Tatort

Tatort

Die Kommissare sind unter uns

| Oliver Stangl |

Die DVD-Veröffentlichung zahlreicher „Tatort“-Folgen zeigt, dass die Reihe nicht nur als Krimi, sondern auch als Zeitkapsel und Gesellschaftspanorama funktioniert.

Der Ermittler ist ein kleiner, ruhiger Mann im schwarzen Mantel, der das schüttere Haupthaar säuberlich zurückgekämmt trägt und die Verdächtigen wahlweise in ihren Wohnzimmern oder auf dem Präsidium mit beharrlichen Fragen in Widersprüche verstrickt. Er ist 1969 einer der großen Stars des deutschen Fernsehens. Wenn Erik Ode als „Der Kommissar“ gegen gestrauchelte Gutbürger oder haschsüchtige Beatniks ermittelt, schalten Millionen ein. Der Erfolg der in Schwarzweiß gedrehten ZDF-Serie gibt den anderen Sendern zu denken. Gunther Witte, damals Assistent beim WDR, wurde mit dem Konzept zu einer Krimireihe beauftragt, die den Kammerspielen der Konkurrenz das Wasser reichen kann. Das Ergebnis seiner Überlegungen ist revolutionär. Keine fixe Ermittlerfigur soll es sein, vielmehr soll abwechselnd eine Vielzahl von Kommissaren, quer über Deutschland – bald auch mit Außenstellen in Österreich und gelegentlich der Schweiz – im Einsatz sein. Nach anfänglicher Skepsis der Programmverantwortlichen bekam die Reihe schließlich grünes Licht, der Rest ist Fernsehgeschichte.

Der erste Kommissar war der denkbar größte Kontrast zu Ode, ein bulliger, zupackender, gern und oft trinkender, manchmal mürrischer und fluchender, aber im Grunde gutherziger Mann mit Hosenträgern: Paul Trimmel, dargestellt von Walter Richter. Schon auf die erste Folge „Taxi nach Leipzig“ (1970) trifft das „Tatort“-Charakteristikum, gesellschaftliche und politische Problemfelder zu untersuchen zu – und das sogar in besonders hohem Ausmaß: So ermittelt Trimmel im Fall eines toten Kindes in der DDR. Land und Leute werden dabei erstaunlich differenziert betrachtet, die Folge gerät nie in plumpes antikommunistisches Fahrwasser, im Zentrum stehen vielmehr materielle Zwänge. Das tote Kind hat einen Zwillingsbruder, ein Paar aus der DDR erhofft sich durch den Schmuggel der Leiche über die Grenze materielle Sicherheit vom Vater des Jungen. Auch die Machart des ersten „Tatort“ kann als stilprägend gelten: Eine verwackelte Handkamera sorgt für beinahe schon dokumentarischen Charakter (auf gewisse Weise charmant und teilweise bis in heutige Folgen zu beobachten: die Reflexion des Kameramannes in so ziemlich allem, was Scheiben hat), das graue Production Design stimmt auf ein eher düsteres Geschehen ein – selten scheint in „Tatort“-Fällen der Siebziger ungehemmt die Sonne.

In Fall drei kam es bereits zu einem der bis heute beliebten Crossovers, bei dem sich Kommissare aus unterschiedlichen Landesteilen treffen, um gemeinsam zu ermitteln: in „Kressin und der tote Mann im Fleet“ treffen Trimmel und  Zollfahnder Kressin aufeinander. Kressin (vom gebürtigen Vorarlberger Sieghardt Rupp äußerst viril dargestellt) war der Versuch, die Kommissarsfigur überlebensgroß zu gestalten, eine Art James Bond des Polizeidienstes. Den Vorgesetzten kaum ernst nehmend, in seiner Tätigkeit als Zollfahnder schon mal selbst Pornohefte schmuggelnd und sich mit zwei Frauen gleichzeitig im Bett wälzend. Die Figur des Zollfahnders mag auch deshalb eingeführt worden sein, um sich nicht auf einen Schauplatz festlegen zu müssen, den „Tatort“ internationaler zu machen. In „Kressin stoppt den Nordexpress“ etwa darf der Fahnder, als eine Art früher John McClane, im Alleingang eine Bande Gangster überrumpeln, auf die Lok springen und sich das Outlawdasein mit so ziemlich jeder Frau, die ihm über den Weg läuft, vertreiben. Ein Konzept, das, aus zeitlicher Distanz betrachtet, höchst amüsant ist, die Siebziger Jahre in ihrer lockeren Moral – sprich: sexuelle Freiheit und gewagte Outfits – aber auch reißerischen Elementen, die dem Geheimagentenkino entliehen sind, festhält. Dass die Reihe um Kressin nach nur sieben Folgen eingestellt wurde, mag daran liegen, dass die Figur in ihrer Unmoral umstritten war, aber auch daran, dass ihr das spezifische Lokalkolorit, das ein wesentliches Merkmal der „Tatort“-Reihe darstellt, fehlte. Denn dass man unterschiedliche Städte, Gegenden, regionale Eigenarten genau kennenlernt, ist nach wie vor eine der Stärken der Serie. Immerhin durfte Kressin mit einer experimentellen, vom Publikum ob der schweren Zugänglichkeit mit Protestbriefen quittierten Folge „Tote Tauben in der Beethovenstraße“, die kein Geringerer als US-Kultregisseur Samuel Fuller schrieb und inszenierte, auch in einer „Kunstfolge“ auftauchen.

