Stanley Kubrick

Er kam, sah und scheiterte

| Roman Scheiber :: Oliver Stangl |
Was hätte sein können: Die Planungsphase von Stanley Kubricks legendärem Napoleon-Projekt wird durch eine umfangreiche Veröffentlichung im Taschen-Verlag detailliert nachvollziehbar.

Parallelen zwischen dem Korsen Napoleon Bonaparte und dem Amerikaner Stanley Kubrick sind schwer zu übersehen: ein großes Ego, einen Hang zu gigantomanischen Unternehmungen und den Drang nach absoluter Kontrolle kann man getrost beiden, dem Feldherrn und dem Filmemacher, unterstellen. Möglicherweise war es also eine Art Seelenverwandtschaft über die Jahrhunderte, die Kubrick wie besessen an seinem letztlich nie realisierten Filmprojekt über Napoleon arbeiten ließ. Die mehrjährigen Vorbereitungen sind einem Feldzug vergleichbar, in dessen Verlauf der Regisseur eine derart große Menge an Material zusammentrug (darunter etwa Wetterprognosen oder 17.000 zeitgenössische Bilder) – dass, so Kubricks Schwager und Produktionsleiter Jan Harlan, schwerfällige Maschinen nötig waren, um den Datenwust zu ordnen. England und Frankreich waren als Drehorte vorgesehen, die rumänische Armee sollte für die Schlachtszenen zehntausende Soldaten preisgünstig zur Verfügung stellen.

So sehr war Kubrick von dem Projekt überzeugt, dass er sich sogar zur Prognose „I expect to make the best movie ever made“ hinreißen ließ. Laut Harlan faszinierte Kubrick an Napoleon vor allem, wie er trotz seines Genies und seiner großen Erfolge scheitern konnte: „Kubrick war (…) fasziniert von jener Siegerfigur, die katastrophale Fehler beging, oft wider besseres Wissen oder besseren Rat. Bei diesem Film wäre das Publikum hin- und hergerissen gewesen zwischen Bewunderung und Verachtung für Napoleon, einen Menschen mit Charme und Charisma, aber auch einen rücksichtslosen, egozentrischen Despoten, der die Hoffnungen und das Vertrauen von Millionen Menschen in ganz Europa verriet.“ Das Drehbuch, das in dieser Ausgabe als Faksimile inkludiert ist – und laut Harlan während der Dreharbeiten ständig verändert worden wäre –, folgt Napoleons Leben chronologisch, Historisches und Persönliches verschränkend. Über Besetzungsfragen lässt sich nur spekulieren; zwar hatte Kubrick eine Menge Namen aufgelistet, die von Peter O’Toole bis Audrey Hepburn reichen, allerdings hatte er den Schauspielern noch keine Rollen zugewiesen. Die Napoleon-Rolle hat er in den Sechziger Jahren nachweislich Oskar Werner angeboten, in den Siebzigern trug er sich mit dem Gedanken an Jack Nicholson. Dass das Filmprojekt schließlich knapp, aber doch an der Finanzierung scheiterte – MGM fürchtete nach dem schlechten Abschneiden des 1970 gedrehten Historienschinkens Waterloo mit Rod Steiger als Napoleon einen Flop – ist wohl als Ironie der Filmgeschichte einzustufen. Kubrick schlug jedoch Kapital aus diesem Scheitern, so verdankt sein 1974 entstandener Historienfilm Barry Lyndon dem gescheiterten Napoleon-Projekt viel, etwa die visuelle Orientierung an zeitgenössischen Gemälden oder den Vorsatz, ohne künstliches Licht zu drehen.

Ob „Napoleon“ wirklich der größte Film aller Zeiten hätte werden können, muss Spekulation bleiben – durch diese Veröffentlichung allerdings eine, der man sich mit Freuden hingibt.