Filmstart | Interview

Stasikomödie

| Pamela Jahn |
Vom Western zum Eastern. Ein Gespräch mit Regisseur Leander Haußmann über den letzten Teil der DDR-Trilogie, seine persönlichen Erfahrungen mit der Stasi und warum der Osten ein eigenes Genre verdient.

Herr Haußmann, in Ihrem neuen Film wird die Hauptfigur, Ludger Fuchs, in den achtziger Jahren in der DDR aufgrund seines ordnungsgemäßen Verhaltens an einer roten Ampel für den Geheimdienst rekrutiert. Sind Sie selbst jemand, der zweimal überlegt, ob er bei Rot über die Straße geht?
Leander Haußmann: Ich gehe bei Rot, wenn die Straße leer ist. Ich schaue aber auch bei grün, ob irgendein Irrer von links oder rechts kommt, um mich umzufahren. Das heißt, ich verlasse mich auf meinen gesunden Menschenverstand. Was im Nachhinein auch von uns verlangt wird. Wir sollen ja, auch wenn wir unter einer Diktatur gelebt haben, das Richtige gemacht haben. Wir sollen einschätzen können, ob das richtig oder falsch ist, was der Staat mit uns veranstaltet. Deshalb hat mir die Ampelszene als eine Brücke in die Gegenwart gefallen. Ich würde mich freuen, wenn die Leute aus dem Film rauskommen und sich an der nächsten Ampel fragen, ob sie oder die anderen Menschen um sie herum aufgrund ihres Verhaltens von der Stasi angesprochen wären.

Was macht Ludger Fuchs abgesehen von seinem Ampelverhalten zu einem guten Stasi-Mann?
Er hat ein intellektuelles Interesse. Er sieht gut aus, das heißt, er muss sich nicht verkleiden. Er kann sich aus prekären Situationen retten. Er ist locker. Und wenn man sich seine anderen Kollegen anschaut, ist unschwer zu erkennen, dass sie dazu nicht in der Lage sind.

Sie sind selbst einmal von der Stasi angesprochen worden.
Aber ganz sicher nicht aufgrund meines Ampelverhaltens, sondern weil ich auch in der Szene unterwegs war, für die sich die Stasi interessierte. Allerdings wurde ich letztlich für unbrauchbar erklärt, vermutlich, weil ich, anders als Ludger im Film, ein sehr schlechter Lehrling war.

Wie kommen Sie darauf?
Als ich angesprochen wurde, war ich sechzehn und machte gerade eine Druckerlehre. Da wurde ich eines Tages vom Arbeitsplatz weggerufen. Im Zimmer des Direktors warteten zwei Männer auf mich, die mich fragten, ob ich nicht vielleicht einen anderen Beruf ausüben wollen würde, vielleicht bei der Polizei. Im Gespräch wurde dann allerdings ziemlich schnell klar, dass ich nicht der Richtige für sie war. Und sie waren eigentlich auch schon recht lustlos in ihrem ganzen Anwerbungsversuch. Was sicherlich nicht zuletzt mit meiner ganzen Familiengeschichte zu tun hatte. Aber wie gesagt, versucht haben sie es trotzdem.

Später wurden Sie selbst von der Stasi observiert. Viele DDR-Bürger haben sich nach dem Mauerfall entscheiden, auf Akteneinsicht zu verzichten und wollten lieber nicht wissen, wer Sie jahrelang bespitzelt hat. Wie ging es Ihnen?
Ich bin zu neugierig. Aber das ist ein ganz interessanter Aspekt. Denn im Film geht es ja auch um Versöhnung. Es geht darum, dass wir lernen müssen, zu differenzieren, was Menschen tun und warum sie es tun. Ein Mörder ist nicht immer gleich ein Mörder. Und Stasi ist nicht gleich Stasi. Bespitzeln ist nicht gleich bespitzeln. Der Geheimdienst würde wahrscheinlich sowieso andere Worte benutzen. Ich will damit sagen: Es gibt immer Leute, die gearscht sind, in jeder Gesellschaftsordnung. Der Oppositionelle von damals ist der Querulant von heute. Man kann sehr schnell in solche Geschichten hineingeraten. Und diese Figur, Ludgar Fuchs, wir wissen im Grunde nichts über sie. Wir wissen nicht einmal, ob er jemals jemanden verraten hat. Aber schon im Vorfeld wird er automatisch als Stasi-Spitzel deklariert. Denn wer bei der Stasi war, war ein Spitzel, ganz klar. Nur dieser nichtdifferenzierte Blick auf die Vergangenheit, der hilft uns nicht weiter. Wir müssen uns fragen, was wir tun würden. Wie würden wir uns in der Situation verhalten? Was ich faszinierend finde, und zwar ohne hier etwas zu rechtfertigen oder banalisieren zu wollen, ist, wie sich der Film aus meiner Manipulation heraus in gewisser Hinsicht verselbstständigt hat. Wie sehr er sein Recht auf Objektivität verteidigt.

