Crossing Europe 2019: ein Überblick.
Dass Crossing Europe bereits seit 2004 jährlich stattfindet, kann durchaus als Erfolgsgeschichte gewertet werden, zumal dort in der Regel Filme gezeigt werden, die sich gängigen Blockbuster-Mustern entziehen. Der europäische Film wird dort in all seiner Vielfalt präsentiert, und auch in Zeiten, in denen die EU mit reichlich Gegenwind zu kämpfen hat, fühlt sich das Festival dem Kontinent politisch verpflichtet. Wenn man allerdings schon so etwas wie eine Institution geworden ist, tut man auch gut daran, sich in regelmäßigen Abständen zu verjüngen.
Einen solchen Schritt unternimmt das Festival, das von 25. bis 30. April – und somit wenige Wochen vor der Europawahl – stattfindet, mit einem erweiterten Programmangebot: Die neue YAAAS! Competition ist ein Element der YAAAS!
Jugendschiene und zur Filmvermittlung und DIY-Videoproduktion gedacht. Jugendliche im Alter von 15 bis 20 Jahren können in direkten Kontakt mit internationalen Medienprofis treten, ihre Skills ausbauen und eigene Arbeiten präsentieren. Festival-Direktorin Christine Dollhofer zu den Überlegungen hinter der Wettbewerbssektion, die mit einem Preisgeld von zweitausend Euro dotiert ist: „Die Erfahrungen der letzten Jahre, als wir begannen Schulvorstellungen anzubieten und auch gezielte Initiativen für Lehrlinge anzustoßen, haben uns gezeigt, dass es nicht ausreicht, ,nur‘ attraktive Filme aus Europa zu zeigen. Um wirklich Jugendliche für das Festival und den europäischen Film zu begeistern, braucht es zusätzliche Anreize und ein Angebot, das lustvoll, niederschwellig und auf DIY-Basis gestaltet ist.“ Es sei nun einmal besonders wichtig, so Dollhofer, über die junge Generation von Kinobesuchern nachzudenken – in Zeiten von Streaming eine legitime Überlegung.
Abseits der neuen Schiene gibt es wieder jede Menge Bewährtes und Qualitatives, wenngleich mit der einen oder anderen Variation: Die Sektion Local Artists etwa hat diesmal ein Programm-Special mit Arbeiten der Linzer Filmkünstlerin Edith Stauber zu bieten, die seit 2001 in den Bereichen Animations- und Dokumentarfilm tätig ist. Eine Spezialität Staubers, die 2011 auch den Festivaltrailer kreierte, sind humorvolle Alltagsbetrachtungen, ihr neuer Film LINZ / STADTPFARRKIRCHE wird als Weltpremiere bei Crossing Europe zu sehen sein. Apropos Festivaltrailer: Dieser ist heuer aviatisch angehaucht und stammt von der zweifachen Crossing-Europe-Preisträgerin Leni Gruber. Unter den Eröffnungsfilmen sticht besonders Joerg Burgers Elfie Semotan, Photographer, eine Hommage an die renommierte österreichische Fotokünstlerin, hervor. Der Film wird in Linz als Weltpremiere gezeigt.
Der Tribute ist heuer dem Spanier Jaime Rosales gewidmet, der zur Erklärung seiner Arbeitsweise gern die antike Mythologie bemüht: „Ich bin wie Sisyphus. Ich versuche den Gipfel zu erreichen und fange dann wieder von vorne an. So bietet mir jeder Film die Gelegenheit, die Filmsprache zu erkunden.“ Sein Serienkillerfilm Las Horas del Día, der in Linz als Österreichpremiere zu sehen sein wird und in Cannes mit dem FIPRESCI-Preis prämiert wurde, könnte nicht weiter von Hollywood-Thrillern entfernt sein: Das Leben des Mörders inmitten der spanischen Gesellschaft wird als Abfolge von Banalitäten gezeigt, die nur von den brutalen Taten unterbrochen werden. Rosales wird in Linz eine Masterclass abhalten, ebenfalls vor Ort sein wird – neben insgesamt 170 Filmgästen – die albanische Drehbuchautorin Iris Elezi.
