Nicht nur für Hell or High Water ist der Schauplatz Texas wie gemacht: im Grenzland der USA überlagern sich Geschichte und Mythologie. Ein filmischer Streifzug von Amarillo zum Rio Grande.
Manchmal sind die Menschen hier auch glücklich. So wie jene zwei Paare, die auf einem staubigen Parkplatz aus ihrem Pickup aussteigen und zu tanzen beginnen. Der ältere Mann, ein Vorarbeiter auf einer Ranch, und sein jüngerer Freund, ein illegal ins Land gekommener mexikanischer Cowboy, haben mit ihren Begleiterinnen einen der seltenen schönen Tage verbracht. Nun heißt es Abschied nehmen, und aus dem Autoradio erklingt Freddy Fenders „Before the Next Teardrop Falls“.
In demselben Land, aber in einem anderen Film zu einer anderen Zeit, treffen sich der Sheriff eines kleinen Grenzstädtchens und seine Freundin mexikanischer Abstammung an dem Fluss, wo sie bereits als Kinder miteinander gespielt haben – bevor die Welt der Erwachsenen sie getrennt hat. Doch in diesem Augenblick, im Hier und Jetzt, ist es noch einmal so wie damals.
The Three Burials of Melquiades Estrada, inszeniert von Tommy Lee Jones, erzählt von der Freundschaft zwischen einem Texaner (Jones) und einem Mexikaner (Julio Cedillo) buchstäblich über den Tod hinaus. In Lone Star von John Sayles klärt ein Grenzsheriff (Chris Cooper) einen viele Jahre zurückliegenden Mord auf und bringt zugleich Licht in die dunkle Geschichte seiner eigenen Familie. Es sind zwei Filme, in denen stellvertretend für so viele andere die unwirkliche Schönheit dieser Landschaft mit den zwischenmenschlichen Kämpfen einhergeht. Denn Texas war im Kino immer schon ein besonderes Land: eine aus vielen kleinen, menschlichen Geschichten bestehende, große Legende. Eine einzige Erzählung, die von einer Handvoll Eingeschlossener in einer Missionarssiedlung namens Alamo ebenso berichtet wie von imaginativen Fluchtorten. Vom Schicksal jener, die hier ein kleines Stück vom Glück suchen oder von jenen wenigen, die tatsächlich auf Reichtum stoßen. Kurzum eine Geschichte, die sich aus unzähligen falschen und wahren Bildern zusammensetzt.
Auch in David Mackenzies Hell or High Water findet sich ein Moment des Glücks, und natürlich ist er der einzige für das Brüderpaar Toby (Chris Pine) und Tanner (Ben Foster), und das Schöne daran ist, dass dieser Augenblick im Gegensatz zum Leben der beiden authentisch ist: Am Abend vor ihrem letzten Bankraub stehen sie am Zaun ihrer verschuldeten Farm. Weit ist das Land, und tief steht die Sonne, und zum ersten Mal fühlen sich die beiden Männer, die ständig unterwegs sind und die Fluchtautos in der texanischen Erde vergraben, zuhause.
Hell or High Water, an dessen Ende die Ölpumpen das Schwarze Gold zutage fördern, erzählt aber wie so viele andere Texas-Filme – etwa Douglas Sirks Melodram Written on the Wind oder Paul Thomas Andersons während der Großen Depression angesiedelter There Will Be Blood – zugleich von einem Umbruch, der in diesem Land seit jeher nur Gewinner und Verlierer kennt. Denn der Lone Star State war im Kino schon immer weniger realer Schauplatz, als geschichtsträchtiger Ort und Projektionsfläche für den Glauben an individuelle Freiheit und selbstgemachtes Glück.
Denn Texas, das ist jener von den Vereinigten Staaten annektierter Staat, der sich wie kaum ein anderer seine Eigenständigkeit auf die Fahne heftet. Und nicht zufällig ist Texas nicht nur im Western für die Einzelgänger, Außenseiter und Söldner der prophetische Fluchtort, an dem man den Reichtum ebenso finden kann wie die verloren gegangenen eigenen Ideale. Oder jederzeit den Tod. Oder einen Kopf wie in Sam Peckinpahs Bring Me the Head of Alfredo Garcia.
Dass der Großteil der Texas-Filme (wie auch Hell or High Water) in New Mexico gedreht wird, tut nichts zur Sache. Denn Geschichte und Mythologie haben den realen Schauplatz seit hundertfünzig Jahren überlagert. Vielleicht ist es auch deshalb so wichtig, dass in diesen Filmen immer wieder in Boden und Vergangenheit gebohrt wird. Oder gegraben, so wie Chris Cooper in Lone Star ein Skelett aus der Wüste gräbt, oder Josh Brolin als störrischer Südstaatler in No Country for Old Men irgendwo im Südwesten von Texas bei der Jagd auf Antilopen auf die Spuren eines Massakers stößt, ehe der mexikanische Killer (Javier Bardem) sich an seine Fersen heftet.
Von einsamen Hügeln aus blickt in diesem Film der Coen-Brüder die Kamera von Roger Deakins wiederholt über die karge Ebene, in der sich die Menschen wie kleine Figuren ausmachen. Und immer wieder ist es – ein zentrales Motiv aller Texas-Filme – die Entfernung zum Geschehen, die über Sieg oder Verderben entscheidet. Bei den Coens bedeutet das natürlich ein entsprechendes Katz-und-Maus-Spiel, bei Sayles ein Sich-Finden auf neutralem Boden („You’re the sheriff of Rio County, right? Un jefe mui respectado”, erklärt ein Mexikaner, und nachdem er einen Strich in den Staub gezogen hat: „Step across this line. You’re not the sheriff of nothing anymore.”) In Three Burials hingegen muss ein kleiner mexikanischer Ort als letzte Ruhestätte für den Leichnam des Freundes gefunden werden: denn in Texas wird ausgegraben, in Mexiko verscharrt.
Dass Texas aber tatsächlich nicht nur ein Land für alte Männer ist, das zeigen so außergewöhnliche Filme wie Richard Linklaters Langzeitstudie Boyhood über das Erwachsenwerden, oder zuletzt Ang Lee mit seinem Heimkehrerdrama Billy Lynn’s Long Halftime Walk, in dem eine kleine US-Einheit zu Propagandazwecken durchs Land geschickt wird und ausgerechnet an Thanksgiving bei einem Footballspiel in Dallas landet. Von Texas geht es dann zurück in den Irak, von einem irrealen Ort zu einem für diese jungen Männer längst real gewordenen.
Welche Bilder Terrence Malick, der sich bereits in The Tree of Life an seine texanische Kindheit erinnerte, von seiner ehemaligen Heimat Austin gefunden hat, sieht man übrigens in Song to Song. Freddy Fenders „Before the Next Teardrop Falls“ wird darin nicht zu hören sein. Und Texas einmal mehr so aussehen, wie nur Malick es filmen kann.
