Der Mann kann auch anders: Jake Gyllenhaal hat sich für seine neueste Rolle mächtig in Form gebracht. In Antoine Fuquas „Southpaw“ verkörpert er einen verwitweten Profi-Boxers, der mithilfe seiner Tochter lernt nicht nur im Ring, sondern auch im Leben zu bestehen.
Mit der Faust aufs Auge, oder besser noch: in die Magengrube des Gegners hauen, das konnte Billy „The Great“ Hope (Jake Gyllenhaal), amtierender Weltmeister im Halbschwergewicht, schon immer gut. Und viel mehr musste er in den letzten Jahren auch nicht verrichten, denn seine kluge und äußerst attraktive Frau Maureen (Rachel McAdams) hat sich stets liebevoll um die gemeinsame Tochter Leila (Oona Laurence) wie auch sonst um alles gekümmert. Als Maureen eines Tages unerwartet ums Leben kommt, brennen bei Billy folglich alle Sicherungen durch. Er verfängt sich in einer erdrutschartigen Spirale aus Wut, Schuldgefühlen, Einsamkeit und Machtlosigkeit ob der unendlichen Leere, die der Tod seiner Frau hinterlassen hat, und riskiert damit nicht nur seinen Titel und sein Vermögen, sondern vor allem das Sorgerecht für seine Tochter zu verlieren.
Man muss schon zweimal hinschauen, wenn man den Schauspieler hinter dem stählernen Muskelpaket erkennen will, das sich Jake Gyllenhaal für seine Rolle in Antoine Fuquas Southpaw über einen Zeitraum von mehreren Monaten schwerstens antrainiert hat. Fuqua selbst ist ihm während der eindrucksvollen Transformation vom charmanten Frauenschwarm zum unbändigen Tier nicht von der Seite gewichen und die ungewöhnlich enge Zusammenarbeit, möchte man meinen, hat sich am Ende mehr als ausgezahlt. Wer Gyllenhaal kennt, weiß jedoch, dass er auch ohne die Motivation des Trainers immer ein Stück mehr gibt, als alle anderen. Dass er nicht nur verdammt gut, sondern auch verdammt hartnäckig ist und seit seinem Durchbruch mit Donnie Darko (2001) viel Energie darauf verwendet hat, seinen Platz als einem der facettenreichsten und einprägsamsten Darsteller des gegenwärtigen Kinos zu sichern. Der Kanadier Denis Villeneuve, der Gyllenhaal zunächst für seinen Hollywooderstling Prisoners (2013) engagierte und mit dem großartigen Doppelgängerfilm Enemy (2013) gleich noch eins draufsetzte, muss es wissen, wenn er sagt: “It’s a challenge to work with Jake. But it’s a great challenge. He likes to push the material.“ Southpaw liefert dafür einmal mehr den Beweis.
Herr Gyllenhaal, wie fühlt sich das an, wenn man von einem Profi-Boxer einen Schlag versetzt bekommt?
Im ersten Moment denkt man nur: Scheiße! Und dann setzt relativ schnell der Schmerz ein. Aber wenn Sie mich fragen, was mehr weh tut, dann sind das direkte Körperschläge jeder Art, vor allem, wenn sie richtig gut platziert sind. Das wünschen sie keinem!
Ins Gesicht ist dann also gar nicht so schlimm?
Spaß macht das auch nicht, aber Schmerz ist ja immer relativ, und es ist schon interessant, dass beim Profiboxen die meisten Knockouts eigentlich immer durch einen Körperschlag eingeleitet werden, weil das den Körper sofort extrem schwächt, insbesondere wenn ein Organ getroffen wird. Aber ganz ehrlich, wie stark oder schwach man einen Schmerz fühlt, ist immer von der konkreten Situation abhängig. Manchmal können Sie einen Haken relativ locker wegstecken und beim nächsten Punch werden Ihnen die Knie weich. Aber das ist ja auch eine ganz schöne Metapher für den Film insgesamt, weil es ja genau darum geht, Schwäche zeigen zu können, anstatt lieber noch einmal und mit mehr Wucht draufzuhauen.
