Eine Märchenmodernisierung mit Hirn und Herz
Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen will Tarsem Singh in Spieglein Spieglein erzählen – und das, man ahnt es, bedeutet, dass sie ein wenig anders verläuft als seinerzeit bei den Gebrüdern Grimm. Glücklicherweise aber vermeiden Melissa Wallack und Jason Keller in ihrem Drehbuch eine allzu brachiale Aktualisierung des Stoffes ebenso wie spaßig gemeinte popkulturelle Referenzen auf augenzwinkernd eingezogener Meta-Ebene. Vielmehr liegt der Fokus der Neufassung auf der Ausleuchtung der Motivation der bösen Königin – Machtgier, Eifersucht und Eitelkeit – , und auf die Sache mit dem gläsernen Sarg, der die Titelheldin des Märchens zu weitgehender Handlungsunfähigkeit verdammte, wird gleich ganz verzichtet. Stattdessen findet in Spieglein Spieglein eine Selbstermächtigung Schneewittchens statt, entwickelt sich die Figur von einer schüchternen, wenngleich neugierigen Prinzessin hin zur tatkräftigen, durchaus kämpferischen Anführerin einer Horde kleinwüchsiger Banditen (die Grimms nannten sie „die sieben Zwerge“).
Aus dieser Gemengelage ergibt sich eine Dynamisierung des Konflikts zwischen Stiefmutter und -tochter, und die Rolle des Prinzen verändert sich dementsprechend: vom Retter der in Bedrängnis geratenen Unschuld hin zum Zankapfel, der zwischen zwei Frauen selbst in Bedrängnis gerät. Nicht zuletzt, weil der Prinz immer mal wieder ohne Hemd da steht und den Damen dann einen recht erfreulichen Anblick bietet.
Armie Hammer, zuletzt noch von einer Altersmaske verunziert in Clint Eastwoods J. Edgar zu sehen, überzeugt in der komischen Rolle eines Helden, dem das Heldentum streitig gemacht wird und der darob, gelinde gesagt, irritiert ist. Einen nicht minder vergnüglichen Anblick bietet Nathan Lane als leidgeprüfter Hofmeister, der nicht nur der Launenhaftigkeit seiner Königin (angemessen zickig von Julia Roberts gegeben) hilflos ausgeliefert ist, sondern auch den extravaganten Ein-fällen von Kostümdesignerin Eiko Ishioka.
Überhaupt, das Design. Wie von Tarsem Singh nicht anders zu erwarten, ist Spieglein Spieglein über die Maßen opulent in Szene gesetzt. Produktionsdesign, Ausstattung und Kostüme sind nicht bloß erlesen, sondern ein eigener kleiner, vor Einfällen überbordender Kosmos, in dem das Auge sich kaum sattsehen kann. Ein angemessen märchenhafter, doch nie aufdringlicher Rahmen für eine wilde Fabel, wie sie sich dereinst hinter den sieben Bergen zugetragen haben mag.
