Das Kinderfilmfestival lädt erneut dazu ein, Kinder und Jugendliche aus 13 Ländern und ihre Freuden und Probleme zu entdecken. So groß wie die geografische Bandbreite ist auch die thematische.
Filme können die Phantasie beflügeln, und sie können dies wie in dem niederländischen Eröffnungsfilm Jackie und Oopjen (Jackie en Oopjen, Regie: Annemarie van de Mond) auf amüsante Weise mit der Betrachtung von Kunstwerken verbinden: Die zwölfjährige Jackie schlendert oft durchs Rijksmuseum in Amsterdam, da ihre Mutter Mouna dort als Konservatorin arbeitet. Gerade wird eine Sonderausstellung mit Werken von Rembrandt vorbereitet, darunter auch die Porträts von Marten Soolmans und Oopjen Coppit. Kuratoren des Louvre werden auch erwartet. Doch dann passiert etwas Verblüffendes: Das Porträt von Oopjen Coppit scheint lebendig zu werden, als Jackie daran vorbei läuft. Erst schauen Oopjens Augen dem Mädchen nach, dann wirft sie einen Perlenohrring nach ihr, um auf sich aufmerksam zu machen. Am Ende steigt Oopjen einfach aus dem Bild und erklärt Jackie, dass sie verzweifelt nach ihrer Schwester Aeltje sucht, die ebenfalls ein Modell Rembrandts war. Jackie beschließt, Oopjen bei der Suche nach dem Porträt ihrer Schwester zu helfen. Sie versteckt Oopjen zu Hause in ihrem Zimmer, und die abenteuerliche Suche der beiden ungleichen Freundinnen beginnt. Nicht nur, dass sie ständig entdeckt werden könnten, die Aufregung im Museum und bei Jackies Mutter ist groß. Es sind zudem zwei tölpelige Kunsträuber hinter ihnen her, die die beiden auch noch abschütteln müssen. Jackie und Oopjen ist eine köstliche Culture-Clash-Komödie für Kinder ab 7, die ein Mädchen aus der Zeit vor 400 Jahren mit unserer Gegenwart konfrontiert und mit einem modernen Mädchen zusammenspannt, wodurch herrlich komische Situationen entstehen. Der Film vermittelt zwischen den Künsten und Zeiten, zwischen Fantasie und Realität.
Wesentlich ernster ist der ebenfalls niederländische Film Der Club der hässlichen Kinder (De Club van lelijke Kinderen) von Jonathan Elbers. Der Film ist eine Art Science-Fiction mit zunächst dystopischen Zügen, der jedoch ein Happy End offeriert. In einem filmästhetisch brillanten Setting, einer durchchoreografierte Szenerie mit wirkungsvoller Farbregie, erzählt der für Kinder ab 10 empfohlene Film von den Abenteuern des Jungen Paul. Er lebt in einem totalitären Regime, in dem Kinder, die dem Schönheitsideal des skrupellosen Herrschers nicht entsprechen, aussortiert und in ein Camp geschickt werden. Paul kann entkommen, und es gelingt ihm, nicht nur sich selbst so zu akzeptieren, wie er ist, sondern auch einen Aufstand der Kinder gegen die Herrschaft zu initiieren. Ein anspielungsreicher, zeitgemäßer und ästhetisch exquisiter Film, der zugleich als Kommentar zu den aktuellen Protestbewegungen der jungen Generation zu lesen ist.
