Der neue Bond: Unterhaltsam, aber ziemlich durchwachsen
Vor mittlerweile neun Jahren stellte man die Weichen für den britischen Superagenten James Bond neu: Nach Pierce Brosnans letztem Bond-Auftritt im von der Kritik verrissenen Die Another Day (2002) wollte man die Figur wieder realistischer und menschlicher gestalten. Die Übung gelang: Casino Royale war ein Hit und der neue Darsteller Daniel Craig überzeugte Fans und Kritik. Zwar ging der Nachfolger Quantum of Solace (2008) wegen eines Streiks der Drehbuchautoren eher daneben, aber der gigantische künstlerische und kommerzielle Erfolg des von Oscarpreisträger Sam Mendes inszenierten Skyfall, der 2012 zum fünfzigjährigen Jubiläum erschien, machte dies wieder vergessen. In diesem Film ging es gegen Ende hin bereits wieder zu den Wurzeln der Sixties-Bonds mit Sean Connery zurück, eine Tendenz, die in Spectre, abermals inszeniert von Mendes, nun fortgeführt wird. Dies sorgt vor allem in der ersten Filmhälfte für Vergnügen, doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr schlägt es sich mit den bisher unternommenen Versuchen, die Figur mit einem psychologischen, quasi-realistischen Background auszustatten.
Der Film fängt dabei sehr gut an: Ein minutenlanger Tracking-Shot zeigt Bond dabei, wie er in Mexiko-Stadt am Tag der Toten einen Terroristen ausschaltet. Spannung, Action und Schauwerte sind hier elegant vereint, makabere Kostüme, ein einstürzendes Haus und ein Faustkampf im Helikopter sorgen für einen der bisher besten Bond-Opener. Back in Britain wird der Agent allerdings gleich einmal von seinem Vorgesetzten M (Ralph Fiennes) zwangsbeurlaubt – die Sache in Mexiko war nämlich wieder einmal ein persönlichen Motiven geschuldeter Alleingang. Trotz Suspendierung versucht Bond weiterhin, einige lose Fäden aus den vorhergegangenen Filmen zusammenzuführen, und während an der Heimatfront die Einstellung der Doppelnull-Abteilung durch den sinisteren C (Andrew Scott) droht, verschlägt es den Agenten an gewohnt malerisch eingefangene Schauplätze wie Sölden, Rom oder Tanger. Dabei werfen Ereignisse von Casino Royale bis Skyfall ihre Schatten bis in die Gegenwart. Das alles ist mit Zitaten aus der Bond-Geschichte und gut inszenierten Actionszenen gewürzt (dass Passanten des Öfteren auf magische Weise verschwinden, sollte nicht stören), leidet aber an profillosen Figuren: Monica Bellucci als Terroristen-Witwe etwa wird mit einem dreiminütigen Auftritt verschwendet und die Chemie zwischen Bond und Madeleine Swann (Léa Seydoux), der Tochter eines alten Widersachers, kann sich durch die Gehetztheit der Handlung nicht wirklich entfalten. Etwas mehr zu tun bekommt diesmal Waffenmeister Q (Ben Whishaw), der Humor einbringt, während Dave Bautista als Killer Mr. Hinx zwar keine Hintergrundgeschichte erhält, dafür aber mit massiver körperlicher Präsenz für Bedrohung sorgt.
Bond-Filme werden nicht zuletzt nach der Qualität des Bösewichts beurteilt, und hier lässt der Film leider aus: Wird Franz Oberhauser (Christoph Waltz) zunächst als quasi mächtigster Gangster der Welt eingeführt, vor dem alle Zittern, gerät er mit Fortschreiten der Handlung immer mehr zur Witzfigur, dessen Motivationen (und vor allem die persönliche Hintergrundgeschichte, die er mit Bond teilt) schnell lächerlich wirken, woran auch ein vermeintlicher Twist nichts ändern kann. Besonders im überlangen Finale stellt man sich die Frage, was am Chef der im Bond-Universum legendären Organisation Spectre überhaupt gefährlich ist. Die Schuld daran liegt übrigens nicht bei Waltz, dem das Böse ja bekanntlich gut steht, sondern am Drehbuch, das Schwierigkeiten hat, zwischen düsteren Aspekten (angerissen werden u.a. Themen wie globale Überwachung) und klassischem Bond-Entertainment eine überzeugende Tonlage zu finden.
Doch was soll’s: Unterhaltsam ist letztlich auch dieser Bond und man freut sich ja trotz allem schon auf den nächsten. Ob Craig, der sich in Interviews als amtsmüde bezeichnete, noch einmal in den Dienst ihrer Majestät zurückkehrt oder die Rolle hiermit an den Nagel gehängt hat, ist offen – das Ende lässt Raum für beide Optionen.