Skandale waren und sind dauerhafte Begleiter des „Tatort“. In den Siebziger Jahren reichte es schon, dass der Dackel des Münchner Ermittlers Veigl (Gustl Bayrhammer) in einer Folge Bier trank und die Drehbuchautoren wagten, Veigl und seinem Assistenten Lenz (Helmut Fischer) ein Privatleben zu verpassen. Eine als Feature über die Dreharbeiten von neuen Folgen getarnte Sondersendung nahm die immense Beschwerdeflut auf und ließ einen der Sendungsverantwortlichen verkünden, dass Veigls Dackel künftig kein Bier mehr trinken und man sich wieder stärker auf Polizeiarbeit konzentrieren werde. (Dieses Feature findet sich übrigens im Bonusmaterial zur Folge „Blauweiße Turnschuhe“; in vielen Fällen ist der Bonus, der von Kommissarsporträts über Interviews bis hin zu Drehberichten und Analysen reicht, ein mindestens ebenso guter Kaufgrund wie die Folge selbst.) Wie die österreichischen Folgen um Oberinspektor Marek (Fritz Eckhardt) setzten auch die Münchner auf kammerspielartigen Charakter, hier die gemütlich den Fall lösenden Bayern, dort die ebenfalls gemütlichen, aber nicht selten in Grant verfallenden Wiener. Ein zuviel an Gemütlichkeit war es letztendlich auch, was den „Tatort“ nach einigen Jahren ein wenig erstarren ließ. Kommissare wie Haferkamp (Hansjörg Felmy), der mit seiner Ex-Frau gerne die Fälle berät, an denen er arbeitet, waren zwar nicht ohne Charme, aber schließlich machte sich doch das Gefühl breit, dass sich ein zu viel an bravem Beamtentum eingeschlichen hatte, dass man mehr mit der Reihe machen könnte.

1980 dann der Bruch. Unerwartet, radikal. Ein Mann steht am Fenster einer Hochhauswohnung. Das Panorama: grau, smogverhangen, eine Industrielandschaft so weit das Auge reicht. Aus dem Radio ein fröhlicher Song aus den Sixties, der ob der Tristesse fehl am Platz wirkt. Der Mann, er trägt einen Schnauzbart und ein schmuddeliges Shirt, dreht sich um, die Kamera folgt ihm zu einer unaufgeräumten Küchenzeile, wo er zwei Eier in ein Glas schlägt und das Gemisch roh hinunterwürgt. Schimanski (Götz George). Der bis heute populärste Ermittler des deutschen Fernsehens. Ruppig, menschlich, immer am Fluchen, Sätze mit „Du, Mensch, du …“ beginnend und mit „Scheiße“ beendend, unangepasst, rebellisch. Sein Kollege Thanner (Eberhard Feik) dagegen ist der Typ korrekter Beamter, der Kaviar liebt und Kaschmirschals trägt. Sie lieben und sie hassen sich, wie ein altes Ehepaar. Eine Mischung, die stimmt. Der Abschied von den Ermittlern alten Typs ist deutlich: So geht Schimanski kopfschüttelnd an einem Werbeplakat vorbei, von dem Hansjörg Felmy herunterlächelt, wirft eine Figur einen Fernseher aus dem Fenster, weil dort ja ohnehin „nur Scheiße“ gesendet werde. Nach der ersten Folge gehen die Wellen hoch, Boulevardblätter sehen das Ruhrgebiet verunglimpft („Sind wir alle Säufer und Mörder?“) und es hagelt Protestbriefe. Doch der Erfolg ist nicht aufzuhalten. Den Finger auf die „Wunde Deutschland“ habe man mit der Figur, die 1968 noch nicht ganz abgeschworen habe, legen wollen, so Götz George, dessen Gespräch mit einem echten Duisburger Kommissar, das im Anschluss an eine Schimanski-Folge gesendet wurde, sich als Bonusmaterial auf der DVD „Das Mädchen auf der Treppe“ befindet. Hervorragende Regisseure wie Hajo Gies und Dominik Graf inszenieren Schimanski-Fälle, nutzen die Kulisse der in die Krise geratenen Schwerindustriestadt im Sinne des Film noir. (Eines der Highlights ist zweifellos die von Gies inszenierte Folge „Moltke“, die das Kunststück fertigbringt, Hubsi Kramar und Dieter Bohlen zu vereinen. Ersterer spielt einen polnischen Kriminellen, der seinen Bruder rächen will, letzter steuerte den Soundtrack bei und spielte eine kleine Rolle.) So beliebt war das Duo Schimanski und Thanner, dass es fast alle anderen Duos in den Schatten stellte: Nur Manfred Krug und Charles Brauer erreichten als Hamburger Ermittler Stoever und Brockmöller ähnliche Popularität. Ebenfalls wie ein altes Ehepaar agierend, stimmten die zwei öfter mal Songs an, lösten nebenher angenehm skurrile Fälle und zwinkerten sogar hin und wieder den Fernsehzuschauern zu. Doch auch das Kölner Paar Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) hat sich mit Fällen, die am Puls der Zeit sind und von der Wehrmachtsausstellung bis zu Kinderhandel reichen, mittlerweile große Beliebtheit und eine eigene Handschrift erspielt. Kommissare als Aufklärer im wahrsten Wortsinn. Eine immer wichtigere Rolle spielen mittlerweile Kommissarinnen: Sei es Saalfeld (Simone Thomalla) in Leipzig, Lindholm (Maria Furtwängler) in Hannover oder Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) in Frankfurt, die Ermittlerinnen reflektieren die permanente Veränderung gesellschaftlicher Rollenbilder, geben sich selbstbewusst, ohne das Frausein zu verleugnen. Mit Mehmet Kurtulus ist mittlerweile auch der erste türkische „Tatort“-Kommissar im Einsatz.

