Bittersüßes Märchen über eine konservative Chorleiterin, die in der aufregenden Welt der Drag Queens erneut zu sich selbst findet. Gut gemeint – statt queerem Potenzial gibt’s aber Kitsch, Klischees und erzwungene Konflikte.
Drama, Baby! Nicht zuletzt dank der US-amerikanischen Castingshow RuPaul’s Drag Race (quasi Germany’s Next Topmodel, nur mit Drag Queens), die sich seit 2008 langsam, aber unaufhaltsam zum internationalen Erfolgs-Kultformat mauserte, sind Drag Queens in Film und Fernsehen en vogue und sorgen dafür, dass die dramaturgische Spielwiese, die uns zum Herumtollen einlädt, ein Stückchen glitzernder, farbenprächtiger (nicht Nachbars Wiese, sondern jene der Drags ist stets noch grüner als die eigene!), gesellschaftskritischer und weniger heteronormativ wird. Ob der Kritikerliebling Pose, Netflix’ Achtungserfolg AJ and the Queen, die ProSieben-Bauchlandung Queen of Drags oder TVNow’s Versuch, mit The Diva in Me ausgetretene Abo-Pfade zu verlassen: Drag-Formate sind längst kein Nischenprogramm mehr, sondern mitten im Mainstream angekommen. Das mag zwecks Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Inklusivität mehr als begrüßenswert sein, bringt jedoch auch das eine oder andere Problem mit sich. Nämlich, dass die Versuchung groß ist, queere Themen – per definitionem dann am stärksten, wenn man sie eben nicht definieren möchte – schnell in eine Norm-Schablone zu pressen und ihnen die Sichtweise der breiten Masse aufzudrücken. Denn so wichtig es für das eigene Selbstwertgefühl auch ist, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen, umso größer wird auch die Gefahr, die für eine gesellschaftliche Weiterentwicklung so wichtige Sicht von außen zu verlieren.
Texas Meets San Fransisco
Womit im Grunde auch bereits das Grundproblem von Stage Mother erklärt wäre, dem neuesten (Indie-)Versuch Hollywoods, sich divers und aufgeschlossen zu geben, gleichzeitig aber nicht eine allzu große Menge an Zuschauern zu vergraulen. Im Mittelpunkt des Films von Regisseur Thom Fitzgerald steht Maybelline (Jacki Weaver), eine texanische, fromme und konservative Chorleiterin, die im Vergleich zu ihrem homophoben, sturen und beinahe ängstlich an althergebrachten Normen festhaltenden Ehemann (Hugh Thompson) eigentlich gar nicht so schlimm rüberkommt. Der gemeinsame Sohn Rickey (Eldon Thiele) hat nach seinem Coming-Out der intoleranten Atmosphäre seines Elternhauses den Rücken gekehrt und in San Francisco, bekanntermaßen das Mekka des alternativen Lifestyle, ein neues Leben angefangen, geformt ganz nach seinen höchst individuellen Bedürfnissen, Wünschen und Träumen. Wie diese aussehen, erfährt Maybelline, als sie vom plötzlichen Tod Rickeys in Kenntnis gesetzt wird und den Entschluss fasst, dessen Beerdigung in San Francisco zu besuchen. Dort angekommen, watet Maybelline durch ein emotionales Wechselbad zwischen Trauer und Überraschung: „Ich habe eine Beerdigung erwartet, keine Musical Comedy!“ Denn die Seniorin kann es nicht glauben, als plötzlich extravagante, mit glitzernden und teils knappen Frauenoutfits bekleidete Männer dem Leben ihres Sohnes in Form von nicht gerade zurückhaltenden Karaoke-Auftritten Tribut zollen. Die Überraschung wird sogar noch größer, als sie erfährt, dass Rickey Gründer eines Drag Clubs war – und den sie, ausgerechnet, nun erben soll. Macht nix, wir befinden uns schließlich im Traumfabrik-Märchen: Kurzerhand (und bisserl gar weit hergeholt) entschließt sich die rüstige Chorleiterin aus einer anderen Welt, den Club zu altem Glanz zu verhelfen … Das geistige Auge des Lesers/der Leserin spult wahrscheinlich spätestens jetzt den weiteren Verlauf des Films bereits ab – und, so viel sei gesagt: Recht hat es!
