„The Birth of a Nation“ handelt von der widersprüchlichen Gestalt des Sklaven Nat Turner in Virginia, der zuerst friedlich predigt und am Ende einen grausamen Aufstand anführt. Regisseur Nate Parker setzt mit seinem Film zu einer anderen Art der Geschichtsschreibung an und positioniert sich gegen D.W. Griffiths gleichnamiges Werk.
Nat Turner was captured and hanged. In the days before his execution he agreed to tell his story. But after his death, his words became the property of others, as his body was during his life.“ Mit diesen Worten wird der ehemalige Sklave und Aufständische Nat Turner in Charles Burnetts dokumentarischer Reflexion Nat Turner: A Troublesome Property (2003) vorgestellt. Turner ist eine umstrittene historische Figur, über die nicht allzu
viel bekannt ist: 1800 in Virginia als Sohn einer Sklavin geboren, 1831 ebendort hingerichtet. Davor hatte er einen ebenso blutigen wie chancenlosen Aufstand gegen die Sklavenhalter der Gegend angeführt. Vor seinem Tod erzählte Turner den Schergen noch etwas über sein Leben, das Protokoll wurde mehrfach zur Inspiration literarischer Texte und damit, in Burnetts lyrischer Formulierung, zum Eigentum anderer. Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben, zumindest solange, bis es anderen gelingt, sich die Erzählung selbst anzueignen. Das US-amerikanische Black Cinema ist ein Ausdruck dieses Ringens, die Perspektive auf das Leben an sich zu reißen. Afro-amerikanische Filmemacher wie Charles Burnett, Spike Lee, Julie Dash, der Oscar-Preisträger Barry Jenkins mit Moonlight und viele andere haben in den vergangenen Jahrzehnten einen völlig neuen Blick eingebracht. Eine gerade in diesem Sinn wirklich interessante Produktion ist The Birth of a Nation (2016), die nicht nur das überraschend selten im US-amerikanischen Film bearbeitete Thema der Sklaverei aufgreift, sondern dafür Nat Turner hernimmt, der – Opfer und Täter zugleich – wie geschaffen ist für eine Zäsur in der Rezeptionsgeschichte.
Von D.W. Griffith zu Nate Parker
Der Hintergrund, vor dem The Birth of a Nation sich präsentiert, ist so reichhaltig an Bedeutung und Widerstreit, dass er fast schon den Film selbst überdeckt. Zuerst fällt Parkers Verweis auf den gleichnamigen Film von D.W. Griffith aus dem Jahr 1915 auf. Griffith gilt gemeinhin als „Vater des modernen Kinos“, weil er ins Freie, in die Landschaft drängte, um dort der Abbildung von Leben näherzukommen. Währenddessen drehten seine Kollegen mit starrer Kamera Filme im Studio im Stil von Theaterstücken. Griffiths Modernität besteht aber auch in der freien Interpretation von Geschichte, wenn er in Birth of a Nation deren unverhohlenen Revisionismus vorantreibt. Er erzählt, wie zwei befreundete Familien aus dem Norden und dem Süden der USA durch den Sezessionskrieg zu Feinden werden. Griffith lässt dabei – auch in den Zwischentiteln – keinen Zweifel, dass es die afro-amerikanische Bevölkerung und deren Freunde sind, die die Gesellschaft in das Elend getrieben haben. Man findet die Stereotypien vom schwarzen Vergewaltiger, vom einfältigen field negro und den loyalen Haussklaven, die auch nach der Befreiung dankbar bei ihren ehemaligen Besitzern bleiben. Griffith erzählt kunstvoll, bewegt, verführerisch, für diese Zeit mit unwahrscheinlich üppig inszenierten Schlachtgemälden, doch am Ende steht die schlichte geschichtliche Lüge: Nach dem Krieg zieht ein schwarzer Pöbel im Süden der USA in politische Ämter und die Kongresse ein, während rechtschaffene weiße Bürger von schwarzen Soldaten mit Gewehrkolbenschlägen von den Wahlurnen vertrieben wurden. Vielleicht ginge der Film als Dystopie durch, mit der Wirklichkeit der Nachkriegszeit, der so genannten Reconstruction Era, hat er wenig gemein. Nur der Ku-Klux-Klan, im Film zur ordnenden Kraft stilisiert, war begeistert. Die Neugründung des Ordens nach der Premiere hat eine skurrile Note, zeigt aber auch die Wirkmächtigkeit von Griffiths Arbeit, wiewohl der Film – ein kommerzieller Erfolg – sofort von widerstreitenden Debatten begleitet wurde. 1980 inszenierte der Filmstudent Spike Lee an der Tisch School in New York den Kurzfilm The Answer, eine satirische Antwort auf den Rassismus von Griffiths Film, Lee flog fast von der Filmschule.
