit eben so gedreht wurden – dafür, dass der Zuschauer nie eine Gesamtperspektive des Lagers zu sehen bekommt. Mátyás Erdélys Kamera bleibt stets bei Saul und seiner Perspektive, das eigentliche Grauen ist nur bruchstückhaft zu sehen und entfaltet sich, trotz vieler heftiger Szenen und Plansequenzen, eher im Kopf der Rezipienten. Auch bleibt vieles offen und mehrdeutig – ist Saul wirklich davon überzeugt, dass es sich um seinen Sohn handelt, oder sieht er in dem Jungen ein Symbol der verlorenen Unschuld?
Géza Röhrig meistert die enorme Herausforderung, die die Rolle des Saul an ihn stellt, eindrucksvoll; seine Darstellung eines Mannes, der seiner Menschlichkeit beraubt wurde und nun versucht, durch einen symbolischen Akt (und mag dieser auch noch so sinnlos erscheinen) Erlösung zu finden, ist ebenso reduziert wie intensiv. Ein verdient preisgekrönter Film, der wie kaum ein anderer die Grauen der nationalsozialistischen Mordmaschinerie fassbar macht.
Béla Tarr, das war meine Filmschule
Interview ~ Dieter Oßwald
Herr Nemes, es gibt zahlreiche filmische Auseinandersetzung zum Thema Konzentrationslager und zur Nazi-Zeit. Was hat Sie zu einem weiteren Film darüber bewogen?
Ich war enttäuscht von den Ansätzen der Filme, die sich mit dem Holocaust befassen. Dagegen wollte ich etwas unternehmen. Ich wollte die Zuschauer als Menschen ansprechen und ihnen nicht ständig zuviel erzählen. Mir war es wichtig, ein authentisches Bild zu zeichnen, das unaufdringlich ausfällt und sich auf einzelne Figur beschränkt.
Was stört Sie an bisherigen Filmen über den Holocaust?
Sie zeigen zuviel und sie erzählen zuviel. Wir wollten nicht die Geschichte eines Überlebenden erzählen, wir zeigen das KZ als Todesfabrik. Eine Fabrik, in der die Opfer zur Arbeit gezwungen wurden und die Täter gemordet haben. An diesem Ort der Vernichtung, wo alle Humanität verloren ist, spielt sich ein archaisches Drama ab: Der Held versucht, sich allen Widrigkeiten zum Trotz menschlich zu verhalten und einem toten Kind eine Beerdigung zu ermöglichen.
Mit welchen Gefühlen dreht man solch einen Film? Macht das nicht depressiv?
Absolut. Wenn man so viele Monate in einem Krematorium zubringt, nimmt einen das natürlich mit, man fühlt sich wie gefangen in einem Strudel, dem man nicht entkommt.
Sie belassen die Opfer stets in der Unschärfe der Kamera. Kann man das Unfassbare einfach nicht zeigen?
Dieser Schrecken soll der Vorstellungskraft des Zuschauers vorbehalten bleiben. Jedes konkrete Bild würde das Ausmaß dieses Schreckens begrenzen. Was sich im Kopf des Publikums abspielt, ist besser geeignet, um zu spüren, welche enormen Abgründe sich an diesem Ort offenbarten. Eine traditionelle Inszenierung würde dem Grenzen setzen und den Zuschauer emotional entlasten.
In einer Szene, als die Opfer in die Gaskammer getrieben werden, verspricht ihnen eine Durchsage: „Nach dem Duschen wartet eine heiße Erbsensuppe auf euch.“ Gab es solche Ansagen tatsächlich? Wie authentisch ist Ihre Darstellung?
Solche Durchsagen hat es gegeben, sie sind durch Zeitzeugen historisch überliefert. Dasselbe gilt für die Todesschreie der Verzweifelten, die durch die Gaskammern nach außen drangen. Gleichwohl nimmt man sich bei einem Film die Freiheit der künstlerischen Darstellung. Im Unterschied zur Realität, wo diese Schreie ständig zu hören waren, vernimmt man sie bei uns nur kurze Zeit, denn sonst würde sich das Publikum daran gewöhnen – wie sich auf gewisse Weise auch die Mitglieder des „Sonderkommandos“ daran gewöhnten.
Die Schreie der Toten verhallen, es bleibt dennoch eine permanente Lärmkulisse aus Kommandogebrüll und Beschimpfungen. Welche Rolle spielt dieser bedrohliche Ton?
Der Ton erinnert das Publikum ständig daran, dass hier viel mehr passiert, als was er sieht.
Die Hauptfigur ist im Film selten in ganzer Größe zu sehen, meist zeigen Sie ihn von der Hüfte aufwärts, weshalb?
Auf diese Art mussten wir ihn nicht mit teuren Schuhen ausstatten und konnten das gesparte Geld an anderer Stelle verwenden. (Lacht) Wir bleiben mit der Kamera so dicht an dieser Figur, damit wir sie unmittelbarer bei ihrer Reise begleiten können. In unserem Blickfeld ist nur das, was auch Saul interessiert. Er achtet auf den Horror nicht, er blendet ihn aus, weil er ohne diese psychologische Distanz gar nicht überleben könnten. Diesen Tunnelblick vollziehen wir mit der Kamera nach.
Welchen Einfluss hat Béla Tarr auf Ihre Arbeit?
Mit Béla Tarr zu arbeiten, war meine Filmschule. Welchen Einfluss er auch mich hatte? Schwer zu sagen. Solche Dinge passieren sicher unbewusst.
Ihr Film wurde staatlich finanziert. Die aktuelle ungarische Regierung steht nicht unbedingt für Toleranz und Liberalität. Hat es so etwas wie Einflussnahme gegeben?
Die staatliche Förderung ist eher ein Zufall, weil wir in ganz Europa niemanden gefunden haben, der unseren Film finanzieren wollte. Alle haben das Risiko gescheut. Der ungarische Filmfonds trifft seine Entscheidungen nach professionellen Erwägungen, politischen Einfluss gibt es dort nicht – bislang jedenfalls nicht.
