Szenen einer Ehe

| Günter Pscheider |

Paul Rudd über This Is 40, Sex mit der Ehefrau des Regisseurs, den Judge-Reinhold-Fluch und die Notwendigkeit, seine Kinder bedingungslos zu lieben.

Im Leben wie im Kino gibt es Menschen, die sind einem einfach auf den ersten Blick sympathisch. Dabei spielt es für das Bild im Kopf, das man sich vorher von einem Schauspieler macht, sicher eine gewisse Rolle, dass Paul Rudd eher als netter Typ von nebenan besetzt wird denn als Serienmörder. Aber er wirkt eben auch abseits der Leinwand ein wenig wie seine Filmfigur in Our Idiot Brother, nämlich genuin an seinem Gegenüber interessiert und an das Gute im Menschen glaubend, natürlich ohne die grenzenlose Naivität dieser Rolle. Mit seiner eher sanften Ausstrahlung und seiner Fähigkeit zur Selbstironie passt er auch gut in das Universum von Judd Apatow, mit dem er bereits in Anchorman, The 40 Year Old Virgin und Knocked Up zusammen gearbeitet hat.

In ihrem neuen gemeinsamen Werk macht sich der Autor und Regisseur Gedanken darüber, was es heißt, sein halbes Leben mit einem Partner verbracht zu haben und wie sich diese Beziehung verändert, wenn der 40. Geburtstag und somit die zweite Lebenshälfte unmittelbar bevorstehen. Diesmal rückt er mit Pete und Debbie zwei Nebenfiguren aus Knocked Up in den Mittelpunkt der Handlung: Petes Indie-Label ist in finanziellen Schwierigkeiten, und er hofft ausgerechnet mit der Comebackplatte des in den frühen Achtzigern wirklich hörenswerten, aber jetzt vergessenen Graham Parker („Stupefaction“) wieder schwarze Zahlen zu schreiben. Im Modegeschäft von Debbie stiehlt jemand beträchtlich Summen von Bargeld, dazu kommen Probleme mit pubertierenden Kindern, die lieber tagelang Lost schauen, als mit den Eltern zu reden, und mit ihren eigenen Erzeugern, die sich entweder früh aus dem Staub gemacht haben oder sich vom eigenen Sohn aushalten lassen. Auch scheint ihre Beziehung an Feuer verloren zu haben, zu routiniert wirken die ironischen Schlagabtäusche über den exzessiven Süßigkeitenkonsum von Pete oder Debbies angeblich banalen Musikgeschmack.

Wie dieses Paar nach etlichen Auf und Abs drauf kommt, dass es keinen Sinn hat, den Anderen ändern zu wollen und dass vor allem der gemeinsame Humor die Differenzen zumindest erträglich macht, ist größtenteils komisch und bisweilen berührend. Die Dialoge fühlen sich echt an, die (Alltags-)Szenen dieser Ehe sind beeindruckend gut beobachtet, was auch kein Wunder ist, schließlich ist Leslie Mann, die Hauptdarstellerin, die Frau von Judd Apatow, und ihre beiden Kinder spielen sich selbst im Film. Die Witze sind weniger derb als in seinen früheren Werken, die Anspielungen auf die Popkultur noch immer zahlreich und gelungen, aber was This Is 40 zu Apatows bisher reifstem Film macht, ist die Anteilnahme und Zuneigung zu seinen Charakteren, die sich eins zu eins auf den Zuschauer überträgt.

Knapp vor unserem Gespräch wird Paul Rudd nach seinen drei Lieblingssongs gefragt, und das setzt ihn unter Druck, weil er jetzt wohl den ganzen Tag darüber nachdenken wird, welche das wirklich sind. Er ist zwar zufrieden mit seiner Spontanauswahl (Wichita Lineman von Glen Campbell, Strawberry Fields und Time von Tom Waits) aber wer weiß, welche wahren Perlen er in der Eile vergessen hat, zu erwähnen? Trotzdem wirkt der viel beschäftigte Serien- und Filmstar entspannt und in sich ruhend.

Wie sind Sie in die Judd-Apatow-Gang aufgenommen worden?
Das erste Mal gesehen habe ich Judd beim Casting für Anchorman, den er produzierte, und von dem wir im März eine Fortsetzung drehen, auf die ich mich schon sehr freue. Ich wusste, wer er war, aber ich kannte ihn nicht persönlich. Er arbeitet immer wieder mit denselben Leuten. Wann immer er etwas Neues plant, hat er offensichtlich schon im Kopf, wer gewisse Rollen spielen könnte. Das funktioniert aber schon aus Zeitgründen nicht immer. Mein Charakter in The 40 Year Old Virgin hieß David und sollte ursprünglich von David Krumholtz gespielt werden, aber der arbeitete gerade an einer Fernsehserie und war nicht frei, und so bekam ich die Rolle. Seitdem gehöre ich wohl dazu. Und jetzt, bei This Is 40, war ich schon von Anfang eingeplant. Judd hatte die Idee, einen Film über die Ehe, die Elternschaft und den mittleren Lebensabschnitt zu machen, Der Gedanke, die beiden Figuren aus Knocked Up dafür zu verwenden, kam ihm allerdings erst während des Schreibprozesses.