Sklaverei und Black Cinema
Seither ist einiges in Bewegung geraten. Spike Lee hat das Leben des militanten Bürgerrechtlers Malcolm X (siehe Kasten) als Studioproduktion verfilmt, eine ganze Reihe von afro-amerikanischen Filmemachern haben sich Terrain auch in Hollywood erkämpft, teils mit mittleren Budgets wie in den Produktionen von Antoine Fuqua (Training Day, The Magnificent Seven); während der Neunziger Jahre wurde das Ghetto zum eigenen Filmgenre, und Stoffe aus der Zeit der Segregation – zuletzt Loving (2016) von Jeff Nichols, oder Selma (2014) von Ava DuVernay – als publikumstauglich erachtet. Viele dieser Filme sind von politischen Fragen angetrieben, etwa von gesellschaftlicher Ungleichheit, und oft waren diese Filme begleitet von akademischen Diskussionen, auf welche Weise sie zum emanzipatorischen Projekt des Black Cinema beitragen würden. Ein Film über die Sklaverei wie Nat Parkers The Birth of a Nation reicht jedenfalls weit über solche Labels hinaus: Die Ghettoisierung eines solchen Themas kann heute nur noch schwer in Kategorien der Hautfarbe eingehegt werden, wie das mit Sklavereifilmen im Rahmen von Blax/Sexploitation wie Richard Fleischers Mandingo (1975) der Fall war. Aber auch der wohlmeinende pädagogische Blick eines Steven Spielberg mit seiner in die weiße, zivilisatorische Perspektive verschobenen Erzählung Amistad (1997) wirkt heute schon ein wenig antiquiert.
So ist es kein Zufall, dass der erste Spielfilm, der aus dem Zentrum des Themas heraus erzählt wurde, erst vor wenigen Jahren entstand. 12 Years a Slave erhielt 2013 den Oscar für den besten Film und entstand interessanterweise unter der Regie des Briten Steve McQueen. 12 Years rollt das Leben eines freien afro-amerikanischen Bürgers und Geigenspielers auf, der im Bundesstaat New York lebte, 1841 entführt und als Sklave in die Südstaaten verkauft wurde. Der tiefen Ungerechtigkeit dieses Schicksals und der formalen Schönheit des Films liegt zugleich auch so etwas wie ein konsensuales Fundament zugrunde – auf diesen Film kann man sich einigen. Nate Parkers The Birth of a Nation hingegen macht mit dem Aufrührer Nat Turner einen Schritt weiter in Richtung Zumutungen der (eigenen) Geschichte. Held oder von einem göttlichen Wahn verblendeter Mörder – in Parkers Inszenierung wird die Gewalterfahrung jedenfalls zum Angelpunkt des Geschehens. The Birth of a Nation ist ein klassisches Revenge-Movie, dessen simple dramaturgische Logik darin besteht, dass das Maß irgendwann voll ist. Dann rächt sich der Geknechtete, fürchterlich mitunter. Parker, der auch das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle spielt, inszeniert sich im Film als sympathischer junger Mann, der – im Rahmen seiner totalen Unfreiheit – dennoch privilegiert aufwächst. Als Bub erfährt er den speziellen Humanismus seiner „Besitzer“ dadurch, dass er lesen und schreiben lernen darf. Auf anderen Plantagen steht darauf der Tod. Zu sehen ist, wie der junge Nat mit dem Sohn der Sklavenbesitzer fröhlich spielt und sich die Ordnung dieses spezifischen Ortes vorübergehend aufzuheben scheint. Parker weiß, wie er die Paradoxien dieser Zeit ins Bild setzt, einige Zeit später wird der junge Mann Zeuge seiner eigenen Ohnmacht, als er einem Lynchmord tatenlos zusehen muss.