Im Mittelpunkt der australischen Produktion H steht für Happiness (H Is for Happiness) von John Sheedy (empfohlen ab 9 Jahren) steht das Mädchen Candice (ganz wunderbar und charmant besetzt mit Daisy Axon), das es sich im Rahmen eines Schulprojekts zur Aufgabe gemacht hat, die Menschen in ihrem Umfeld glücklich zu machen. Das ist alles andere als leicht, denn ihre Eltern trauern seit Jahren um Candices kleine Schwester Sky, die an plötzlichem Kindstod gestorben ist. Besonders ihre Mutter ist darüber depressiv geworden. Auch ihr Vater, der sich zudem mit seinem Bruder zerstritten hat, klebt unglücklich an seinem Computer und glaubt, mit intensiver Arbeit über sein Unglück hinwegzukommen. Und auch Candices neuer Tischnachbar in der Schule, Douglas Benson, kann sich nicht als der akzeptieren, der er ist: Er ist fest davon überzeugt, aus einer anderen Dimension zu stammen, und begibt sich selbst in Gefahr, um zu dieser zurückzukehren. Mit Leidenschaft, Charme und Hartnäckigkeit versucht Candice, ihr selbst gestecktes Ziel zu erreichen. Ein Film, der komisch, bunt und wunderbar schräg von den Versuchen eines Mädchens erzählt, die Menschen in ihrer Umgebung glücklich zu machen. Die besondere Qualität liegt darin, dass es dem Regisseur gelingt, den skurrilen Grundton des Films mit einer darunterliegenden tiefen Tragik und dem glaubhaften Schmerz der Figuren zu verbinden und diese am Ende mit Hilfe von Warmherzigkeit und Poesie aufzulösen.
Auch der norwegische Schwestern (Tottori! Sommeren vi var alene) des Regieduos Silje Salomonsen und Arild Østin Ommundsen (empfohlen ab 8 Jahren) handelt von zwei Mädchen, deren Mutter unter einer Depression leidet. Zusammen mit ihrem Vater besuchen Vega und Bille sie noch im Krankenhaus, wo sie sich ausruhen muss. Dann brechen die beiden Schwestern mit ihrem Vater zu einer Wandertour in der norwegischen Wildnis auf. Sie haben Spaß miteinander, wenn sie das Zelt aufbauen, klettern und der Vater beim Versuch, einen Fisch mit der bloßen Hand zu fangen, ins Wasser fällt. Doch dann stürzt der etwas übermütige Vater auch noch in eine Höhle und verletzt sich. Die beiden Mädchen müssen den ganzen Weg durch die Wildnis allein zurückfinden, um Hilfe zu holen. Natürlich verlaufen sie sich, und es ist lange nicht klar, ob sie es schaffen werden. Erzählt wird der Film aus der Perspektive von Bille, der älteren der beiden Schwestern, die über ein Voice Over nicht nur dieses Erlebnis kommentiert, sondern auch die Situation ihrer Familie insgesamt reflektiert. So wird aus dem Abenteuerfilm zugleich das sensible Porträt einer modernen Familie, in der jedes Familienmitglied zu oft in einer bestimmten Rolle festsitzt. Doch dann, wenn diese Rollen einmal überwunden werden, geschehen wunderbare Dinge.
Der italienische Film Mein Bruder jagt Dinosaurier (Mio fratello rincorre i dinosauri, Regie: Stefano Cipani, ab 10 Jahren) erzählt eine Familiengeschichte in zunächst leichtem Ton, jedoch mit einem ernsten Hintergrund. Im Mittelpunkt steht der Junge Jack, der sich riesig freut, als er erfährt, dass er endlich einen Bruder bekommt. Wo er doch schon zwei ältere Schwestern hat. Dass der kleine Gio mit Trisomie 21 zur Welt gekommen ist, versuchen die Eltern Jack schonend als Besonderheit zu verkaufen. Doch je älter er wird, desto mehr schämt er sich für seinen eingeschränkten Bruder. Bis er ihn schließlich komplett verleugnet. Mein Bruder jagt Dinosaurier erzählt eine berührende Coming-of-Age-Geschichte, die sensibel von den Nöten eines Jugendlichen erzählt, der auf schmerzhafte Weise lernt, sich seinem Schamgefühl zu stellen. Ein Film, der nicht nur für Kinder und Jugendliche interessant ist.
