Filmreihe

Sündiger Sommer

| Simon Stockinger |
Das diesjährige Sommerprogramm der „Till Midnight Movie“-Reihe im Wiener Schikaneder Kino versammelt Kultiges und Abseitiges unter dem Titel „SOS – Summer of Sin“. Damit bleibt das ambitioniert kuratierte Projekt der ehrwürdigen Tradition des Mitternachtsfilm treu. Zur Wiederbelebung eines subversiven Phänomens .

Geburt des Kult-Films
Im Herbst 1970 zeigte der New Yorker Kino-Betreiber Ben Barenholtz den Film eines jungen Mexikaners in seinem Elgin Cinema, dem heutigen Joyce Theater, in Manhatten. Es handelte sich um Alejandro Jodorowskys El Topo, und die Spielzeit war Mitternacht. Vor Barenholtz wollte kein Kino in den USA den bluttriefenden und vor Hippie-Mystizismus strotzenden Acid-Western übernehmen. Kaum zu erwarten war daher, was folgte: Die tägliche Projektion von El Topo wurde zum spätnächtlichen Kult-Ereignis; über sechs Monate zeigte Barenholtz den Film vor einem vollen Saal. Der Mitternachtsfilm war geboren. Etliche Kinos übernahmen das Konzept, und bald konnten Filme wie etwa John Waters’ queerer Underground-Pulp Pink Flamingos (1972), David Lynchs artifizieller Kleinfamilien-Albtraum Eraserhead (1977) und – zweifellos am populärsten – Richard O’Brians Musical The Rocky Horror Picture Show (1975) an den Erfolg von El Topo anknüpfen.

Der Midnight-Movie-Kult war eine Feier der Transgression und des Außenseitertums, das Counter-Cinema der US-amerikanischen Counter-Culture: Filme, die im Nachhall von 1968 radikal mit Sehgewohnheiten und den dahinterstehenden Normvorstellungen brachen. Einzelne unter ihnen erwiesen sich später als Wegmarken der Pop- und Kinokultur, wobei ihr Einfluss so unterschiedlich war wie die Filme selbst. Während Rocky Horror zur ultimativen Spektakel-Ware wurde, sodass bis heute in jeder Dorfdisco einmal der Time-Wharp aus den Boxen dröhnt, hat etwa Lynchs Eraserhead einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf nachfolgende Regisseurinnen des Autoren-Kinos ausgeübt (Stanley Kubrick soll gar gesagt haben, er wünschte sich, diesen Film selbst gemacht zu haben).

Der Erfolg des Midnight Movie war eng an seinen Event-Charakter geknüpft. Es entstand eine Subkultur, die einerseits das Abweichende feierte, andererseits bereits über ein fröhliches – und ironisches – Bewusstsein für cineastische Popkultur und deren Genres verfügte: Die roten Lippen am Beginn der Rocky Horror Picture Show besingen die Tradition des Double Feature B-Movies; und El Topo vergreift sich vergnügt am Genre des Spaghetti-Western sowie am europäischen Surrealismus. Der Filmkritiker Roger Ebert ging so weit, den 70er-Midnight-Trend als Geburtshelfer für den Durchbruch der Ironie im Film zu bezeichnen. Wenn das stimmt, dann war der Mitternachtsfilm die Avantgarde für jene ironische Selbstbespiegelung, die inzwischen jeden Marvel-Blockbuster fade augenzwinkern lässt.

Aber längst nicht alles an dem Phänomen, dessen Blütezeit mit dem Aufkommen von VHS endete, ist so rund im Mainstream aufgegangen – denn es gibt ihn ja immer noch, den subversiven Nischenfilm, die Nachtseite der Filmkunst.

Til Midnight
Die „Til Midnight Movies“-Reihe knüpft seit 2019 spielerisch an diese Tradition an und hat sich inzwischen zu einem kleinen Fixum im cineastischen Wien gemausert. Das liegt nicht nur am kultigen Schikaneder Kino, sondern insbesondere an der Filmauswahl des Kurators Julian Stockinger (full disclosure: mein Bruder). Gezeigt werden seit dem Start des Projekts nicht nur Perlen des zeitgenössischen Nischen- und Genre-Films, sondern auch in die Jahre gekommene Werke, die ästhetische oder inhaltliche Standards gesetzt haben, aber nur selten in Kinos gezeigt werden. Unter den Letzteren war etwa Dario Argentos opulentes Giallo-Meisterwerk Opera (1987) oder Ōbayashi Nobuhikos japanischer Kultfilm Hausu (1977), der so wirkt, als hätten Bram Stoker und die Crew von Monty Phyton gemeinsam LSD genommen und einen Film gemacht. Auch die verstörende Film-Noir-Hommage Singapore Sling (1990) haben die „Til Midnight Movies“ wieder auf die Kinoleinwand gebracht: Ein wahrer Midnight-Exzess, der einerseits an das obszöne Werk von George Batailles erinnert, andererseits die patriarchale Figurenzeichnung des klassischen Film Noir (Stichwort: Femme fatale) ausstellt, indem er sie hyper-schrill – aber in schönstem Schwarzweiß – übertreibt.

Zuletzt zeigte die Reihe Liliana Cavanis The Night Porter (1974), einen bis heute unterschätzten Film, der seinen unerträglichen Plot – gezeigt wird die SM-Beziehung zwischen einem ehemaligen KZ-Schergen und seinem ehemaligen Opfer – nie in Richtung Exploitation eskalieren lässt, aber präzise und schonungslos eine österreichische Nachkriegsgesellschaft portraitiert, die, nach Niederlage und Zwangsdemokratisierung, mit dem Verdrängen und Abwehren ihrer Verbrechen beschäftigt ist.

