Film und Geschichte - Opfer, Täter, Retter. Ein Dossier

Spuren im Sand

| Michael Pekler |
Die Geschichte schreiben erst diejenigen, die im Nachhinein über sie berichten. Das gilt auch für das Kino als größte Erzählmaschine des 20. Jahrhunderts, das sich der Invasion der Alliierten in der Normandie überraschend selten gewidmet hat. Betrachtungen über vier Landungen aus vier Jahrzehnten.

„We are on this Earth for only a moment in time. And fewer of us have parents and grandparents to tell us about what the veterans of D-Day did here seventy years ago. So we have to tell their stories for them.“ (Barack Obama in seiner „D-Day Speech“, 6. Juni 2014)

 

Die größte Kunst des Krieges ist es, die richtigen Worte zu finden. Nicht an den Feind, sondern zur richtigen Zeit und am richtigen Ort zu den eigenen Männern. Hier bekommt man jedenfalls im Kino die wahren Heerführer zu sehen – ob tausende Griechen, dreihundert Spartaner oder ein dreckiges Dutzend Amerikaner spielt dabei gar keine so große Rolle. Viel mehr gilt es im Moment größter Hoffnungslosigkeit, sich noch einmal daran zu erinnern, dass in diesem Augenblick mehr auf dem Spiel steht als das eigene Leben. Dass es darum geht, Geschichte zu schreiben. Sich also in einem einzigen Moment daran zu erinnern, dass sich für Jahrhunderte andere an einen erinnern werden. „Sehen Sie sich das an, meine Herren. Wie ruhig, wie friedlich das ist. Ein schmaler Streifen Wasser zwischen England und dem Kontinent, zwischen den Alliierten und uns. Aber hinter diesem friedlichen Horizont – ein Ungeheuer. Das wartet nur darauf, auf uns losgelassen zu werden.“ Feldmarschall Erwin Rommel fordert in The Longest Day (1962), auf den Ärmelkanal blickend, vollsten deutschen Einsatz. „Was möchten Ihre Männer wohl lieber sein? Erschöpft oder tot?“, will er von einem der Offiziere wissen.

The Longest Day, das Mutterschiff aller Filme über den D-Day, ist nicht nur seinem Selbstverständnis entsprechend bis heute der definitive Film über diesen Tag. An diesem Film, gespickt mit internationalen Stars, die einander am Set nicht einmal aus der Ferne sahen, sollte von Anfang an kein Weg vorbeiführen, was immer auch spätere Generationen – oder demnächst Christopher Nolan – über den D-Day im Kino noch zu erzählen haben würden. Denn dieser Film erzählt alles, was möglich ist, und alles Mögliche zugleich: vom französischen Widerstand, von britischem Kampfgeist, deutscher Überheblichkeit und amerikanischer Zuversicht. Drei Regisseure – wie in How the West Was Won über die Eroberung des amerikanischen Westens – erzählen mit jeweils eigenem Stab, aber tunlichst ohne eigene Perspektive, von der Befreiung Europas.

Die großen Themen dieses Films sind deshalb Selbstvergewisserung und Zeugenschaft. „People are gonna talk about us long after we’re dead and gone“, wissen alle bereits im Voraus, oder wie John Wayne als Fallschirmspringer eine rhetorische Punktlandung gelingt: „We are on the edge of the most crucial day of our times.“ Doch wie wartet man auf etwas, von dem man weiß, dass es sicher  kommen wird? In The Longest Day ist das einfach, denn hier herrscht unten, bei den gewöhnlichen Soldaten, das große Zittern, und oben, bei den Generälen, die Ruhe vor dem Sturm. Man hat einem Freund noch einen Kleinigkeit zu erzählen, Dinge in die Lebensordnung zu bringen, will wie Henry Fonda als Sohn des Präsidenten unbedingt an den Utah Beach, oder gewinnt als Matrose beim Würfeln zweieinhalbtausend Dollar, ohne zu wissen, ob man sie am nächsten Tag noch brauchen wird: eine schlichte Form der Individualisierung im Massenkrieg, ein Ausschnitt von Figuren in einem Ausschnitt von Schauplätzen. Von uns hingegen verlangt The Longest Day, dass wir uns unserer Zeugenschaft gewahr werden. Der englische Fallschirmspringer, der an einer Kirchturmspitze hängen bleibt und den Kampf von oben beobachtet, übernimmt für uns diese Funktion: ein Beobachter aus sicherer Distanz, aber so nahe am Geschehen dran wie möglich.

The Longest Day funktioniert wie eine Schachpartie, die bereits zu Ende ist und deren Züge bereits gemacht worden sind. Was diesen Film mehr als die Geschichte interessiert und ihn interessant machen soll, ist denn auch die Entstehungsgeschichte dieses 6. Juni 1944. Dabei können die historischen Fakten schnell zur Legende werden – und umgekehrt: „Wir sind Zeuge eines Ereignisses, das die Historiker aller Zeiten für unwahrscheinlich halten werden“, sinniert Curd Jürgens als General der Infanterie bei seinem letzten Glas Cognac, „aber es ist doch wahr. Wir erleben einen geschichtlichen Augenblick. Wir werden den Krieg verlieren, weil unser glorreicher Führer eine Schlaftablette genommen hat. Und nicht geweckt werden darf.“ Adolf Hitler hat den D-Day verschlafen: Die letzte traurige Wahrheit für einen General, an die er noch glauben kann.

