Beziehungsdrama über Kontrollverlust, Selbst- und Fremdwahrnehmung
„Ich bin nicht Stiller“, lauten die ersten Worte in dem Roman, der Max Frisch vor 71 Jahren in der literarischen Welt etablierte. Damit wehrt sich ein Zugreisender bei seiner Festnahme an der Schweizer Grenze und der nachfolgenden Untersuchungshaft vehement gegen den Verdacht, in Wirklichkeit ein gewisser Anatol Ludwig Stiller zu sein, ein mäßig erfolgreicher Bildhauer und mutmaßlicher kommunistischer Kollaborateur, der sieben Jahre zuvor spurlos verschwunden war. Der US-Pass weist den Mann als James Larkin White aus (den Namen hatte Frisch von einem Cowboy übernommen, der 1901 die Carlsbad-Höhlen in Neumexiko erforscht hatte). Obwohl White von Stillers Gattin und einer ehemaligen Geliebten als der verschollene Künstler identifiziert wird, weigert er sich beharrlich, sich als Stiller zu outen. Beide Männer werden von verschiedenen Schauspielern verkörpert, was die Irritation noch verstärkt.
Der Schweizer Stefan Haupt inszeniert die Buchvorlage unter Weglassung des zweiten Teils als kompliziertes Beziehungsgeflecht mit einem Puzzle aus vielen nicht chronologischen Rückblenden und fünfziger Jahre-Gegenwartsszenen in Farbe und Schwarzweiß. Es geht um Ehekrisen und um die Diskrepanz zwischen dem Bild, das man von sich selber macht und den Eindruck, den andere von einem haben. Stiller ist ein zum Aufbrausen neigender, mit seiner Arbeit unzufriedener und durch sein Versagen als Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg in seinem Selbstwertgefühl verletzter Egoist, mit einem von seiner eigenen Jämmerlichkeit gekränkten Ich. Er neidet seiner ehrgeizigen Frau ihren Erfolg als Primaballerina, sie ist die charakterlich Stärkere in der Beziehung. Weiterhin handelt das Verwirrspiel über die Identität des Protagonisten von Stillers früherer Affäre mit der Frau des Staatsanwalts, der im Fall von James White ermittelt.
Geschickt nutzt Haupt die Ausstattung zur visuellen Charakterisierung, das heillose Durcheinander in Stillers Werkstatt illustriert das emotionale Chaos in seinem Kopf. Als seine Frau sieben Jahre später mit White/Stiller konfrontiert wird, tritt sie als beruflich erfolgreiche, schicke Dame auf, (darstellerisch herausragend Paula Beer) und wohnt in einem exquisiten, farblich in lindgrün gehaltenen Hotelzimmer.
Am Ende bleibt die Frage, in wie weit sich ein Mensch mit seiner „Geworfenheit“ (Martin Heidegger) in der Welt abfinden muss, inwieweit er von sozialen Zwängen und gesellschaftlichen Normen abhängig ist.