Unter den zeitgenössischen Filmen der Reihe muss Bertrand Mandicos The Wild Boys (2017) erwähnt werden: Ein kleines Meisterwerk, bildgewaltig, verstörend, verführerisch – und zu Recht von den „Cahiers du Cinéma“ zum besten Film des Jahres 2018 gewählt. Eine Abenteuergeschichte, in der die queere Tradition des Mitternachtsfilms in Verbindung mit einer phantastischen Traum-Hermetik zur Geltung kommt.

Weitere neue Filme, die im Rahmen der „Til Midnight Movies“ projiziert wurden, waren etwa Knife + Heart (2018) von Mandicos Regiekollegen Yann Gonzalez – ein wunderbares Queering des Giallo – oder auch Richard Stanleys Color Out of Space (2019), eine Lovecraft-Hommage mit B-Movie-Charme und Nicolas Cage, ganz wie man sich Nicolas Cage eben wünscht.

Summer of Sin
Die Auswahl für das kommende Sommerprogramm „SOS – Summer of Sin“ steht den genannten Beispielen um nichts nach. Gezeigt werden sieben Filme, einer zu jeweils einer der sieben Todsünden.

Zu „Trägheit“ wäre da etwa Brian Yuznas Society (1989). Ein Body-Horror-Genrestück, triefend vor 1980er-Schrillheit und einer brachialen Kapitalismuskritik, die in den Schuhen von Zombie-Altmeister George A. Romero wandelt, dessen Klassiker Night of the Living Dead (1968) übrigens zu den „originären“ 70er-Midnight-Movies zählt. Society verbindet, ganz ähnlich wie John Carpenters They Live (1988), linke Kritik mit Genre, und das an der Schwelle zu den weniger politisierten 1990er Jahren.

Apropos Carpenter: Zur Sünde „Zorn“ wird dessen früher Polizeithriller Assault on Precinct 13 (1976) gezeigt, eine düstere Rio-Bravo-Hommage, die sich, schmutzig und unberechenbar, kaum an jene sich später verhärtenden Genre-Standards des leicht konsumierbaren Crime-Plots hält, die Michael Haneke in seinem großen Antithriller Funny Games (1997) so brillant brechen wird.

Mit Montana Sacra (Holy Mountain, 1973) zum Thema „Hochmut“ wird direkt an den Ur-Mitternachtsfilm angeschlossen, denn dabei handelt es sich um den zweiten Langfilm des El Topo-Machers Alejandro Jodorowsky. Und der verrückte Kino-Mystiker lieferte mit Holy Mountain natürlich eine Steigerung: Ein schillernder psychedelischer Cocktail aus Brainfuck und Hippie-Kult.

Auch dem vieldiskutierten und vielzensierten Skandalfilm Im Reich der Sinne (1976) verschafft SOS die Ehre („Wolllust“). Dabei handelt es sich um ein spätes Meisterwerk der Japanischen Neuen Welle von Regisseur Ōshima Nagisa, das hinsichtlich seiner Darstellung von (insbesondere weiblicher) Sexualität und Obsession ein wahrer Tabubrecher war.

Ebenso im sündhaften Register findet sich Taxidermia (2006), eine brillante schwarze Ekel-Komödie von György Pálfi, die uns durch drei Generationen ungarischer Zeitgeschichte führt und dabei in stets veränderten gesellschaftlichen Situationen Exzess und Disziplin aneinander prallen lässt – die entsprechende Todsünde ist natürlich „Völlerei“.

Mitternacht, Zeit zum Träumen
Das Schönste am Kult- und Nischenfilm ist, dass er meist quer sowohl zu Massenentertainment als auch zum Autorinnen- oder Avantgarde-Film steht. Dabei erfüllt er aber vielleicht am ehesten etwas, das dem Kinoerlebnis seit seiner Entstehung nachgesagt wird: Ein Zusammenhang mit dem Träumen.

Unzählige Male wurde das Kinoerlebnis mit dem Traum verglichen: Wir sitzen im Dunkel, eine unkontrollierbare Bildfolge nimmt uns ganz ein, appelliert an Wünsche wie Ängste. Die Midnight Movies kommen der Traumlogik aufgrund ihres außermoralischen – nicht unmoralischen! – Standpunkts viel näher, als die herkömmlichen Produkte der „Traumfabrik“ Hollywood. Darin konvergieren ihr Potenzial zu Irritation wie zu Entlastung. Denn sie appellieren weniger an fertige Standpunkte, die qua einer Verschmelzung von geteilten Moralvorstellungen und Identifizierung bestätigt oder verworfen werden, als sie Brüche oder Risse in solchen moralisch-identitären Konfiguration bespielen.

Der Mitternachtsfilm ist eine orchestrierte Heimsuchung von Verdrängtem und Unerhörtem. Er spielt und wühlt fröhlich im vermeintlich Schmutzigen, bleibt dabei aber in einem medien-reflexiven Dialog mit dem Publikum – er will verführen, aber nicht täuschen. Seine Grenzüberschreitungen haben Wucht und böses Lachen, ihr Anliegen ist aber demokratischer als das des manipulativeren Blockbusterkinos. Das ließe sich an den Ur-Midnight-Movies leicht aufzeigen.

Ein Rest Counter-Culture lebt fort in den nächtlichen Randbezirken der cineastischen Popkultur. Und auch wenn die Kinosäle nicht mehr ganz voll werden – es gibt dann und wann auch die Midnight-Crowd noch. Das Schikaneder bietet diesen Sommer wieder Anlass, sich zu versammeln.