Fabian Eder und Katharina Stemberger

Festival | Interview

Swingen, schauen und genießen

| Günter Pscheider |
Von 27. bis 30. August feiert das Netzhaut Ton Film Festival in Wiener Neustadt seine Premiere. Das ehrgeizige Konzept von Katharina Stemberger und Fabian Eder verspricht eine Melange aus anspruchsvollen und trotzdem publikumswirksamen Filmen, musikalischen Highlights und kulinarischen Genüssen.

Die Strottern treten nicht nur am Eröffnungsabend zusammen mit dem innovativen Velvet Elevator Orchester auf, das sich auf Neuinterpretationen von raren Filmmusiken spezialisiert hat, sondern haben gleich das ganze Musikprogramm zusammengestellt. Die allseits beliebten 5achterl in Ehren spielen am Samstag, dazu hat man bei drei Walking Concerts die Gelegenheit, charmante Innenhöfe und architektonische Sehenswürdigkeiten Wiener Neustadts abseits der abgetretenen Pfade kennenzulernen. Das Herz des Festivals schlägt im lauschigen Bürgermeistergarten, wo die Zuschauer beim Filmfrühstück mit den Kreativen ganz zwanglos in Kontakt kommen können oder zwischen den Programmpunkten Cocktails schlürfen, wo aber auch die Paneldiskussionen zu den einzelnen Filmblöcken stattfinden. Als zweiter Spielort fungiert das ehrwürdige Stadttheater. Netzhaut zeigt nicht so viele Filme wie andere Festivals, dafür haben die künstlerischen Leiter und die Kuratorin Astrid Heubrandtner einen wirklich interessanten Weg gefunden, diesen scheinbaren Mangel in einen Vorteil zu verwandeln. Viele Festivals versuchen thematische Querverweise in ihr Programm einzubauen, doch gehen diese meist in der schieren Fülle der Filme unter, während hier jeweils ein Dokumentarfilm und ein Spielfilm dasselbe Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln behandeln und so in einen imaginären Dialog miteinander treten. In diesen fünf Blöcken geht es u.a. um das Bild der Frau, um Rassismus und Parallelgesellschaften, um die Auswirkungen des Stalinismus oder die Perspektivlosigkeit von britischen/schottischen Jugendlichen. Nicht unbedingt leichte Kost, aber erstens muss man auch dem kleinstädtischen Publikum etwas zutrauen, zweitens sind viele der gezeigten Filme trotz der ernsten Themen vom Ton her nicht düster und überzeugen durch den Lebensmut und die Kraft ihrer Protagonisten, Widerstände zu überwinden. Ein schönes Beispiel dafür ist Scheme Birds von Ellen Fiske, in dem das seltene Kunststück gelingt, alle Attribute typischer Fernsehsozialreportagen wie Armut, Gewalt, desolate Familienverhältnisse zu zeigen und allein durch die Ausstrahlung der hauptsächlich weiblichen Hauptfiguren in eine Hymne an die Kunst zu verwandeln, sich trotz der widrigen Umstände und aller Schicksalsschläge nicht unterkriegen zu lassen. Das von Daniel Ebner (Vienna Shorts) kundig zusammengestellte Kurzfilmprogramm aus Filmschulwerken gibt einen Einblick in die Zukunft des Filmemachens. Das gesamte Package aus Film, Musik und Genuss sollte auch für Großstadtcinephile genug Reiz ausüben, um die kurze Anreise nach Wiener Neustadt zu wagen. Im Interview sprechen Katharina Stemberger und Fabian Eder darüber, warum fähige Mitarbeitende auch gute Menschen sein sollten, warum Q&As nicht direkt nach dem Film stattfinden müssen und warum deutsche Untertitel technisch kein Problem sind.

