Source Code

Source Code

Acht Minuten Ewigkeit

| Alexandra Seitz |

Nach seinem Überraschungserfolg Moon legt Duncan Jones mit Source Code einen weiteren ebenso spannenden wie intelligenten Genrefilm vor. Darin gelingt es ihm erneut, Schauwerte und Charaktere, Entwicklung und Spekulation in ein produktives Gleichgewicht zu bringen. Am Ende denkt man weniger über Plausibilität als über Humanität nach und hat sich zudem ausgesprochen gut unterhalten.

Sagen wir es einmal so: Leute mit etwas ausgeprägterem Hang zur Logik werden sich möglicherweise ein wenig schwer tun mit Duncan Jones’ Source Code. Aber auch diejenigen, die sich im Allgemeinen bereitwillig der kinematografischen Forderung nach „suspension of disbelief“ beugen, dürften ihren guten Willen durch das, was Drehbuchautor Ben Ripley ihnen da zumutet, auf die Probe gestellt sehen. Anders gesagt: Im Vergleich zur Handlungsprämisse von Source Code sind die Zeitschleifen-Verknotungen der Terminator-Saga so simpel wie das kleine Einmaleins. (*) Hat man aber einmal das eigene Verstehenwollen von der grundsätzlichen Ebene auf die eher pragmatische, der Handlung zu folgen, verschoben, belohnt einen Source Code mit einer Geschichte, die aller hintergründigen Wirrsal zum Trotz vordergründig ganz wunderbar Sinn ergibt. Oder in den Worten von Dr. Walter Rutledge, seines Zeichens Leiter des Source-Code-Experiments und von Jeffrey Wright mit Hingabe als eine Kreuzung aus Charakterstudie und Karikatur angelegt: „The source code is a gift. Don’t squander it by thinking.“

Duncan Jones, der mit seinem Erstling, dem feinen, bescheidenen Moon, einen verdient großen Erfolg feiern konnte, erfüllt mit Source Code die in ihn gesetzten Hoffnungen. Auch sein zweiter Film erweist sich als das Werk eines ebenso klugen wie talentierten Regisseurs, der die Möglichkeiten des Genrekinos umfänglich zu nutzen versteht.

Wie Moon ist auch Source Code ein Science-Fiction-Film mit Thriller-Elementen, angereichert mit – da Jones diesmal sichtlich mehr Geld zur Verfügung stand – einigen wohldosierten, immer schlüssigen Action-Sequenzen. Wie in Moon steht auch in Source Code ein isolierter Mann im Mittelpunkt, dessen Wahrnehmung seiner selbst, dessen Bewusstsein und Identität bestenfalls fragmentarisch und provisorisch genannt werden können. Wie Moon beschränkt sich auch Source Code auf einige wenige Schauplätze und verdichtet die Handlung zunehmend bis auf einen essenziellen Kern, aus dem sich sodann einige wenige, doch substanzielle Fragen ableiten lassen. Gemeint sind hier nicht die oben erwähnten Fragen nach der Wissenschaftlichkeit dessen, was abläuft. Gemeint ist vielmehr die Frage nach dem Verhältnis von wissenschaftlicher Machbarkeit und moralischer Verantwortung innerhalb der im Film gezeigten Versuchsanordnung. Gemeint sind auch die noch wesentlich fundamentaleren Fragen nach dem Wesen von Wirklichkeit und der Natur von Existenz. Gemeint ist nicht zuletzt die Frage, ob und inwieweit ein humanistisches Weltbild mit einer militärisch-technokratischen Struktur in Übereinstimmung zu bringen ist, die den Menschen auf computerisierte Gehirnströme reduziert.

Das klingt komplizierter als es ist und ergibt sich zudem mühelos im Verlauf der Handlung. Da jedoch der Zuschauer gegenüber der Hauptfigur von Source Code keinen Wissensvorsprung erhält, sich ihm die Situation, in der diese sich befindet, erst nach und nach und im Gleichklang mit deren fortschreitendem Wissen erschließt, kann an dieser Stelle nicht allzu viel über das Geschehen verraten werden. (Wer lieber gar nichts erfahren will, sollte jetzt besser nicht weiterlesen.) Nur dies: Captain Colter Stevens (gespielt von einem voll engagierten Jake Gyllenhaal), eben noch Hubschrauber-Pilot im Afghanistan-Einsatz, sieht sich plötzlich an Bord eines Pendlerzuges auf dem Weg nach Chicago versetzt, wo er einen drohenden Terroranschlag verhindern soll. Bald schon kämpft der Captain an zwei Fronten: im Zug ums Überleben, das umso erstrebenswerter erscheint, als Colter gegenüber der charmanten Christina (Michelle Monaghan holt aus ihrer kleinen Rolle raus was geht) zu Bewusstsein kommt, dass er sie nicht mehr missen will. Und mit seinen Vorgesetzten kämpft er andernorts um Sinn oder Unsinn der Mission, die Autonomie seines Handelns, mithin um die Deutungshoheit über das, was geschieht. Eine mitfühlende Seele findet Colter in seinem Führungsoffizier Colleen Goodwin (Vera Farmiga, militärisch diszipliniert und zärtlich zugleich).

Es sind die Figuren, für die das Herz des Regisseurs Duncan Jones schlägt. Und ganz gleich, ob diese es nun in einem kleinen, unabhängigen Film oder in einer großen, teuren Produktion mit den Machenschaften der Mächtigen zu tun bekommen, er lässt sie nicht im Stich.

(*) Wer sich ausführlicher für die logischen, quantenphysikalischen, philosophischen, psychologischen und neurowissenschaftlichen Probleme interessiert, mit denen „Source Code“ so kreativ umgeht, dem sei „The Pseudoscientific Philosophy of Source Code“ von fenzel auf der ohnehin grundsätzlich empfehlenswerten website overthinkingit.com ans Herz gelegt. http://www.overthinkingit.com/2011/04/05/source-code-pseudoscience/