Boxfilme haben in der Geschichte des amerikanischen Kinos eine recht lange Tradition und es scheint, als seien sie in den letzten Jahren wieder sehr in Mode gekommen. Was hat Sie ausgerechnet an dieser Geschichte beziehungsweise an dem Sport selbst gereizt?
Das hatte zunächst einmal einen eher persönlichen Grund, und zwar im Hinblick darauf, dass Billy jemand ist, der seine ungeheure Wut im Bauch ganz konkret als Motivation dafür benutzt, durch das Boxen zu Ruhm und Erfolg zu gelangen, aber letztendlich das Leben, das er sich so schwer erkämpft hat, auf die gleiche Art und Weise wieder zerstört. Die Idee fand ich sehr spannend. Und was dazu kommt, ist, dass Billy nicht nur Boxer ist, sondern auch ein junger und total unerfahrener Vater, der sich plötzlich vor die Aufgabe gestellt sieht, sich ganz allein um seine Tochter zu kümmern. Antoine und ich haben uns lange darüber unterhalten, dass es in vielen Hollywood-Filmen der letzten Jahre so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz gibt, wie alt eine Vaterfigur mindestens sein muss beziehungsweise wie alt dann die Kinder sind und so weiter. Und wir wollten zeigen, dass es auch anders geht und man damit interessante Perspektiven eröffnet.
Gibt es etwas, was Sie vom Boxen gelernt haben?
Ja, jede Menge sogar. Zum Beispiel, dass man Opfer bringen muss, wenn man richtig gut werden will, weil das Training so brutal ist. Und dass man schon richtig besessen sein muss von dem Sport, um wirklich langfristig dabei zu bleiben. Aber über das rigorose Training und die Vorbereitung auf einen Kampf, kann man tatsächlich auch unheimlich viel für sich selbst lernen. Und davon abgesehen ist vielleicht das Wichtigste, zu begreifen, dass es nicht auf dein Gesicht ankommt. (Lacht.)
Rachel McAdams ist beeindruckend in der kurzen Zeit, die ihr bleibt, um ihre Rolle zu etablieren. Aber der eigentliche weibliche Star des Films ist Oona Laurence, die Ihre Tochter spielt.
Ja, Oona ist wirklich großartig. Die Leute schmunzeln immer, wenn ich das sage, sie ist vielleicht eine der besten Schauspielerinnen ist, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe. Aber das hat etwas mit der ungezwungenen Art zu tun, wie sie an die Sache herangeht, wobei sie gleichzeitig auch ein unheimliches Talent hat, zu improvisieren und ihre Fantasie spielen zu lassen. Und ihre Vorstellungskraft ist es schließlich auch, was die Billy und sie am Ende wieder zusammenführt – darauf kommt es an.
Sie haben Ihren Körper für die Rolle extremen Belastungen ausgesetzt. Hatten Sie auch Bedenken, dass Sie Ihrer Gesundheit damit langfristig schaden können?
Bedenken hatte ich keine, aber ich glaube schon, dass man sich über eventuelle Spätfolgen bewusst sein sollte. Es gibt gerade unter jungen Schauspielern auch eine ungesunde Bereitschaft, sich Extremsituationen auszusetzen, um an Aufträge zu kommen. Ich persönlich halte das für eine gefährliche Tendenz. Wenn mich beispielsweise ein junger Kollege fragen würde: „Ich spiele demnächst einen Drogenanhängigen. Meinst du, es wird glaubwürdiger, wenn ich vorher selbst mal Drogen ausprobiere?“ Dann ist die Antwort natürlich ganz klar ‚nein‘. Aber ich denke, es ist ein ziemlich schmaler Grat, auf dem wir Schauspieler uns da manchmal bewegen, ganz konkret, was die Vorbereitung auf eine Rolle angeht. Und egal ob es sich um körperlich Extremsituationen handelt, oder wie man sich mental auf einen bestimmten Zustand, oder auch nur ein Gefühl vorbereitet, das sollte immer unter Aufsicht von Experten geschehen. Ich bin deshalb auch erstmal zu einem Arzt gegangen, als wir Nightcrawler gedreht haben, weil es mir darum ging, einen ganz bestimmten Instinkt in mir wachzurufen und das Gefühl während des Drehens solange wie möglich zu halten.
