Das Auftragskillerkino ist nicht totzukriegen: Nach Jim Jarmuschs meisterhaftem „The Limits of Control“ versucht sich „The American“ auf der Gegenseite des Genrespektrums. Starring George Clooney, directed by Anton Corbijn, shot in Italy.
Wer glaubt, er sei mehr als die anderen, muss sich auf den Friedhof begeben. Dort wird er sehen, was das Leben wirklich ist: eine Hand voll Erde.“ Der Leitspruch von The Limits of Control, einem spanischen Lied entlehnt, lässt offen, wann man sich auf den Friedhof begeben muss. Macht man es beizeiten, wird man vielleicht demütiger dem Leben der anderen gegenüber und sieht ein, dass man sein eigenes Leben nur in engen Grenzen kontrollieren kann. Macht man es nicht rechtzeitig, wird man von anderen friedhofsfertig gemacht. Zum Beispiel von einem Auftragskiller.
Jim Jarmusch (The Limits of Control – Jim Jarmusch im Gespräch) konjugiert formvollendet durch, wie einer, der „das System“ repräsentiert, mehr sein zu wollen als die anderen, am Ende auf den Friedhof muss. Sein Killer verfolgt das Ziel mit höchster Konzentration und fantastischer Konsequenz. Bei Anton Corbijn hingegen muss schon ganz zu Beginn eine Frau auf den Friedhof, weil der Killer unprofessionell geworden ist. Dessen Auftrag im tiefen schwedischen Winter läuft schief, seine amouröse Deckenwärmerin wird dadurch zur Zeugin, die umgehend beseitigt werden muss. Der nötige Schuss in ihren Hinterkopf macht den Killer nachdenklich. Sein nächster Auftrag, so sein Beschluss, möge der letzte sein. In einem abgelegenen Dorf inmitten der rohen Berglandschaft der Abruzzen soll er sich sammeln und auf diesen Job vorbereiten.
Die beiden Killerfiguren könnten unterschiedlicher kaum sein. Schon durch ihre vorhandene oder nicht vorhandene Präsenz im Titel der Filme, die sie tragen, kommt das zum Ausdruck. The Limits of Control mit dem hinreißend stoischen Isaach De Bankolé steckt die Grenzen seiner Vermarktung selbst. The American ist George Clooney. Unter niedrig dosiertem Einsatz seines charmanten Lächelns zwar, und auch weniger adrett angezogen als sein globales Werbe-Alter-Ego, aber eben doch George Clooney. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Während Clooneys Amerikaner im Grobstrickhemd an seinem Gewehr feilt und mit unspektakulär ausgeleuchtetem, nacktem Oberkörper lustlos seine Liegestütze und Klimmzüge absolviert, stellt De Bankolés Afrikaner die feinsten Kammgarnanzüge wie ein Chamäleon vor graublauer oder sandfarbener Kulisse zur Schau und vollzieht im eleganten Zwirn auch seine mindestens ebenso eleganten Thai-Chi-Übungen. Noch beim Verspeisen der kleinen Zettelchen, mit denen er aktuelle Anweisungen entgegen nimmt, sieht er anmutig aus.
Odyssee und Idylle
Natürlich gibt es theoretische Gemeinsamkeiten der beiden Figuren, das bedingt die Natur ihres Berufs. Beide sollten sich auf ihre Intuition verlassen können – der Afrikaner betritt einmal aus einer Laune heraus ein Bühnencafé, in dem wundersamerweise das eingangs erwähnte spanische Lied geprobt wird; der Amerikaner lässt sich intuitiv auf Gespräche mit dem Dorfpfarrer ein, obwohl dieser ein allzu offensichtliches Interesse an dem Fremden zeigt. Beide müssen auf scheinbare Nebensächlichkeiten achten und, obwohl sie sich auf einer Odyssee der Langeweile (der Afrikaner) beziehungsweise in einer trügerischen Dorfidylle (der Amerikaner) befinden, geistesgegenwärtig, fokussiert und vigilant bleiben.
