Die Gewinner des 31. Sundance Film Festivals sind Jugendliche mit tosenden Herzen und tollkühnen Träumen
Jedes Jahr im späten Jänner pilgert die US-amerikanische Filmindustrie zum Sundance Film Festival ins schneebedeckte Hochland von Park City in Utah. Zwischen einer atemberaubenden Berglandschaft und dem gelegentlichen Skiläufer stapfte man hier durch den kalten Schnee hinein in warme Kinosäle, die das „Who is Who“ des amerikanischen Independentfilms bespielten. Insgesamt wurden 118 Spielfilme und Dokumentationen gezeigt: von Michael Fassbender im schwarzhumorigen Wilden Westen bis hin zu Greta Gerwig, die in Mistress America wieder einmal furchtlos durch Noah Baumbachs Szenen spazierte.
Hatte man die Warteschlangen um raue Häuserblöcke und nimmer enden wollende Metallgitter bezwungen, so konnte man sich in seinen vorgewärmten Sitz zurücklehnen und einige nationale und internationale Bonmots des bevorstehenden Jahres sehen, die hoffentlich auch hierzulande ins Kino kommen. Die Käufer waren dieser Tage auf der Suche nach den Oscar-Favoriten von morgen, dem neuen Whiplash (Ö-Start: 20.2.), dem Gewinner des vergangenen Jahres, und niemand will ähnlich wie 2014 einen Film wie Boyhood übersehen. Beide sind in diversen Academy Award-Kategorien nominiert und die Chancen stehen gut, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals ein Film, der in Sundance debütierte, eine goldene Statuette in der Kategorie Bester Film mit nach Hause nehmen darf.
Das Sundance Film Festival, benannt nach Robert Redfords Rolle in Butch Cassidy and the Sundance Kid, wurde nicht etwa als Affront gegen Hollywood, sondern als Zufluchtsort für unabhängige US-Filme ins Leben gerufen, betonte Redford im Rahmen der Pressekonferenz. Es ist das erste Mal seit seiner Gründung, dass er mit einem Film im Programm vertreten ist. A Walk in the Woods erzählt die Geschichte von zwei ungleichen, ins Alter gekommenen Männern (Redford und Nick Nolte), die sich auf eine Wanderung in die Wildnis begeben und allerlei Kämpfe mit sich und der Natur austragen, um feststellen zu müssen, dass so mancher Weg besser unbewandert bleiben sollte. Es ist ein Jammer, aber die Verfilmung von Bill Brysons Memoiren ist eine gehaltlose, banale und fantasielose Odyssee, die viel zu oberflächlich ist, als dass sie Spuren hinterlassen könnte.
Von existenzgefährdeten Teenagern
In den Warteschlangen tauschte man sich bei Kaffee in Pappbechern und Tee in Isolierflaschen über gute und weniger gute Filme aus, was man gesehen haben muss und was man getrost auslassen konnte. Das Horror-Drama The Witch war einer jener Filme über den man vom ersten Tag an sprach und hatte man es nicht in eines der brechend vollen Screenings geschafft, gab es mitleiderregende Blicke von den Pressekollegen. Der diesjährige Gewinner für die beste Regie, Robert Eggers, führt uns in seinem Spielfilmdebüt ins Neuengland der 1630er. Eine siebenköpfige, puritanische Familie zieht sich, von ihrer Gemeinde verbannt, zurück auf eine abgeschiedene Farm, doch das plötzliche Verschwinden des neugeborenen Babys löst blanke Hysterie aus. The Witch ist eine kunstvolle, verführerische und atmosphärisch dichte altenglische Kuriosität in der amerikanischen Filmlandschaft mit selbstbewussten schauspielerischen Leistungen (vor allem von Anya Taylor-Joy) und einer durchkomponierten Optik von Jarin Blaschke, irgendwo zwischen Kubricks The Shining und Bergmans Cries and Whispers. Man wird aber das Gefühl nicht los, dass sich ein anderer Film abseits des psychotischen Kammerspiels in den umliegenden Wäldern abspielt, der uns vorenthalten wird.
It Follows, mit Abstand der reizvollste Beitrag der „Park City at Midnight“-Reihe, war schon ein Festivalhit in Toronto und Cannes gewesen. In David Robert Mitchells Horrorfilm bringen sexuelle Abenteuer schwerwiegende Folgen mit sich. Der Titel ist wörtlich zu verstehen. Die 19-jährige Jay (großartig paranoid: Maika Monroe) hat Sex mit Hugh, doch da informiert der sie darüber, dass er einen Fluch – ähnlich einer tödlichen Geschlechtskrankheit – auf sie übertragen hat und sie „etwas“ verfolgen wird. Um diesen Bann aufzuheben, müsse sie mit jemand anderem schlafen. Es dürfe ihr nicht schwer fallen meint er, „schließlich ist sie ja ein Mädchen“. Entgegen jedweder Erwartungen ist das für Jay aber keine Option. Mit It Follows offenbart sich eine spannende Neuaufnahme des Teenie-Slashers als Kunstwerk im Mainstreamkleid mit unkonventioneller Formel und einer zutiefst bedrohlich wabernden Elektro-Klangfarbe.