 

Wie sind Sie als viel beschäftigte Schauspielerin bzw. als Kameramann/Regisseur/Obmann des Dachverbands der Filmschaffenden auf die nicht gerade naheliegende Idee gekommen, ein neues Filmfestival in Wiener Neustadt auf die Beine zu stellen?
Katharina Stemberger: 2017 habe ich die Eröffnung des letzten Filmfestivals in Wiener Neustadt moderiert, aber da war das überhaupt noch kein Thema. Mit den Gemeindevertretern von Wiener Neustadt sind wir das erste Mal in Berührung gekommen, als wir die baulichen Veränderungen anlässlich der Landesausstellung filmisch begleiteten. Ende 2018 wollten dann die Kulturabteilung des Landes Niederösterreich und die Gemeinde einfach unsere Meinung hören, wie so ein international orientiertes Festival ausschauen könnte. Nach einer Umfeldanalyse und nachdem wir die ehrliche Frage: Braucht man das auch wirklich? für uns positiv beantwortet haben, sind wir dann zu unserer Überraschung gefragt worden, ob wir uns vorstellen könnten, das selbst zu organisieren. Das war für uns wie für die meisten Kulturschaffenden doch eher eine ungewohnte Situation, dass man nicht mit einer neuen Idee bei diversen Institutionen vorstellig wird, sondern dass man gefragt wird, ob man etwas machen will Nach der Devise, immer wieder mal was neues zu probieren, haben wir uns mit Elan in die Arbeit gestürzt, ein Konzept und Budget zu erstellen.

Fabian Eder: Das Budget ist natürlich wie immer zu knapp (lacht), aber es herrschte von Anfang an eine große Offenheit beim Veranstalter, der Kulturabteilung der Gemeinde Wiener Neustadt und beim Förderer, dem Land Niederösterreich, und das Festival ist sicherlich ausreichend finanziert, das ist gar keine Frage. Während des Lockdowns haben wir uns gefragt, ob man das auch online veranstalten könnte, aber sind schnell auch nach Erfahrungen mit anderen Festivals, die das versucht haben, draufgekommen, dass das vor allem für unsere Premiere nicht in Frage kommt und wir lieber alle Auflagen einhalten, um ein sicherer Festival zu garantieren. Im Stadttheater sind ja zum Glück genügend Plätze vorhanden. Schon sehr früh haben wir uns die Dienste der Kamerafrau/Regisseurin Astrid Heubrandtner als Kuratorin gesichert, die auch international gut vernetzt ist, die dann auch mit Hanne Lassl eine weitere wichtige Stütze des Teams vorgeschlagen hat.

KS: Wir sind eine kleine, aber hoffentlich gut funktionierende Gruppe, wobei mir von Anfang an wichtig war, dass das nicht nur fachlich qualifizierte Leute waren, sondern dass auch die Chemie zwischen uns sofort gestimmt hat, das ist schließlich gar nicht so wenig Lebenszeit, die man bei der Planung und Organisation miteinander verbringt. Davon hängt auch ab, was du zusammen gebären kannst.

Wie sind Sie dann auf die Idee gekommen, jeweils einen Spiel- und Dokumentarfilm zu einem bestimmten Thema zu zeigen?
FE: Diese Idee hat sich im Laufe einiger Sitzungen und Sichtungen entwickelt. Uns war klar, dass wir diese Spannungsfelder, auch zwischen Doku und Spielfilm, suchen, und dass die Ausrichtung international sein soll. Es ist jetzt keine Absicht, aber es gibt heuer keinen einzigen langen Film aus Österreich, was nicht heißt, dass sich das nicht nächstes Jahr ändern wird. Und dieses thematische Arbeiten begleitet uns ja auch in unseren anderen Tätigkeiten.

KS: Ein wichtiger Teil des Konzepts ist auch, dass es keine Q&As direkt nach den Filmen geben wird. Ich persönlich bin nach einem Film, der mich berührt, oft nicht in der Lage, gleich danach meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen und interessante Fragen zu stellen. Außerdem zerstört es für mich diese ganz spezielle Kinoillusion, wenn die Regisseure oder Schauspieler danach auf der Bühne über den Film reden und mir natürlich schlagartig bewusst wird, dass das Gesehene eben „nur“ ein Film war.