Bei einer bittersüßen Dramedy á la Stage Mother, die als gut gemeinter Mix aus Sister Act, My Fair Lady und Kinky Boots (sogar das Filmplakat erinnert an den Broadway-Klassiker!) daherkommt, geht es nicht darum, mit Spannung dran zu bleiben, weil man unbedingt wissen möchte, wie der Film endet. Das weiß man in den ersten paar Minuten. Viel mehr ist der berühmte Weg das Ziel: Wie wird es der konservativen Maybelline gelingen, einem heruntergekommen Drag Club wieder auf die Beine zu helfen und im Zuge dessen nicht nur endlich Frieden mit ihrem verstorbenen und entfremdeten Sohn zu schließen, sondern auch die eigene, stark von ihrem homophoben Ehemann geprägte Weltsicht zu überdenken und hinter sich zu lassen? Denn dass es in Stage Mother nicht vordergründig um eine Geschäftsidee, sondern vor allem um einen Selbstfindungstrip geht, dürfte jedem halbwegs geübten Filmliebhaber klar sein. Die Thematik der Selbsterkenntnis und der Selbstfindung steht aber nicht nur bei Maybelline, sondern auch bei all den Drag Queens im Fokus, auf die die Texanerin im Laufe ihrer kitschig-humorvoll-anrührenden Reise begegnet. Ab diesem Zeitpunkt heißt es dann: „Frag einfach die Mama, Darling!“, bis es am Ende noch mehr Glitzer, Glamour, Kitsch, Tränen und Make-up gibt.
Viel Gefühl, aber wenig Mut
Das macht Stage Mother zu einem unterhaltsamen Märchen, das an sich wichtige Themen wie Akzeptanz, Familie und eben das Finden der eigenen Wahrheit behandelt und auch das eine oder andere Mal tatsächlich zu Tränchen rührt. Oberflächlich gesehen hat Stage Mother also durchaus das Herz am rechten Fleck. Kratzt man an der Oberfläche, lässt der Film aber leider an zwingend benötigter Gesellschaftskritik sowie auch erzählerischer Tiefe vermissen und erinnert in seiner Ästhetik oftmals an einen TV-Film. Dafür gibt es Nebenrollen, erzwungene große und kleine Konflikte, pointierte, aber stets harmlose One-Liner, picksüßen Kitsch und leider auch Klischees und Stereotypen en masse, was nicht nur zur Oberflächlichkeit vieler Figuren und Storyplots (die Geschichte rund um eine Transfrau wird nie aufgelöst!), sondern auch zur eingangs erwähnten Problematik führt: Anstatt Mut zur Unkonventionalität und vor allem zur queeren Selbstbestimmung zu zeigen, begeht Stage Mother einmal mehr den Fehler, die LGBTQ-Community als drogensüchtig und im Grunde zutiefst unglücklich zu zeigen. Vor allem aber wird eine Community präsentiert, die auf die Hilfe einer weißen, alten Dame aus gutem Hause angewiesen ist, um glücklich zu werden. Zugegeben, der Lerneffekt ist auf beiden Seiten da, ein schwer zu ignorierender bitterer Nachgeschmack lässt sich trotzdem nicht vermeiden – vor allem, da Regisseur Fitzgerald eigentlich reichlich Erfahrung im queeren Story-Sektor hat und hier die Chance gehabt hätte, die Würfel im Spiel rund um Geschlechterrollen, Performativität und Selbstakzeptanz anders als gewohnt und mit reichlich Schmackes rollen zu lassen. Stattdessen setzt er auf Sicherheit und Feel-Good-Atmosphäre, die nicht weh tut und gerade deswegen weh tut. Daran können auch die wie immer wunderbar aufspielende und einnehmende Jacki Weaver oder auch die in den Augen des Textverfassers göttliche Lucy Liu (die einmal mehr beweist, dass sie in Hollywood weit unter ihrem Wert geschlagen wird) nicht viel ändern.
Kurz: Stage Mother ist cineastisches comfort food, das im ersten Moment schmeckt und satt macht, kurz darauf aber eine grummelnde Leere im Magen hinterlässt.