Man sagt Ihnen Perfektionismus nach, ähnlich wie Robert de Niro, mit dem Sie in letzter Zeit immer öfter verglichen werden…
Ist das so? Wer sagt denn sowas?
Es gäbe schlimmere Vergleiche, finden Sie nicht?
Das schon, aber es stimmt ja nicht. Ich hatte zwar schon gehört, dass es Leute gab, die wilde Parallelen zwischen Nightcrawler und Taxi Driver gefunden haben wollen, aber auch das ist ja ziemlich an den Haaren herbei gezogen, wenn Sie mich fragen.
Antoine Fuqua hat Sie beim monatelangen Training, das Sie vorab absolviert haben, die ganze Zeit über begleitet. Hat Sie das motiviert oder eher gestört?
In dem Fall hat es mir sehr geholfen, aber auch sonst ist es mir lieber, wenn man sich vorab ein bisschen näher kennenlernt, bevor es ans Drehen geht. Ich denke, dass man dadurch noch mehr für den Regisseur rausholen kann, weil man ein gewisses Gefühl dafür bekommt, worauf es ihm ankommt. Und wenn beide Seiten von Anfang an bereit und in der Lage sind, etwas mehr Zeit und Energie zu opfern, dann kann das für die Zusammenarbeit noch ganze andere Türen öffnen. Aber wie gesagt, es kommt auch immer darauf an, mit wem man es zu tun hat. Das funktioniert nicht mit jedem. So eine ganz besondere Beziehung verbindet mich zum Beispiel mit Denis Villeneuve, mit dem ich bisher zwei Filme gedreht habe. Im Nachhinein scheint es fast so, als sei der erste der beiden Filme eigentlich nur die Generalprobe für den zweiten Film gewesen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen harsch und ganz so ist es auch nicht gewesen, aber in Bezug auf die Intensität der Zusammenarbeit lässt sich das schon so sagen.
Haben sie mit Antoine Ähnliches erlebt?
In gewisser Hinsicht ja, auch wenn das unser erster gemeinsamer Film war. Aber Antoine ist auch jemand, der sehr eng mit seinen Schauspielern zusammenarbeitet und alles für sie tut, um ihnen beim Drehen den nötigen Freiraum zu geben. Und wir haben vor ein paar Monaten miteinander telefoniert, da hat er gerade mit dem Editor am Schneidetisch gesessen. Es ging um eine bestimmte Szene, die ihm ganz besonders am Herzen lag, und er meinte dann zu mir: „Ich will die Szene auf keinen Fall rausnehmen. Nein, das will ich nicht. Ich finde, Du bist großartig darin.“ Und ich erinnere mich, dass wir eine ganze Weile diskutiert haben, und ich am Ende sagen musste: „Aber es passt einfach nicht in den Film. Du musst das rausschneiden. Das ist schon okay!“
Wie schwer fällt es Ihnen persönlich, Rollen wieder loszulassen? Gibt es da welche, die Sie eigentlich ganz gerne noch einmal spielen würden?
Ja, da gibt es sicher einige. Aber es ist wahrscheinlich für alle Beteiligten besser, wenn ich das nicht tue.
Sie haben einmal gesagt, Sie wären eines Morgens aufgewacht und hätten das Gefühl gehabt, im falschen Raum zu sein. Haben Sie den richtigen Raum mittlerweile gefunden?
Ich weiß gar nicht mehr genau, in welchem Kontext ich das gesagt haben soll, aber ich glaube es ging da um Source Code und die Idee in einem anderen Raum aufzuwachen, als dem, in dem man sich am Abend zuvor ins Bett gelegt hat. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Die Antwort ist ja und nein. Ich glaube, mir ist mittlerweile klar geworden, dass ich eigentlich gar keinen Raum brauche, solange ich mich auf die Dinge konzentriere, die mir Spaß machen. Und wen andere Leute an den Dingen auch ihre Freude haben, dann ist das ganz wunderbar. Aber, auch wenn nicht, ist das nicht tragisch. Dann ist es einfach so.