Dann gibt es noch den Klassiker: Als beste Folge gilt für viele nach wie vor Wolfgang Petersens „Reifezeugnis“ (1977) mit der damals 15-jährigen Nastassja Kinski, die ein Verhältnis mit ihrem Lehrer hat und einen Mitschüler, der sie deswegen erpresst und zu sexuellen Diensten zwingen will, ermordet. Dass die Folge so eigenständig wirkt (was ihr einen Kinoeinsatz in mehreren europäischen Ländern einbrachte), mag vielleicht auch daran liegen, dass sie im fiktiven Örtchen Pöstrupp spielt, was die Zwänge, auf reales Lokalkolorit einzugehen, reduzierte und ihr einen stärkeren fiktiven Freiraum verschaffte. Der Erzählduktus und der Soundtrack sind filmischer als in den meisten anderen Folgen, der Ermittler Finke (Klaus Schwarzkopf) spielt hier eher eine Nebenrolle, der Fokus liegt auf dem Liebespaar, das mit dem Druck, seine Liebe geheimzuhalten, immer schwerer fertig wird. Dass Nastassja Kinski kurz nackt zu sehen war, mag ebenfalls seinen Anteil am Kultstatus der Folge haben.

Viel könnte man noch schreiben über großartige Ermittlerduos (etwa die Leipziger Ehrlicher und Kain) die gesellschaftlichen und politischen Aspekte der Reihe, über die wichtige Rolle, die die Autoren der Serie spielen; man könnte besonders gelungene und beklemmende Folgen herausheben (etwa Dominik Grafs „Frau Bu lacht“, der sich mit Kindesmissbrauch beschäftigt), Hintergründe zur berühmten Titelsequenz erwähnen, darüber referieren, welch wunderbare Zeitkapseln viele der Siebziger- und Achtziger-Jahre-Folgen sind oder monieren, dass der gegenwärtige österreichische „Tatort“ trotz seines Bemühens, aktuelle Themen aufzugreifen, seit Jahren eine meist unfreiwillig komische Angelegenheit ist; doch angesichts der Jahrzehnte, die die Reihe bereits auf dem Buckel hat, muss es hier aus Platzgründen bei einem Überblick bleiben.

Aufgestellt ist der „Tatort“ jedenfalls – wenn, wie in der Mehrzahl der Fälle, das Drehbuch stimmt – nach wie vor gut: So lange er sich weiterhin nicht scheut, relevante und unbequeme Themen anzufassen, wird es ihn noch weitere vierzig Jahre geben. Klarer Fall.

Weit über 100 „Tatort“-Folgen werden in den nächsten Jahren in mehreren Veröffentlichungswellen in Form von Einzelfolgen, Städteboxen (3 Discs) und Kommissarboxen (4 Discs), ausgestattet mit umfangreichem und zum Teil exklusivem Bonusmaterial, erscheinen. Drei Wellen, u.a. mit den Kommissaren Schimanski/Thanner, Ballauf/Schenk oder Veigl/Lenz, sind bereits erschienen. Die von ARD, ORF und SF produzierten Folgen erscheinen bei Walt Disney Studios Home Entertainment.