Dem Afrikaner gelingt das hervorragend, er widersteht sogar mühelos einer nackten Schönen auf seinem Hotelzimmerbett. Der Amerikaner dagegen lässt sich ablenken, mehr als das, er malt sich einen Ruhestand mit ergebener Damenbegleitung aus. Fündig wird er im hiesigen Puff. Wie es die kurvige Dorfschönheit Clara dorthin verschlagen hat, darüber ließe sich munter spekulieren. Jedenfalls scheint ihr Äußeres einer Zeit entlehnt, als Männer noch massenhaft Playmates in ihre Spinde klebten und Silikon bestenfalls als Heimwerker-Baustoff bekannt war. Hätte die graziöse Violante Placido nun noch eine Rolle spielen dürfen, die über das Stereotyp einer heißherzigen Italienerin hinausgegangen wäre, dann … Naja, dann wäre der Kontrast zur einzigen anderen nennenswerten Frauenfigur weitaus schwächer ausgefallen. Thekla Reuten, wie Anton Corbijn aus den Niederlanden, spielt die Auftragsvermittlerin Mathilde bei Jacks letztem Job. Sie gibt diesen emotionslosen Part zuerst in Form einer attraktiven Karriereblondine, später als legere Dunkelhaarige, und sie verleiht ihrer Figur die gleiche handwerkliche Präzision, mit der der Amerikaner sein Gewehr aus hundert Einzelteilen zusammenschraubt. Als vertrauensbildende Maßnahme lässt sie Jack den von ihm aus gebrauchsfremden Teilen gebastelten Schalldämpfer an ihr ausprobieren: Sie stellt sich auf eine Waldlichtung und lässt ihn knapp an sich selbst vorbeischießen. Doch irgendwie ist der unterkühlten, undurchsichtigen Frau nicht zu trauen; zu leicht lässt sie sich mit dem hohen Norden assoziieren, wo des Amerikaners vorletzter Auftrag in die Hose gegangen war.
Dann ist da noch der kommunikationsfreudige Padre Benedetto (Paolo Bonacelli). Er ist dick, weise, weißhaarig und hat wasserblaue Augen mit einer formidablen Netzhaut. Zudem ein gutes Gedächtnis für scheinbare Unwichtigkeiten. Ihm fällt auf, dass der Amerikaner etwas zu verbergen hat, durch detailliertes Nachbohren bringt er ihn in Verlegenheit. Über den eigenartigen Gast könnte man sich als Ansässiger einige legitime Fragen stellen: Wieso wirkt der Typ derart unausgelastet, obwohl er doch angeblich einen fotografischen Auftrag für ein Reisemagazin zu erfüllen hat? Warum wirkt er so angespannt und abwesend zugleich? Er spricht, gibt aber wenig preis. Als seine harmlosen Pläuschchen mit dem Pfarrer etwas verbindlicher zu werden scheinen, vergisst er nicht darauf, dennoch höflich Distanz zu halten.
