KUBRICK

Stanley Kubrick

Die Summe der Teile

| Oliver Stangl |
Drei Bücher aus dem Hause Taschen widmen sich dem Making-of von Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“, „A Clockwork Orange“ und „Barry Lyndon“ – ausführlich, bildgewaltig und mit attraktiven Extras.

Der Konsum von Film ist zu einem gewissem Grad ein Kontrakt mit dem Unterbewusstsein. Man ist bereit sich auf Illusion, auf Immersion, auf ein Erlebnis einzulassen. Der Verstand weiß, dass man in einem dunklen Saal Inszenierungen betrachtet, lässt es aber zu, sich im Gebotenen zu verlieren. Bei faszinierenden Werken können offenkundig nicht einmal Making-ofs den Schein zerstören – zu wissen, wie der Zauber vonstatten ging, ringt im besten Fall noch mehr Bewunderung ab. In filmischer Form hat das Making-of mit dem Siegeszug von DVD / Blu-ray rasant an Verbreitung gewonnen, wo es Dauergast in der Bonus-Rubrik ist. Nicht minder gut, in manchen Aspekten vielleicht sogar besser, eignen sich Bücher, um hinter die Kulissen zu blicken: Setfotos, Stills und Dokumente lassen sich hier unkomplizierter betrachten als am Bildschirm. Der Begriff Haptik spielt dabei mehr als eine Rolle, denn der Fokus bei Making-of-Büchern scheint bislang auf den „handgemachten“, sprich analogen Filmen des 20. Jahrhunderts zu liegen. Das mag auch damit zu tun haben, dass die Frage „Wie haben die das bloß gemacht?“ sich bei Werken neueren Datums wohl recht oft mit „Am Computer“ beantworten lässt. Doch das wäre eine eigene Diskussion.

Ein Regisseur, dessen Werk nicht nur durch kontrovers-pessimistische Themen und Bildgewalt, sondern auch durch unzählige Dreh-Anekdoten – dutzendfache Wiederholung von Takes, Schauspielerqual, Perfektionismus – Aufmerksamkeit auf sich zog, ist zweifellos Stanley Kubrick (1928–1999). Bereits in der Vergangenheit hat der Verlag Taschen in Zusammenarbeit mit dem Stanley Kubrick Estate einige ausführliche Bücher über das Schaffen des Filmemachers veröffentlicht (darunter zum „Napoleon“-Projekt oder zum fotografischen Werk), nun legt man erneut drei grandiose Veröffentlichungen vor: Im ansprechenden LP-Format – Haptik! – widmet sich Herausgeberin Alison Castle dem philsophischen Science-Fiction-Meilenstein 2001: A Space Odyssey (1968), der Gewalt-versus-Freiheit-Dystopie A Clockwork Orange (1971) und der in der Manier alter Meister gedrehten Aufsteigersatire Barry Lyndon (1975).

Die Welten, die Kubrick hier analog erschuf, sind auch nach Jahrzehnten noch eindrucksvoll. Jedem der Bücher – die, wie von Taschen gewohnt, in hoher Druckqualität und prächtiger Aufmachung daherkommen – liegen jeweils der Film in DVD-Form (neu gemastered) sowie das Original-Filmplakat bei. Dazu gibt es Kubrick-Interviews, Drehbuchentwürfe, Filmstills und Setfotos en masse. Eingefleischte Kubrickianer werden viele der Hintergrund-Infos (etwa die Funktion der „Schwerkraft“-Zentrifuge in 2001, die NASA-Linsen, die bei Barry Lyndon das Drehen bei Kerzenlicht erlaubten, Malcolm McDowells Augenverletzungen in Clockwork) wohl über die Jahre schon in irgendeiner Weise nachgelesen haben, doch die Zusammenstellung der einzelnen Komponenten ist derart gelungen, dass man den Gesamtkunstwerken durchaus wieder mit frischem Blick begegnen kann. Für Neulinge ist ohnehin kaum eine bessere Einführung denkbar. Zusätzlich gibt es neues Material wie etwa Texte von Kubricks ausführendem Produzenten und Schwager Jan Harlan aus dem Jahr 2019.

Die Summe der Teile ist hier zwischen Buchdeckel gebannt, im Kopf des Lesers mag daraus – wie auch bei der Betrachtung der Filme – noch mehr entstehen.