Ab der zweiten Woche sprach man in Park City nur noch von einem Film, der wie aus dem Nichts kam und für den – Gerüchten zufolge – eine Rekordsumme von 12 Millionen Dollar geboten wurde (zum Vergleich: Little Miss Sunshine wurde für 10 Mio. verkauft). Me and Earl and the Dying Girl von Regisseur Alfonso Gomez-Rojen gewann in diesem Jahr zu niemandes Überraschung sowohl den Preis der Jury als auch den der Zuseher. Thomas Mann spielt darin einen sonderbaren Teenager, dessen Mutter ihn dazu nötigt, sich mit einem leukämiekranken Mädchen (Olivia Cooke) anzufreunden. In seiner Freizeit dreht er außerdem (grandiose) Parodien von Filmklassikern („A Sockwork Orange“ oder „Brew Velvet“) mit seinem Kumpel Earl, dem einzigen, der seine Leidenschaft für Werner Herzog-Filme teilt. Auf den ersten Blick sieht das Teenager-Drama wie der typische Coming of Age-Film aus, von denen es in Sundance ungefähr so viele gibt wie Sand am Meer, aber die Tragikomödie, die auf dem Roman von Drehbuchautor Jesse Andrews basiert, zeichnet die Widrigkeiten des Erwachsenwerdens mit so lieblichem Humor, gefühlvoller Tiefe und fantasievollen Bildern (eingefangen von Oldboy-Kameramann Chung-hoon Chung) dass während der Filmvorführung das Publikum in kollektives Heulen ausbrach.
Ein Junge steht auch im Zentrum des britisch-neuseeländischen Films Slow West, der mit dem Preis für den besten Film in der Kategorie „World Cinema Dramatic Competition“ ausgezeichnet wurde. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts durchquert der 16-jährige Jay (Kodi Smit-McPhee) den Westen Amerikas, auf der Suche nach dem Mädchen, das er liebt. Begleitet wird er von Silas (Michael Fassbender), einem wortkargen Kopfgeldjäger, der dem jungen Aristokraten im Gegenzug für Geld seinen Schutz anbietet aber tatsächlich ganz andere Interessen verfolgt. Ähnlich wie die Western-Parodie True Grit von Charles Portis, zuletzt verfilmt von Joel und Ethan Coen, begegnet Regisseur und Autor John Mcclean der amerikanischen Frontier mit schwarzem Humor, ironischer Finesse und gelegentlichen Gewaltausbrüchen. Die prächtige Kinematografie des wunderbaren Robby Ryan komponiert türkise Himmelsdecken und weiße Gletscher gegen blassrote Wüsten und eigelbe Kornfelder. Slow West ist nicht weniger als ein scharfes, verträumtes und beseeltes Debüt mit Märchenqualitäten.
Viele Hollywood-Stars waren mit ihren Indie-Filmen innerhalb und außerhalb des Wettbewerbs vertreten, darunter auch James Franco und Jonah Hill in dem Justizkrimi True Story (Ö-Start: 8.5.), Nicole Kidman in dem australisch-irischen Drama Strangerland oder Jack Black mit einer kühnen Performance in der Tragikomödie The D-Train. Tatsächlich wurden viele Filme aber von Jungschauspielern getragen, die an der Seite der bereits etablierten Kollegen einen bleibenden Eindruck hinterließen. So auch Bel Powley, die als 15-jährige Minnie in The Diary of a Teenage Girl eine Affaire mit dem Freund (Alexander Skarsgård) ihrer Mutter (Kristen Wiig) anzettelt.
Das Leben schreibt die schönsten (und schrecklichsten) Geschichten
Für viele sind die Sundance-Dokumentationen das Highlight des Festivals. Der Preis für die beste US-Dokumentation ging an The Wolfpack. Darin führt uns Regisseurin Crystal Moselle in das Leben von sechs Brüdern, die in New York City von der Außenwelt abgeschottet großgezogen wurden. Alles was sie von der Welt kennen, lernen sie aus Filmen, die sie akribisch Szene für Szene nachstellen von The Dark Knight bis hin zu Reservoir Dogs. Doch je älter sie werden, desto mehr träumen sie von ihrer Flucht in die Welt vor ihrer Haustüre. The Wolfpack ist die dokumentarische Antwort auf Dogtooth von Giorgos Lanthimos und ein zutiefst menschlicher Blick auf ein perfides Sozialexperiment.
What Happened, Miss Simone? und Listen to Me, Marlon sind sehr schöne, anspruchsvolle Charakterstudien über Nina Simone und Marlon Brando, doch es sind die sozialkritischen Dokumentarfilme, die in diesem Jahr den Finger in die Wunde legten. Regisseur Kirby Dick erregte viele Gemüter mit The Hunting Ground, eine CNN-Doku, die Vergewaltigungen an US-Universitäten und die damit einhergehende Vertuschungspolitik thematisiert während der HBO-Sekten-Doku Going Clear: Scientology and the Prison of Belief von Oscarpreisträger Alex Gibney schon jetzt eine Wirkung über die Leinwand hinaus eingeräumt wird.
Nach zehn Tagen Filmschau rannte die Nase und flimmerten die Augen und trotzdem hatte man nicht genug gesehen. Es gäbe noch eine Vielzahl von Filmen, die es verdient hätten hier erwähnt zu werden so wie Tangerine von Sean Baker, dem vielleicht technisch eigentümlichsten und erzählerisch zärtlichsten Film im Programm (gefilmt mit einer 8 Dollar iPhone-App) über zwei transsexuelle Prostituierte auf der Suche nach ihrem Zuhälter in Hollywood. Man wird noch einiges hören von diesen Filmen. Sie haben es hier zuerst gelesen.