Thrill or chill
The American hätte ursprünglich „A Very Private Gentleman“ heißen sollen, wie der 1990 erschienene Kriminalroman des britischen Dichters Martin Booth (1944–2004), auf dem er basiert. Mit dem von den Produzenten als Referenz genannten Zinnemann-Klassiker The Day of the Jackal (1973) nach dem Roman von Frederick Forsyth hat die Geschichte einzig insofern zu tun, als es sich bei der Titelfigur nicht nur um einen Hitman, sondern auch um einen fingerfertigen Waffenschmied handelt. Erste Adaptionsversuche scheiterten schon in den Neunziger Jahren, etliche Drehbuchversionen später fiel der Stoff Anton Corbijn in die Hände. Mit Control (2007), dem auf Schwarzweiß limitierten Biopic des Joy-Divison-Sängers Ian Curtis, hatte der erfolgreiche Porträtfotograf und Musikvideofilmer erstmals als Spielfilmregisseur auf sich aufmerksam gemacht. Laut eigener Aussage wühlte Corbijn sich danach durch diverse Thriller-Drehbücher, „bis ich schließlich das Skript zu The American in die Finger bekam. Die Geschichte über einen Einzelgänger, der versucht, Erlösung von den Sünden seiner Vergangenheit zu erlangen, interessierte mich sofort brennend, genauso wie die große Spannung und Romantik darin. Ich war auf einen Stoff gestoßen, der sowohl Spannung als auch Tiefgang versprach.“
Ob Corbijn das Versprechen eingelöst hat, darüber lässt sich streiten. Die Spannung, die aus dem Verhältnis der Figuren zueinander organisch entsteht, versucht er mitunter durch inszenatorische Finten zu intensivieren. Eine der Stärken des Films ist in gewisser Weise auch seine Schwäche: All die gefinkelten Einstellungen und schrägen Kamerawinkel (die natürlich den kunstfertigen Fotografen durchblicken lassen), die Closeup-Zooms wie die Schwenk-Extravaganzen, sie geben höchst beredt darüber Auskunft, wie wenig hier im Grunde passiert. Nicht, dass The Limits of Control vor Handlung überbordet; dennoch stellt dieser ein Gegenstück zu The American innerhalb des Genres dar. Beim nicht minder formverliebten, jedoch dezidiert fernöstlich inspirierten Altmeister Jarmusch entspricht der Ereignisarmut die Gemessenheit der Erzählbewegung und der meditative Grundton. Jarmusch hat einen coolen Anti-Thriller inszeniert, Corbijn hat sich bemüht, einen besonders smarten Thriller hinzukriegen. Der Nachteil ist evident: Die stilleren, kontemplativer angelegten Szenen in The American laden weit weniger zu eingehender Betrachtung ein als das bei The Limits of Control der Fall ist.
Western influence
Trotz dieser Einschränkung ist The American eine bemerkenswerte Arbeit. Die pittoreske Berglandschaft der Abruzzen wird als beeindruckend elastische Stimmungstapete aufgerollt, und für den Score verpflichtete Corbijn seinen Freund Herbert Grönemeyer – was sich überraschend als Gewinn erweist. Unaufdringlich und einfühlsam begleitet die Musik den Amerikaner in seinen bedächtigen Phasen, teils angenehm kontrapunktisch klingt sie in den Action-Szenen.
Einen möglichen Schlüssel zur Sicht auf seinen Film liefert der Regisseur selbst, indem er den Western als das auf ihn einflussreichste Genre bezeichnet. „Western haben seit jeher großen Eindruck auf mich gemacht“, sagt Anton Corbijn, „angefangen mit der US-Serie Rawhide [Tausend Meilen Staub, mit Clint Eastwood, Anm.], die ich als Kind während der Sechziger Jahre regelmäßig im Fernsehen sah. Der Look, die Handlung und die Moral der Westernfilme zog mich stark an. Obwohl es sich bei The American eigentlich nicht um einen Western handelt, ist der Film doch wie ein solcher strukturiert: Ein Fremder kommt in eine kleine Stadt und freundet sich dort mit einigen Leuten an. Aber dann holt ihn seine dunkle Vergangenheit wieder ein, und am Ende kommt es zu einer großen Schießerei, einem regelrechten Showdown.“
Wie schwer man von Gewalt loskommt, das lässt sich vor allem an Hand der großen Regisseure des Westerngenres mustergültig nachvollziehen. Einer der größten von ihnen ist John Ford, aber den gibt ja wiederum Jim Jarmusch gern als filmischen Ahnherren an. Die Landschaftsbilder der Western, die in Amerika spielen (auch in vielen Italo-Western), wurden übrigens häufig in Südspanien gedreht, also dort, wo auch den Afrikaner in The Limits of Control die Reise hinführt. So schwingt bei Jarmusch der Western mit: als atmosphärischer Hintergrund für einen lakonischen Helden, der dem System, mehr sein zu wollen als die anderen, die Grenzen der Kontrolle aufzeigt.
