Erstmalig als Spielfilm: Die wahre Geschichte eines NS-Opfers, das Täterin wurde
Musik ist die große Leidenschaft der Berlinerin Stella Goldschlag, geboren 1922 als Tochter jüdischer Eltern. Sie singt mit vielköpfiger Band und viel Begeisterung Jazz-Stücke wie „Let’s misbehave“ – ein Titel, der ungeahnt dramatische Bedeutungen bekommen wird. Scheint der Traum von einer Karriere in Übersee anfänglich sogar fassbar, versetzt ein harter filmischer Umbruch prompt in den Februar des Jahres 1943: Die Katastrophe ist längst im Gange, Stella entflieht als Zwangsarbeiterin nur knapp der „Fabrikaktion“, lebt mit ihren Eltern und ihrem Ehemann – wie so viele andere auch – in einem versteckten Wohnungsbereich. Anders als etwa ihr Gatte wirkt sie jedoch bis dato nicht gebrochen, ihre Lebenslust und ihr Vorteil, mit blonden Haaren und blauen Augen leicht als Nicht-Jüdin akzeptiert zu werden, lassen sie riskant leben. Nachdem sie von einer Bekannten verraten und von der Gestapo gefoltert wird, gibt sie Informationen über andere Untergetauchte und Widerständige preis, schließlich wird sie – unter Androhung dessen, dass ihre Eltern jederzeit nach Auschwitz überführt werden können – selbst „Greiferin“: Eine Jüdin, die andere aufspürt und ausliefert.
Einerseits funktioniert Kilian Riedhofs Verfilmung des realen Lebens von Stella Goldschlag beeindruckend, als intensive Darstellung davon, was es hieß, im Berlin dieser Jahre jüdisch zu sein: Die Meinungen darüber, wie viel schlimmer es noch werden kann, sind uneinheitlich; manche bleiben vorsichtig optimistisch, unterschätzen die Gefahr, andere sind bereits geflohen, doch auch der verzweifelte Kampf um Visa zur Emigration in die USA endet für viele erfolglos. Gerade in der ersten Hälfte entwirft Stella. Ein Leben. so ein unter die Haut gehendes Gesellschafts-Psychogramm des schleichenden Überrollt-Werdens Deutschlands von dem menschenverachtenden System des Nationalsozialismus. Die volle Komplexität der Protagonistin, ihre Entwicklung zur Komplizin, zur Täterin, die Hunderte an das Regime aushändigte, entfaltet sich im Vergleich weniger gut – wenngleich Paula Beer alles ihr Mögliche zum Gelingen beiträgt; beklemmend und erschaudern lassend, wie sehr sich ihre Stella selbst die Nächste ist. Goldschlags kontinuierlichen Skrupelverlust dramaturgisch stark in ihrem von moralischer Abstoßung und erotischer Anziehung geprägten Verhältnis zu einem jüdischen Kollaborateur zu spiegeln, erweist sich aber nicht als die beste Entscheidung. Auch reihen sich die eindringlichen Bilder von DoP Benedict Neuenfels so rastlos aneinander, dass kaum Momente des Innehaltens entstehen. Solche hätten diesem herausfordernden Stoff sicher gutgetan.