„There are two kinds of men on this beach. Those that are dead and those that are about to die. So let’s get off this goddamn beach an die inland.“ Der Colonel, der in Samuel Fullers The Big Red One (1980) genau das von seiner Truppe verlangt, nämlich gefälligst erst im Hinterland zu sterben, findet entschieden die richtigen Worte. Denn der Angriff der Alliierten ist ins Stocken geraten, immer mehr tote US-Soldaten bedecken den Strand der Normandie oder werden als Leichen von den Wellen angespült. Die Armbanduhr eines im Wasser treibenden Gefallenen, die Fuller wiederholt zwischen die Kampfhandlungen montiert, macht hier weniger das Verstreichen der Zeit deutlich, sondern wie hier Stunden zur Ewigkeit werden – und fungiert damit als Bild des Blutzolls, den die Invasion mit jeder Minute fordert.
In The Big Red One, Fullers monumentalem Kriegsepos über die legendäre US-Infanteriedivision, ist der D-Day als Schicksalstag der Weltgeschichte nur eine Episode unter mehreren. Gleich zu Beginn schildert Fuller die Gründung der Einheit, die sich im Zweiten Weltkrieg einen Namen machen wird und diesen einem schrecklichen Irrtum verdankt: Nachdem er im Niemandsland einen deutschen Soldaten getötet hat, kehrt ein US-Soldat (Lee Marvin) mit einem schmalen, roten Fetzen zurück in den Schützengraben. Doch der Erste Weltkrieg ist ohne sein Wissen bereits seit ein paar Stunden zu Ende. Der Krieg ist eben zur Geschichte geworden, während das rote Stück Stoff fortan eine andere schreiben wird.

Das Schlachtfeld in der Normandie braucht bei Fuller im Gegensatz zu den anderen Schauplätzen – die Truppe kämpft sich zuvor durch Nordafrika und landet auf Sizilien – weder Vorstellung noch Erklärung. Denn der Omaha Beach ist ein ikonografisches Feld, dessen Bedeutung zu erkennen ein einziges Bild genügt. Bei Fuller wird die Erstürmung des schmalen Küstenstreifens denn auch in erster Linie zu einer Bewährungsprobe für das Funktionieren der Truppe. Weder die Logistik der Stabsführung noch der Heroismus eines einzelnen Soldaten führen hier zum entscheidenden Sieg, sondern der Zusammenhalt der Einheit: Um eine Bresche in die deutschen Verteidigungsstellungen zu schlagen, werfen die Soldaten einander der Reihe nach die dafür nötigen Handgranaten zu – Stück für Stück und mit durchschlagendem Erfolg. Dann ist es nach langen Stunden endlich an der Zeit, den „goddamn beach“ zu verlassen und sein Leben anderswo zu riskieren.

Knapp zwanzig Jahre später sollte Steven Spielberg mit Saving Private Ryan (1998) eben jenen Weg vom Strand ins Hinterland nachzeichnen, eine konventionell erzählte Rettungsaktion für einen „letzten“ Sohn. Doch dieser Erzählung gehen jene dreißig Minuten voraus, mit denen Spielberg es wiederum darauf anlegte, Filmgeschichte zu schreiben und die noch heute als stilbildend für einen neuen Hyperrealismus in der Darstellung des Krieges gelten. Hier gibt es keinen souveränen Blick mehr, weder von einem Offizier noch von einem einfachen Soldaten. Die Kamera bewegt sich vielmehr selbst mitten im Geschehen wie ein Soldat, der Bilder schießt und taub wird, wenn sich die Detonationen in seiner Nähe ereignen. Zugleich protokolliert sie das Sterben der anderen, das Herausdrängen der Eingeweide, den Verlust von Gliedmaßen. Bei Spielberg wird der D-Day zur Attraktion, die kaum mehr erzählerisch zusammengehalten wird: Der Zeuge wird zum „eingebetteten“ Beteiligten, Geschichte zur unmittelbaren Erfahrung.

Wie stark die Reinszenierung des 6. Juni 1944 am Omaha Beach, der die anderen Landungsabschnitte der Briten, Kanadier sowie der US-Amerikaner am Utah Beach aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt hat, sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem einzigen Bild verdichtet hat, beweist schließlich kein Kriegsfilm, sondern passenderweise ein Blockbuster mit Superhelden. In X-Men: Wolverine (2009) dauert der längste Tag gerade einmal eine Minute. Die durch die Kriege der Welt – vom Amerikanischen Bürgerkrieg bis nach Vietnam – ziehenden  Halbbrüder können furchtlos aus den Landungsbooten den Strand hinaufjagen. Mit Zigarre im Mundwinkel und raubtierartigen Sprüngen räumen sie den Weg frei für die Befreier. Ihre stärkste Waffe sind ausgerechnet an diesem Ort des Gemetzels ihre Körper: Die Kraft der spontanen Selbstheilung macht sie unverwundbar – und Omaha Beach endgültig vom Schlachtfeld zur privaten Spielwiese.