Filmkritik

Sture Böcke / Hrútar

| Alexandra Seitz |
Lakonisch schwergewichtige Geschichte über Männer und ihre Schafe

Freilich fragt man sich, warum sie aufgehört haben, miteinander zu reden. Nur Antwort erhält man darauf keine. Seit vierzig Jahren nun schon haben die Brüder Gummi und Kiddi kein Wort mehr gewechselt, und das, obwohl sie auf nebeneinanderliegenden Höfen Schafe züchten. Der Grund ihrer Verfeindung liegt in den Tiefen der Vergangenheit, doch Hrútar, der Film, der ihre Geschichte erzählt, unternimmt in diese Richtung lediglich ein paar zaghafte Probebohrungen, ohne wirklichen Elan. Was tut es nach so langer Zeit auch zur Sache, ob es um eine Frau ging oder um das Erbe oder um beides. Tatsache ist, dass sich der deutsche Filmtitel Sture Böcke weniger auf die Schafböcke bezieht, die zu Beginn in einer Art Schönheitswettbewerb gegeneinander antreten, als vielmehr auf diese beiden, in ehernem Schweigen ineinander verbissenen Protagonisten.

Dann aber bringt die hochansteckende Schafkrankheit Scrapie das Leben in Bardardalur, einem entlegenen Tal im Norden Islands, aus den gewohnten Bahnen. Alle Herden der wenigen dort ansässigen Farmer müssen geschlachtet werden, die Ställe desinfiziert und neu eingerichtet. Mindestens zwei Jahre werden vergehen, bis wirtschaftliche Schafzucht wieder möglich sein wird. So mancher gerät da ins Grübeln, denkt an Berufswechsel oder Ruhestand. Umbruch also, der sich auch auf das Verhältnis der feindlichen Brüder auswirkt, obwohl die sich nach Kräften dagegen sträuben.

Mit seinen eigenbrötlerischen Sturschädeln und ihrem seltsamen Schaf-Treiben hätte Hrútar auch das Zeug zur Komödie gehabt; eine von denen, deren trockener Humor, während er noch leise schmunzeln macht, Rätsel aufgibt. Doch Grímur Hákonarson bedient keine Ethno-Klischees und keinen exotisch motivierten Blick in eine Gegend scheinbar am Ende der Welt. Ihn interessiert vielmehr das Humane der Geschichte, das Drama und wie es lebensverändernd in den Alltag eindringt. Es interessiert ihn die Reaktion der Charaktere auf das drohende Unglück und ihre Bindung zu den Tieren, die für Tradition stehen, für Wurzeln und für Heimat.

Sehr viel mehr als ein immer mal wieder ins Groteske schweifender Bruderzwist wird hier also mit ruhiger Hand ins genaue, grandiose (Landschafts-)Bild gesetzt; und auch wenn es genremäßig spannend wird, bleibt Hákonarsons Hrútar fokussiert: auf die harten Herzen der Brüder, durch die warmes Blut strömt, und die möglicherweise wenigstens einander noch retten können.