Terrence Malicks zweiter Film Days of Heaven: ein Unterfangen biblischen Ausmaßes und mit einer weit reichenden Auswirkung, die nicht allgemein bekannt ist.
Jahr für Jahr, Wettbewerbsfilm für Wettbewerbsfilm dasselbe faszinierende Schau- und Hörspiel: Man begibt sich bei den Filmfestspielen in Cannes trotz aller Eile mit der gebotenen Ehfrurcht in einen der beiden prächtigen Kinosäle (Lumière und Debussy), in denen für gewöhnlich die Pressevorführungen stattfinden. Nach allerlei Profanitäten (SMS oder Mailbox abfragen, hektisch noch einmal telefonieren, denn man könnte ja etwas Wichtiges verpassen) und hartnäckig konservierten Ritualen (wenn das Licht ausgeht, ruft seit gut 20 Jahren immer einer – oder auch mehrere: „Raoul!”, ohne dass die meisten wissen, warum) öffnet sich der gigantische Vorhang, und die Leinwand wird sichtbar. Es folgt unweigerlich wildes Geblitze von Dutzenden Fotoapparaten, wenn die berühmte Cannes-Signation zu sehen ist: die goldenen Treppen, auf deren oberster schließlich eines der bedeutendsten Symbole der Filmwelt erscheint: die Goldene Palme von Cannes. Der Aufschrei war groß, als die Signation zum 50-Jahre-Jubiläum des Festivals einer minimalen optischen Modernisierung unterzogen wurde. Was sich seit Jahrzehnten nicht geändert hat, und was wohl niemand wagen würde zu ändern, ist die Musik, die diesen feierlichen Akt begleitet: Ennio Morricones Epoche machendes Leitmotiv aus Terrence Malicks Days of Heaven (1978), jenem Film, für den Malick 1979 in Cannes mit der Goldenen Palme als Bester Regisseur ausgezeichnet wurde. Nach der Preisverleihung, die Geschichte ist bekannt, verschwand Malick, damals das „heißeste“ Talent der amerikanischen Filmindustrie, aus der Öffentlichkeit. Es sollten viele Jahre vergehen, ehe Malick wieder auftauchte: bei der Viennale 1993, wo ihm zu Ehren seine ersten beiden Filme gezeigt wurden. Erst weitere sechs Jahre später drehte er mit The Thin Red Line seinen nächsten Film. Jedes Mal, wenn diese fast sakrale Musik im dunklen Kinosaal in Cannes erklingt, erinnert man sich an diesen außergewöhnlichen Film, eine Art Verfilmung des biblischen Buches Ruth, angesiedelt „in der Glut des Südens“ (so der deutsche Titel). Man denkt auch daran, wie wohl Terrence Malicks Karriere verlaufen wäre, hätte er sich damals nicht freiwillig aus dem Filmbusiness zurückgezogen. Er wäre wahrscheinlich noch berühmter geworden, als er es ohnehin ist, aber er wäre nicht jener kubrickeske Monolith des Kinos, als der er heute gilt.