War es nicht etwas seltsam, sozusagen ihn zu spielen, zusammen mit seiner wirklichen Frau und Kindern?
Es war nicht so seltsam, wie man vielleicht annehmen könnte. Vielleicht weil ich es ja schon einmal gemacht habe. Und weil wir uns schon so gut kennen und öfter zusammen gearbeitet haben, seine Kinder kenne ich, seit sie Babys waren. Auch die Crew ist fast immer dieselbe. Es herrscht ein Gefühl von großer Vertrautheit am Set, von wirklich einer großen Familie, auch wenn es wie ein Klischee klingt. Es gab aber schon Momente, wo ich so eine Art von Out-of-Body-Erlebnis hatte. Als ich z.B. nackt unter der Dusche mit Leslie war und wir sollten gleich Sex haben, und es ist ihr Mann, der mir die Regieanweisungen gibt, während ihre Kinder gleich nebenan sind und für die Schule lernen. Es ist schon etwas bizarr, vor allem wenn ich jetzt darüber nachdenke.

Woran erkennt man einen Judd-Apatow-Film?
Er versucht immer, sich als Filmemacher weiter zu entwickeln. Wie auch einige seiner Vorbilder wie James Brooks oder Cameron Crowe. Aber schon am Anfang seiner Karriere, in einer Fernsehshow wie Freaks and Geeks, gab es immer diese sehr menschlichen Geschichten von Konflikten, die fast alle betreffen, Er geht an jeden seiner Filme so heran, dass sie als Drama funktionieren müssen. Die Witze kann man später hinzufügen. Die Situationen sind dramatisch, und die Charaktere fühlen sich hoffentlich real an, sodass man sich mit ihnen identifizieren kann. Er fing als Stand-Up-Comedian an. Und das ist die Art, wie er und ich und die meisten der Leute, mit denen er zusammen arbeitet, mit Drama umgehen, indem sie Witze darüber machen. Albert Brooks, Judd, Seth Rogen und auch ich sind alle jüdisch, obwohl niemand von uns besonders religiös ist. Es gibt einfach viele jüdische Komiker, nicht dass ich mich da dazuzählen würde. Wir sind 40 Jahre durch die Wüste gewandert, was sollten wir sonst tun als Witze erzählen. Vielleicht nutzen Juden Humor auch, um die Tragödien des Lebens besser ertragen zu können.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Albert Brooks?
Für uns alle ist Albert Brooks einer der ganz Großen. Ich war ziemlich aufgeregt, als ich herausfand, dass er meinen Vater spielen würde. Auch Judd war nervös, bevor er ihn fragte. Ich erinnere mich, dass er mir verschwörerisch anvertraute, dass er überlegte, zu Albert Brooks zu gehen und dass das Buch wirklich gut sein müsse. Sonst würde er es ihm nicht zeigen wollen. Es gibt einige Leute und auch einige Arten von Humor für meine Peer Group oder zumindest für die, die sich für Komödien interessieren, auf die sich alle einigen können. Steve Martin, Comedy-Platten aus den Siebziger Jahren, Albert Brooks’ Arbeit und Mel Brooks z.B.

Wie stehen Sie zum für manche Leute etwas schockierenden Humor von Judd Apatow?
Ich höre immer diesen Ausdruck Gross-out-Humor … Sicher, die Hämorrhoiden-Szene fällt vielleicht in diese Kategorie, aber sie ist eine absolute Ausnahme im Film. Manche würden es auch als ekelhaft bezeichnen, Cupcakes aus der Geschirrspüle zu essen, aber ich glaube, diese Szene stammt aus Judds reichem persönlichem Erfahrungsschatz. Das Script hat 150 Seiten und steckt voller Ideen, dann proben und improvisieren wir, manchmal wird das ganze auch gefilmt, davon finden dann einige Ideen wieder Eingang in das Script. Judd schreit manchmal einfach ein Wort hinein, und das nehmen wir dann auf, oder er macht einen Witz, den wir spontan einbauen und schauen, ob das funktioniert. Es ist ein sehr flüssiger Prozess, und es macht Spaß, so zu arbeiten. Er schreit auch selten Cut, wir machen bis zu 15 Minuten lange Takes. Judd beschreibt dieses Vorgehen als „Mike-Leigh-für-Arme-Arbeitsmethode“.

