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Venedig Blog 1

Stars, Streiks und Männerkino

| Pamela Jahn |
Der 80. Jahrgang der Internationalen Filmfestspiele von Venedig startet trotz der anhaltenden Streiks in Hollywood mit einem vielversprechenden Programm.

Es hätte so schön werden sollen: Zendaya als Tennis-Star im Minirock auf der großen Leinwand und davor in glamouröser Abendrobe auf dem roten Teppich. So hatte es der Festival-Leiter Alberto Barbera lange geplant. Doch dann kam ihm der Streik der Schauspieler und Drehbuchautoren in Hollywood in die Quere. Plötzlich hieß es, Luca Guadagninos mit Spannung erwartetes Sportdrama Challengers, das eigentlich die 80. Jubiläumsausgabe des ältesten Festivals der Welt einleiten sollte, werde aufgrund der aktuellen Situation nicht länger am Lido gezeigt. Stattdessen würde Edoardo De Angelis Comandante den ursprünglich angekündigten Eröffnungsfilm ersetzen. Es war ein schwacher Trost, von Anfang an.

De Angelis‘ Kriegsdrama handelt von einem U-Boot-Kommandanten im Zweiten Weltkrieg, der sich seiner Menschlichkeit bewusst wird. Getragen wird der Film von seinem großen Hauptdarsteller: Pierfrancesco Favino beweist in seiner Rolle, dass er auch international längst mehr Aufmerksamkeit verdient. Aber ein mühsames Drehbuch und die oft klischeebeladene, langatmige Regie machen es dem gebürtigen Römer schwer, seiner Figur ein angemessenes Profil zu verleihen.

Erfolgreicher bewegt sich Adam Driver in seiner Rolle als Enzo Ferrari durch Michael Manns fesselndem Biopic über den ehemaligen Rennfahrer und Gründer der berühmten Automarke. Und es scheint, als sei Ferrari der inoffizielle Auftakt zum Festival. Denn sogar Driver ist trotz des Streiks zur Premiere angereist, weil die Macher des Films keine Mitglieder in Hollywoods Produzentenallianz sind. Damit war am Donnerstagabend zumindest für ein bisschen Star-Feeling auf dem roten Teppich gesorgt. Und wie bereits in Ridley Scotts House of Gucci, in dem der unendlich wandelbare Schauspieler unlängst als Chef des italienischen Modehauses agierte, gelingt es ihm auch in Manns Film, einer Figur Herr zu werden, die von ihm selbst nicht weiter entrückt sein könnte: Enzo Ferrari, so wie ihn Driver zeigt, ist ein Machtmensch, der vom Rausch der Geschwindigkeit ebenso getrieben zu sein scheint, wie von seinem Ego, seiner Arbeit und seinem Ruhm.

Regisseur Michael Mann konzentriert die Handlung auf ein Schlüsseljahr im Leben des Firmengründers: 1957 wird Ferraris Ehe mit seiner Frau und Geschäftspartnerin Laura (Penélope Cruz) nur noch von äußeren Umständen und der gemeinsamen tiefen Trauer um ihren Sohn Dino aufrecht erhalten, der ein Jahr zuvor gestorben ist. Die Zukunft der Firma steht schon länger auf der Kippe – und Ferrari muss handeln, geschäftlich wie privat. Denn auch seine langjährige Geliebte Lina (Shailene Woodley) stellt ihm ein Ultimatum, dass Ferrari immer weiter in die Enge treibt, während seine Fahrer mit jedem Rennen einen Pakt mit dem Teufel eingehen.

Dagegen wirkt Caleb Landry Jones in Luc Bessons Dogman manchmal wie ein einsamer Joker auf der Suche nach einer für ihn geeigneten Comicverfilmung. Die Parallelen zu Todd Phillips‘ Goldenen-Löwen-Gewinner sind offensichtlich: Der düstere Ton, die Gebrochenheit der Titelfigur und selbst das weiße Make-up im Gesicht sind ähnlich. Aber Jones, der hier einen enormen schauspielerischen Kraftakt vollbringt, injiziert so viel eigenes Charisma, so viel Energie und Tragik in diesen jungen Mann, der sich mit Hilfe eines Rudels voller perfekt trainierter Hunde wie ein an den Rollstuhl gefesseltes Dschungelkind durch den Moloch der modernen Großstadt schlägt, dass man nur Staunen kann.

Überhaupt sind diese ersten Festivaltage geprägt von eindringlichen Männerfiguren, inszeniert von Männern und gespielt von durch die Bank hervorragenden Schauspielern. Dazu gehören auch Jamie Vadell, der in Pablo Larraíns El conde als blutsaugender Augusto Pinochet agiert und Mads Mikkelsen, der in Nikolaj Arcels dänischem Western The Promised Land einen der ersten Landwirte in der schwer zu kultivierenden jütländischen Heide spielt. Vor allem sein Ludvig Kahlen, der es beim Militär aus dem Nichts zur einem Mann mit Rang und Medaille gebracht hat, ist eine faszinierend zwiespältige Figur, die den Film auch über einige Makel und Längen hinweg sicher auf seinen robusten Schultern trägt.

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