„Laurin“ (1989), der bislang einzige Kinofilm des Regisseurs Robert Sigl, ist ein seltenes Beispiel für einen Horrorfilm aus Deutschland, der an Traditionen des Genres anschließt und trotzdem ein Unikat bleibt.
Es ist eine alte Leier und trotzdem wahr: Im deutschen Kino gibt es nach dem wohlverdienten Niedergang des Heimatfilms in den fünfziger Jahren nur wenige einschlägige Genrefilme. Insbesondere Horrorfilme blieben Ausnahmen. Die wenigen gelungenen Beispiele brennen sich umso tiefer ins Gedächtnis ein. Robert Sigls 1989 erschienenes Debüt gehört ohne Zweifel dazu: der erste Spielfilm eines jungen Regisseurs, der gleich nach Abschluss der Filmhochschule nach Ungarn fährt, um mit dortigen Schauspielern ein Schauermärchen zu drehen, für das Ergebnis – Laurin – den Bayerischen Filmpreis bekommt und dann weitgehend in der Versenkung verschwindet beziehungsweise nur noch für das Fernsehen arbeitet.
Laurin ist eine wunderschöne, stille und traurige Feier des Kinos. Der Film wirkt, als sei er nicht vom Plot aus gedacht, sondern von einzelnen Bildern: ein Mann in Schwarz, der auf einem Kahn über den Fluss fährt; ein Junge, kopfüber in einem Schrank aufgehängt; eine Frau, die ins Wasser stürzt. Es steckt viel Sorgfalt in den Arrangements der Räume, in ihren Atmosphären. Die Geschichte muss sich dem unterordnen. Und entwickelt so, obwohl ihre Erzähllogik grob dem klassischen Dreiakter entspricht, einen ganz eigenen Rhythmus.
Die Farben in diesem Film springen einen sanft an. Mit ihnen schließt Laurin ans italienische Horrorkino im Gefolge von Mario Bava an. Die alte Burg, das dunkle Haus – seine archetypischen Settings inszeniert Laurin mit unübersehbarer Ausstattungslust, immer mit einer vermodert wirkenden Patina. Jedes Bild ist aus Lust und Angst zusammengesetzt, hat Georg Seeßlen einmal sinngemäß geschrieben. Sigl mischt das einander auf den ersten Blick Widersprechende konsequent: Hier ist keine Schönheit ohne Gefahr und keine Gefahr ohne Schönheit.
Einen Plot gibt es auch. Ein Dorf in den Wäldern, am Rande eines Wassers. Die Mutter der neunjährigen Laurin ertrinkt, bei einem Unfall, so scheint es. Das Mädchen lebt allein mit seiner Großmutter, der Vater ist die meiste Zeit auf See. Ein Kind ist verschwunden, Laurin träumt, dass es nachts vor ihrem Schlafzimmerfenster um Hilfe schreit und dann weggeholt wird. Sie hält Ausschau nach dem Mörder, wirkt dabei zuallererst neugierig. Und nicht angsterfüllt. Nicht-sehen-Wollen ist für die Heldin keine Option.
So handelt Laurin wie viele gute Horrorfilme davon, was es für ein Kind bedeutet, die Welt in ihren schrecklicheren Möglichkeiten kennenzulernen. Ihr Schrecken bleibt hier immer mit Bildern einer schönen und zugleich beklemmenden Natur verbunden. Auch wegen des ruhigen Rhythmus, mit dem er seine Geschichte erzählt, wirkt Laurin noch immer wie aus der Zeit gefallen, auch heute noch. Zeit braucht auch dieser Film, aber wenn man sich aus einer Ruhe heraus auf diese Bilder einlässt, dann ziehen sie einen mit und mitunter sehr weit weg.