Die Hämorrhoiden-Szene kam eher aus einer Laune heraus, wir alberten einfach herum, so in der Art: „Könntest du dir das vorstellen?“, und kamen aus dem Lachen gar nicht mehr heraus, aber das hat niemand ernst genommen. Eine Woche später stand es im der neuen Fassung des Drehbuchs. Wenn sie einfach nur schockierend um ihrer selbst willen wäre, dann würde ich die Szene nicht spielen wollen. Ich würde mich dafür genieren. Aber hier hatte ich das Gefühl, dass es der Geschichte entsprach, dass es auf eine zugegeben drastische Art ausdrückt, was die Ehe auch ausmacht. Manchmal muss man seinem Ehegatten ins Arschloch blicken. Vielleicht auch nicht. Netter formuliert könnte man auch sagen, manchmal fragt man seinen Ehegatten halt einfach, was das komische Ding da unten eigentlich ist. Es geht eben auch um eine Form von Intimität, die nicht romantisch oder sexy ist, aber wen soll man denn sonst fragen? Das ist eines der Themen des Films. Der Alltag einer Ehe, aber damit meine ich nicht unbedingt diese Szene.

Wie fühlt man sich, wenn man sich nackt in so einer Position auf der großen Leinwand sieht?
Ich glaube stark daran, dass es in einer Komödie keinen Platz für Eitelkeit der Schauspieler gibt. Aber ich fühle mich auch nicht unbedingt grandios dabei. Ich erinnere mich heute noch, dass ich als Kind den Film Fast Times at Ridgemont High gesehen habe. Da gibt es eine berühmte Szene, in der Phoebe Cates Judge Reinhold erwischt, wie er im Badezimmer wegen ihr masturbiert. Als Heranwachsender war mir das wahnsinnig peinlich, diese Szene zu sehen, sie hat sozusagen Narben hinterlassen. Und ich dachte mir später, dass niemand mehr an Judge Reinhold denken kann, ohne sofort diese Szene vor Augen zu haben. Und was ist, wenn mir das jetzt auch passiert? Wenn jeder sofort an mich in dieser Situation denkt, mit meinen Füßen in der Luft und ohne Unterhose?. Da geriet ich kurz in Panik. Was habe ich da gemacht? Ich hoffe aber, dass mir der Judge-Reinhold-Fluch erspart bleibt.

Sind Sie auch an Ihrem 40. Geburtstag ausgeflippt?
Nein, eigentlich nicht. Ich erlebte ihn irgendwie in einem Nebel, weil mein Vater starb, als ich 39 war. Da wurde mir klar, dass ich kein Jugendlicher mehr bin. Noch viel mehr als nach meiner Hochzeit, oder als ich selber Vater wurde. Das Sicherheitsnetz ist zerrissen, das war ein regelrechter Paradigmenwechsel für mich, deshalb war der 40. Geburtstag nichts Besonderes mehr. Auch der 30. war kein Einschnitt. Vielleicht weil ich alle Sachen, die Leute normalerweise in ihren Zwanzigern machen, erst in den Dreißigern gemacht habe. Aber für viele Leute ist die Vierziger-Marke schon einschneidend, was auch nicht verwunderlich ist. Wenn man als 30-Jähriger mit einem 24-Jährigen redet und ihm sein Alter verrät, sagt er nur, ah cool, gehen wir in diese Bar. Wenn man aber sagt, dass man 40 ist, antwortet er eher mit einem wow, das ist alt, see you later. Leute sagen, 40 ist das neue 30. Ich bin mir sicher, das behaupten nur Leute, die selber 40 sind.

Was ist das Schlimmste daran, pubertierende Kinder zu haben?
Ich weiß nicht, meine Kinder sind noch zu klein. Aber ich denke daran, schließlich wird es passieren. Heutzutage sind die Kinder so vielem mehr ausgesetzt, als zu der Zeit, als ich jung war. Mit dem Internet ist einfach alles verfügbar, jederzeit. Das macht mir Angst. Zusätzlich zu Drogen, falsche Freunden, den Dingen eben, über die sich Eltern immer Sorgen machen. Judd Apatows Tochter Maude hat früher mal „Mord“ gegoogelt, nicht nur im Film Knocked Up sondern in Wirklichkeit, und sie hat sich ziemlich erschreckt wegen der Fotos, die innerhalb von Sekunden auf ihrem Bildschirm auftauchten. Sie hat sofort abgedreht. Man muss dann schon auch sagen: Mach das nicht. Man kann die Kinder da nicht sich selbst überlassen. Obwohl man wahrscheinlich von vornherein auf verlorenem Posten steht, wenn man seinen Kindern Dinge verbietet. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten, es dennoch zu machen. Das einzige was man tun kann, ist für sie da zu sein um mit ihnen darüber reden. Ich sage ihnen immer, wenn dir irgendwas auf dem Herzen liegt, was dich bewegt, stört, was immer es ist, sag es uns. Wir werden nicht über dich urteilen, wir wollen nur, dass es dir besser geht. Wir lieben dich ohne jeden Vorbehalt.