Was den Spielfilmbereich betrifft, zählt The Announcement des Türken Mahmut Fazıl Cos¸kun zu den Hightlights. Der Film, zu sehen in der Schiene European Panorama Fiction, erzählt die Ereignisse rund um einen geplanten Staatsstreich im Jahr 1963 mit einer überaus gelungenen Mischung Mischung aus schwarzem Humor und Gewalt, Kritiker zogen bereits Vergleiche zu den Coen Brothers.
Ansonsten sind, um nochmals auf das Schlagwort „Verjüngung“ zurückzukommen, auch im Spielfilmbereich auffallend viele junge Protagonisten zu finden. Hier seien stellvertretend zwei Debütfilme genannt: Kasper Rune Larsens Denmark zeigt die Beziehung eines 22-jährigen Skaters zu einer 16-Jährigen, die angesichts eines von Exzessen geprägten Umfelds überraschend zärtlich gerät; Consequences, inszeniert vom Slowenen Darko Štante, folgt einem Kleinkriminellen, der in einer überforderten Strafanstalt nicht gebessert wird und eine homosexuelle Affäre mit einem Gangleader beginnt, die von Destruktivität geprägt ist.
Jede Menge Familie und der Tag danach
Besonders interessant bei Crossing Europe sind wie üblich die Dokumentarfilme, wobei auch hier viele junge Protagonisten vertreten sind: Anhand eines Buben, der mit seinen Eltern von Mazedonien in die Niederlande gezogen ist und dort eine Schulklasse für Kinder besucht, die die Landessprache lernen, werden in You Are My Friend die Themen Migration und Bildung verknüpft. Das von der Kritik stets gelobte Ehepaar Petra & Peter Lataster folgt seinen Figuren dabei bewährt unaufdringlich. Einer der besten Dokumentarfilme des Festivals stammt von Sean McAllister: Der Brite folgt für A Northern Soul dem Rapper Steve Arnott, der mit einem „Beat Bus“ von Schule zu Schule fährt, damit benachteiligte Kinder eigenes Hip-Hop-Material aufnehmen können. Diese Beschäftigung ist überaus erfüllend, doch als die Förderung des Projekts nach einem Jahr zu Ende geht, stellt sich für Arnott die Frage, ob er wieder zu seinem ungeliebten, deprimierenden Lagerhausjob zurück muss. McAllister schafft es, Glücksmomente mit einem schonungslosen Blick auf soziale Benachteiligung zu einem im besten Sinn berührenden Film zu verbinden.
In der bewährten Schiene Nachtschicht gibt es wieder Highlights des europäischen Horrorfilms zu sehen, die Sektion Cinema Next Europe hat diesmal viele Familiengeschichten im Angebot: Während Arthur Gillets Un amour rêvé (A Dreamed Love) die Geschichte seiner Großeltern – ein belgischer Siedler und eine Kongolesin –, in Form eines Essayfilms erforscht, unternimmt Regisseurin Felicitas Sonvillas mit ihrem Bruder – ein Sounddesigner und Musiker – einen Roadtrip, der sowohl die filmische Zusammenarbeit als auch das geschwisterliche Verhältnis kitten soll. Besonders diese beiden Arbeiten bieten auch Gelegenheit, über das Medium Film an sich nachzudenken.
Ansonsten gibt es wieder die stets die sehr gut angenommene Nightline, bei der am Partydeck des Offenen Kulturhauses Bands (diesmal unter anderem Catnapp, Ebow und Kurt Razelli) und DJs für gute Stimmung sorgen. Wer das Tanzbein nicht schwingt, findet definitiv genug Gleichgesinnte zum Netzwerken oder einfach zum Plaudern über die gesehenen Filme.
PS: Am Tag nach dem eigentlichen Festival gibt es im City-Kino ein Best of Crossing Europe 2019. Welches Datum könnte für eine Leistungsschau auch passender sein als der 1. Mai?
