Filmstart

Tarpaulins

| Oliver Stangl |
Home Invasion

Vertrautes wird oft erst dann wieder interessant, wenn man es eine Weile nicht sieht. Oder wenn es verhüllt wird man denke etwa an die spektakulären Aktionen von Christo und Jeanne-Claude. Ähnliche Gedanken haben möglicherweise die österreicherische Medienkünstlerin und Regisseurin Lisa Truttmann zu ihrem Film Tarpaulins inspiriert, in dem sie mehrere Jahre lang mit bunten Planen verhüllten Häusern in Kalifornien nachspürte.

Der Grund für die ungewöhnliche Optik ist allerdings kein künstlerischer: Es geht um Termitenbekämpfung. Die Bausubstanz in Kalifornien ist oftmals Holz, ein wahrer Festschmaus für die Insekten. Um der Termiten Herr zu werden, werden die Gebäude egal ob es sich um Einfamilienhäuser oder ganze Fitnessstudios handelt zunächst mit Zeltplanen (Tarpaulins, kurz: Tarps) zugedeckt, die an Zirkuszelte erinnern. Dann wird Gas in die versiegelten Strukturen geleitet, was zum Ableben der Eindringlinge führt. Dass die Leichen weiterhin in den Strukturen liegen bleiben und die Bewohner auch danach noch Angst vor dem tödlichen Gas haben, sorgt nicht selten für unheimliche Gefühlslagen.

In ihren Essayfilm beobachtet Truttmann diese Prozesse distanziert: Menschen erscheinen insektenklein, die Kamera setzt auf fixe Tableaus. Die Tarps werden ausgiebig ins Bild gerückt, auch zerfressenes Holz bekommt man zu sehen und schließlich die Termiten. Auf der Tonspur gibt es Voice-overs, die Assoziationen eröffnen und Infos vermitteln: „I don’t think they are gonna take over Los Angeles. But they are certainly not gonna go away“, meint ein Insektenforscher halb fatalistisch, halb realistisch. Oder man erfährt, dass Termiten ein wichtiger ökologischer Faktor sind die lichtscheuen Gesellen können tote Bäume eben nicht von Holzhäusern unterscheiden: „They are doing their job. They don’t know any better.“

Da bemerkt ein aus Mexiko stammender Termitenbekämpfer, dass er seinen Job deshalb so liebe, weil er dadurch neue Dinge kennenlerne. Politische (wenn das Thema Migration ins Spiel kommt) und ökonomische Facetten (Termitenbekämpfung ist ein wirtschaftlicher Faktor) tun sich auf. Auch über die Machart des Films selbst wird reflektiert, wenn es heißt, dass L.A. auf den Bildern zu menschenleer erscheine. Und wenn schließlich Manny Farbers berühmter Essay „White Elephant Art vs. Termite Art“ (1962) zitiert wird, der „kleinen“ Filmen den Vorzug vor Großproduktionen gibt, wird Tarpaulins zur Reflexion über den Kunstprozess selbst. Der Film hat also viel Interessantes, auch Amüsantes zu bieten mit ein klein wenig Straffung hier und da wären die zahlreichen Themen aber möglicherweise noch besser herausgekommen.