The Birth of a Nation folgt in seiner weiteren Erzählung ganz dem Regime von Hollywood-Filmen. Bösewichte sind durch ihre Physiognomien unschwer erkennbar, eigentlich sind alle Weißen in diesem Film recht unansehnlich, und eindrückliche Szenen finden in Close-ups und unter Einsatz dramatischer Lichtgebung statt. Das Baumwollpflücken wird von Gesängen begleitet, und wenn die Sklaven sich in der Scheune treffen, fällt das Licht wie ein Prisma durch die Bretterbalken. The Birth of a Nation ist ein Film, der in seiner Ästhetik keine neuen Wege beschreiten möchte, sondern sein Publikum finden will. Kein Wunder, dass dieser Film im Vorfeld mehrfach von Fachblättern als großer Oscar-Anwärter gehandelt wurde. Der große US-Verleih Fox bezahlte die Rekordsumme von 17,5 Millionen Dollar in Sundance für die Filmrechte. The Birth of a Nation ist kein Bildungsbürgerkino, sondern zielt zuvorderst auf ein sinnliches Erleben ab. Nate Parker bereitet Degradierung und Rassismus als haptische Erfahrung, die wie eine Linie in die jetzige Zeit zu führen scheint. Auch wenn sein Einsatz von Nina Simones berühmtem Song „Strange Fruit“ im Film als ahistorisch kritisiert wurde, wird die Idee dahinter erkennbar. Mit jedem neuen Ereignis, der fast erfolgten Tötung von Turners Vater, später der Vergewaltigung seiner Frau, und der zunehmenden Willkür der Plantagenbesitzer nähert sich der Film seinem eigentlichen Ziel: die Ambivalenzen der historischen Figur des Nat Turner in einer alttestamentarischen Vergeltung aufzulösen und daraus eine tragische Heldengeschichte zu formulieren.
An diesem Punkt hebt sich The Birth of a Nation doch von Hollywood-Dramaturgien ab, denn der Protagonist hat kein gutes Ende zu erwarten. Er hat nichts zu verlieren, auch nicht sein Leben, aber etwas zu erringen: einen kurzen Moment der Freiheit. Parker scheut sich nicht vor Pathos, wenn es um die Unabhängigkeit seiner Subjekte geht. Der Gedanke der Revolte, bei der auch die Kinder der Sklavenhalter ermordet werden, erhöht sich im Einsatz der Zeitlupe, in einem Flug über die Landschaft, in der Sonne, die am Ende einer Wasserfläche zu sehen ist. Diesen Bildern liegt etwas Göttliches zugrunde, dazu passt, dass Nat Turner ein Mann der Bibel war. Da er lesen konnte, reiste er mit seinem Besitzer von einer Plantage zur nächsten, um gegen Bezahlung aus dem Testament zu predigen. In der Verbindung des Göttlichen und des Massakers darf man durchaus etwas Frevelhaftes sehen. Birth liegt aber auch ein Gegenentwurf zur Geschichtsschreibung Griffiths zugrunde. Die Vergewaltiger bei Nate Parker sind nicht schwarz, sondern weiß, und auch der kurze Griff nach der Macht der Afro-Amerikaner ist letztlich nur mit der eigenen Destruktion denkmöglich. Aber Parkers Film erschöpft sich gerade nicht in Opferrollen zugerichteter Menschen, die zugleich immer auch an die Schuldhaftigkeit anderer, auch von einem selbst als Zuseher geknüpft sind, sondern findet eine universelle Schönheit in der Inszenierung von Unabhängigkeit und Selbstbefreiung. Darin liegt wohl das Potenzial dieses Films.
Dass der gehypte The Birth of a Nation am Abend der Oscar-Verleihungen schließlich überhaupt nicht im Dolby Theater in Los Angeles vertreten war, dürfte an den Vorwürfen liegen, die im Vorfeld gegen Nate Parker vorgebracht wurden. Er soll 1999 in einem Studentenheim gemeinsam mit einem Freund (sein Story-Ko-Autor Jean McGianni Celestin) eine Studentin vergewaltigt haben. Parker wurde im Zweifel freigesprochen, Celestin in erster Instanz verurteilt. Die Frau nahm sich zehn Jahre später das Leben. Kurz darauf hob eine Diskussion in sozialen Foren an, ob Parker und der Film boykottiert werden sollten. Es wurden aber auch Parallelen zu Roman Polanski gezogen und die Frage aufgeworfen, ob Parker bzw. sein Film nicht Ziel einer rassistischen Kampagne wurde. Wie auch immer, Nate Parker wurde, wie „Die Zeit“ titelte, auf seine Weise „von der Vergangenheit eingeholt“.