FE: Deshalb ist der Ablauf jetzt so geplant, dass es man zuerst den einen Film sieht und am nächsten den zweiten zum jeweiligen Thema, und danach gehen alle gemeinsam, musikalisch begleitet, vielleicht mit einem Drink in der Hand, vom Stadttheater in den Bürgermeistergarten, wo es hochkarätig besetzte Panels mit den Filmschaffenden – soweit in Coronazeiten möglich – und mit Expertinnen und Experten zum jeweiligen Thema geben wird, an denen sich das Publikum natürlich beteiligen soll.

Sie zeigen keine deutsch synchronisierten Filme, bei Scheme Birds etwa gibt es auch keine deutschen Untertitel. Sehen Sie das als Problem?
FE: Die internationale Fassung für Festivals hat englische Untertitel, aber wir kämpfen derzeit darum, eine Version mit deutschen Untertiteln herzustellen. Das wäre technisch für unsere Firma kein Problem, wir würden vom Produzenten die notwendigen Daten bereitgestellt bekommen, um eine neue DCP herzustellen, müssten allerdings die Übersetzung bezahlen, und das ist dann letztendlich eine Budgetfrage. Wir bemühen uns aber natürlich, möglichst viele mit deutschen Untertiteln auszustatten, sofern sie nicht eh schon welche haben oder auf Deutsch sind, unser Eröffnungsfilm kommt überhaupt ohne Sprache aus.

KS: Für uns als eher kleineres Festival, das zum ersten Mal stattfindet, ist es nahezu unmöglich, internationale Premieren zu bekommen. Deswegen sind die Filme natürlich schon auf anderen Festivals gelaufen und ganz wenige auch in Wien in Kinos gezeigt worden. Wir sind uns dieses nicht ganz einfachen Spagats durchaus bewusst, einerseits ein qualitativ hochwertiges, anspruchsvolles Programm zeigen zu wollen, das aber gleichzeitig den Wiener Neustädter Kinointeressierten nicht verstört oder ratlos zurücklässt.

Es gab ja in Wiener Neustadt schon einen Versuch, das traditionsreiche Kurzfilmfestival Frontale auszuweiten und auch für Wiener Filmfreaks attraktiv zu machen, ich nehme an, dass Sie sich auch über jeden Besucher, der nicht aus der ziemlich großen Wiener Neustädter Region kommt, freuen?
FE: Wir sehen das nicht als Konkurrenz, sondern freuen uns im Gegenteil sehr und haben uns gern mit unserem Termin, der ursprünglich im Juni geplant war, aber Corona-bedingt nach hinten verlegt wurde, daran angepasst. Der Sommer ist aber sowieso für unser Konzept, das auch sehr stark auf die Attraktivität der Spielstätten draußen baut, ideal.

KS: Natürlich freuen sich die Veranstalter und auch wir über jeden Besucher, egal woher er kommt. Und natürlich wollen wir mit dem Festival die Innenstadt beleben und dafür sorgen, dass Wiener Neustadt als Kulturstadt auch in Wien wahrgenommen wird. Trotz der kurzen Anreise mit dem Zug aus Wien, haben aus meinem Bekanntenkreis schon einige Leute den Wusch kundgetan, während des Festivals einen Kurzurlaub dort zu verbringen. Kleinere Städte haben ja durchaus auch ihren speziellen Reiz, da kann man gut schauen und genießen. Ein Wunsch von uns war auch, dieser speziellen Region andere Regionen der Welt filmisch näher zu bringen, gerade solche, die sie entweder nicht kennen oder auch, um trotz aller Unterschiede Gemeinsamkeiten zu entdecken.