Was genau meinen Sie damit?
Ich selbst habe die Figuren mit Erstaunen beobachtet. Vorher war ich der Spieler, der die Fäden in der Hand hatte. Jetzt habe ich ihnen zugeschaut. Und vielleicht sollten wir alle grundsätzlich etwas liebender und vergebender auf unsere Mitmenschen blicken. Ich meine damit natürlich nicht, dass ich einem Opfer sage, du musst vergeben. Aber es gibt genügend Menschen damals und heute, die versuchen, mit Müh und Not ihren Alltag zu bewältigen, zu überleben und trotzdem sie selbst zu bleiben, ohne dass sie Heldinnen oder Helden werden. Und davon lebt eben ein System. In der Pandemie beispielsweise – man durfte es ja nicht sagen – aber ich wurde in dieser Zeit stark an die DDR erinnert. Sperrstunden, Ausweiskontrollen, Maskenpflicht … Klar, wir leben heute in keiner Diktatur, aber wenn man das einmal erlebt hat, denkt man trotzdem daran. Und dann ist man dazu verpflichtet, dafür zu sorgen, dass sich das nicht festsetzt und daraus ein bleibender Zustand wird.

Was sagen Sie den Menschen, die behaupten, Stasi und Komödie, das geht nicht zusammen?
Die Frage ist immer, wie differenziert man eine solche Diskussion führen kann. Das Leben ist schön ist keine Komödie in herkömmlichen Sinn und trotzdem wurden im Vorfeld schon die Messer gewetzt: Wie geht das denn, Konzentrationslager und Humor? Und dann auch noch Roberto Benigni, der große italienische Komiker? Dabei ist der Film nicht an einer einzigen Stelle lustig. Benigni ist lustig für seinen Sohn, damit der das Grauen nicht sieht. Dahinter steckt eine ganz große Idee. Aber wenn die Leute einen anderen Film sehen wollen, dann sehen sie nicht, was vor ihren Augen abläuft. Und natürlich ist meine Stasikomödie in der Hinsicht eine Provokation, deshalb heißt der Film auch so. Es kommt aber eben darauf an, von welchem Standpunkt aus man schaut. Mir geht es nicht darum zu zeigen, was für eine lustige Truppe das war, sondern ich versuche, ein Geheimdienstsystem lächerlich zu machen. Das ist meine Aufgabe als Komödien-Regisseur, diesen Machtapparaten den Wind aus den Segeln zu nehmen und sie kleiner zu machen, als sie sich geben. Denn dieses Böse oder Grausame erhöht sie in meinen Augen nur. Ich will sagen, so gefährlich sind die gar nicht, schickt die weg, lacht über die. Lasst euch das nicht gefallen.

Am Anfang erklärt eine Einblendung, dass auch im Ost-Berlin der achtziger Jahre die Sonne schien. Ist es eines der größten Missverständnisse, dass in der DDR das Leben nur grau war?
Ich finde schon. Ich war neulich in Gropiusstadt und fand es dort jetzt auch nicht besonders bunt. Aber es ist ja immer so eine Sache mit der Erinnerung. Man kann seinen Erinnerungen nun einmal nicht trauen. Aber anderseits sind sie der Stoff, aus dem die Geschichten bestehen, auch die verfälschten. Nichts anderes mache ich im Film. Wir haben das Leben damals vielleicht schon als grau empfunden, aber wir haben es uns dann einfach bunt gemacht. Der Prenzlauer Berg war damals zum Bespiel immer dunkel. Ich kann mich dort bis heute nicht richtig orientieren, weil es früher nie Licht gab. Ich wusste nie, wo ich war. Meistens war ich in irgendwelchen Wohnungen. Und manchmal konnte man sogar durch die Wohnungen durchgehen, oder über die Dächer, das war toll.

Sind Sie ein Nostalgiker?
Man muss wirklich aufpassen, dass man mit zunehmendem Alter nicht zu oft das Wort früher in den Mund nimmt. Deshalb achte ich darauf, dass mein Bekanntenkreis gut gemischt ist. Also dass ich mich nicht nur mit „Meinesgleichen“ umgebe und gegen die Zeit wettere, sondern auch viel mit jungen Leuten zusammen bin, was mein Beruf Gott sei Dank mit sich bringt. Auf der anderen Seite bin ich natürlich auch damit beschäftigt, die ganze Zeit gegen die eigene Verbitterung anzukämpfen. Es ist wichtig, dass man das nicht zulässt, dass man nach vorne schaut.

Ihr Film ist nach „Sonnenallee“ und „NVA“ der letzte Teil Ihrer sogenannten DDR-Trilogie. Wollen Sie es dabei belassen?
Ich habe schon noch andere Geschichten. Und ich fände es schön, wenn die DDR ein eigenständiges Genre werden würde, eine Art „Eastern“, so wie der Western sich in der Filmgeschichte etabliert hat. Zumal der sogenannte Wilde Westen auch nicht mehr als 20 Jahre umspannt. Da sagt auch niemand, das ist doch jetzt mal auserzählt. Und warum nicht? Weil der Western so eine übersichtliche Personnage hat, weil man sich auskennt. Und wenn man sich auskennt, muss der Erzähler nicht mehr so viel erzählen. Das ist wie in den Märchen. Mein geheimes Ziel ist es, dass der Osten auf diese Weise zu eine Metapher für das wird, was uns heute betrifft. Und dafür ist die Vergangenheit in ihrer Schlichtheit und Topografie eben sehr gut geeignet – als Bühne für die Gegenwart.