Sofia Coppola

The Bling Ring | Interview

Lost in Los Angeles

| Thomas Abeltshauser |

Sofia Coppola über die Oberflächlichkeiten in ihrer Heimatstadt, Auswüchse des Starkults und die Selbstironie von Paris Hilton.

Sie haben sich zur Vorbereitung des Drehbuchs zu The Bling Ring mit zwei der jugendlichen Bandenmitglieder getroffen. Was haben Sie aus diesen Begegnungen mitgenommen?
Sofia Coppola: Ich habe mich vor allem mit Nick Prugo unterhalten, dem Jungen des echten „Bling Ring“. Es war interessant, seine Sicht der Dinge und mehr über sein Verhältnis zu Rachel zu hören, einem der vier Mädchen, das im Film Rebecca heißt. Und ich erfuhr kleine Details, die ich sonst nie hätte ahnen können, etwa dass sie versuchten, Paris Hiltons kleinen Hund zu kidnappen.

Im Film heißt der Junge Mark, und er scheint der einzige der Bande zu sein, der das kriminelle Verhalten reflektiert. Entspricht das der Realität?
Die Charaktere sind ja alle nicht sonderlich sympathisch, aber ich wollte eine Figur im Film haben, mit der man sich ein Stück weit verbunden fühlt, und da boten sich der Junge und seine Geschichte an, wie er in diese Clique kam und mitmachte, weil er dazugehören wollte. Ich habe ihn ein bisschen sympathischer gemacht als das reale Vorbild, aber auch dem echten Nick tun seine Taten leid und er hat sich bei den Opfern entschuldigt.

Ihr Film handelt von der Obsession mit Celebrities, aber auch von der Langeweile privilegierter Menschen.
Diese Jugendlichen sind ja gerade nicht privilegiert, sondern Vorstadtkids aus der Mittelschicht, die Teil dieses Lifestyles der Celebrities sein wollen, der ihnen wahnsinnig glamourös erscheint.

Diese Obsession scheint immer stärker zu werden. Vor 20 Jahren wäre eine solche Geschichte noch undenkbar gewesen, oder?
Sogar noch vor zehn Jahren! Das fand ich auch so faszinierend daran, als ich 2011 den Artikel in „Vanity Fair“ über den echten Bling Ring las, dass das so viel über unsere Zeit hier und jetzt sagt. All diese Aspekte unserer Popkultur, die immer mehr zu dominieren scheinen, der Starkult, die Reality Shows und Social Media. Das hat einen sehr großen Einfluss auf Teenager und wie sie die Welt wahrnehmen. Durch diese Flut an Informationen, durch Paparazzi, aber auch durch die Prominenten selbst, die twittern und damit Nähe suggerieren, verschwimmen die Grenzen zwischen Privatleben und öffentlichem Leben zunehmend, und viele Jugendliche denken, sie hätten ein Anrecht, am Leben der Stars teilzunehmen.

Wovon sind diese Kids mehr besessen: den Celebrities oder diesen ganzen Designer-Labels, die sie den Prominenten aus den Kleiderschränken klauen?
Das hängt alles zusammen. Sie wollen den Glamour, die Klamotten und den Status, ohne dafür arbeiten oder etwas leisten zu müssen oder sich für irgendetwas zu interessieren.

Können Sie die Faszination für Designer-Mode nachvollziehen?
Ich weiß gut gemachte Kleidung sehr zu schätzen, ich interessiere mich auch für Mode, aber ich bevorzuge sie subtil und raffiniert, nicht so krachig wie diese Kids. Diese Obsession mit bestimmten Labels kann ich nicht verstehen. Ich glaube, dass sie auf der Suche nach ihrer Identität sind und so schlüpfen sie in verschiedene Rollen, probieren die Outfits ihrer Vorbilder an, wollen aussehen wie Paris Hilton oder Lindsay Lohan. Dieses Bedürfnis habe ich nicht.

Aber Sie kennen auch die andere Seite, haben selbst schon Werbung für Parfüm gemacht, also dieses Begehren nach Luxusartikeln mit angeheizt.
Stimmt, ich bekenne mich schuldig.

Sie haben in Paris Hiltons echtem Anwesen gedreht. Wie haben Sie sie dazu überredet? Und wie viel haben Sie an der Einrichtung verändert?
Das war ganz einfach. Sie ist sehr offen und hat uns überall filmen lassen. Und wir haben nichts verändert, sie lebt wirklich so! Als wir das Haus zum ersten Mal betraten, waren wir doch sehr überrascht. Überall hingen riesige Porträts von ihr, auf Kissen war ihr Gesicht gedruckt, es war wirklich Paris World. Und es war toll, einen der tatsächlichen Tatorte zu sehen. Paris Hilton hat damals tatsächlich ihren Hausschlüssel unter dem Türvorleger versteckt, deswegen kam die Bande so einfach rein. Das macht sie heute vermutlich nicht mehr.

Der Film hat ein sehr ironisches Verhältnis zu Stars. Hatte Paris Hilton kein Problem damit? Hat sie es überhaupt verstanden?
Sie ist sehr selbstironisch, ihr hat es Spaß gemacht. Ihr gefällt ja, wie ihre Villa eingerichtet ist, und sie hat sich gefreut, das zeigen zu dürfen. Sie nimmt es alles nicht zu ernst, die Kissen etwa hatte ein Freund für eine Party gemacht, und sie fand sie witzig und hat sie behalten. Aber mal sehen, wie andere Stars darauf reagieren werden. Aber ich mache mir darüber nicht wirklich Gedanken.

Sie kommen den Figuren mit der Kamera sehr nahe, aber dann stellt sich heraus, dass hinter der Glitzerfassade nichts ist. Sie jagen Statussymbolen hinterher, alles ist pure Oberfläche, nichts hat Beständigkeit oder wirklichen Wert, nicht einmal Freundschaft.
Mir war wichtig, ihre Erlebnisse darzustellen und nicht über sie zu urteilen. Das überlasse ich dem Publikum. Ich zeige nur, ich möchte niemandem vorschreiben, was er darüber zu denken hat. Man sieht ihren Background, woher sie kommen und dass sie in ihren Familien und ihrer Erziehung kaum mit Kultur in Berührung gekommen sind. Sie müssen sich ihre eigene Identität suchen, und das tun sie in dieser Popwelt.

Gibt es Stars, die Sie als Teenager verehrt haben?
Nicht auf diese Weise. Es gibt Künstler oder Bands, die ich bewundere, aber ich hatte nie diese verrückte Obsession.

Normalerweise dreht sich bei 16-Jährigen viel um Sex und die ersten Erfahrungen. Warum nicht in Ihrem Film?
Ich hatte den Eindruck, dass diese Kids sehr asexuell waren und ihre Erregung und Befriedigung durch Konsum bekamen. Sie haben sich sexy Klamotten angezogen, aber nicht, um Sex zu bekommen, sondern Aufmerksamkeit. Sie sind gar nicht in der Lage, Intimität und menschliche Nähe zu entwickeln. Und Nick hat sich mittlerweile geoutet, aber er war sich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht über seine sexuelle Orientierung im Klaren.

Wie haben Sie den visuellen Stil und den Soundtrack des Films entwickelt?
Die Bildästhetik sollte die Geschichte reflektieren, deswegen sollte es grell und glitzernd und laut sein und die Energie dieser Kids widerspiegeln. Und der Soundtrack besteht aus Popsongs, die ich zum Teil schon beim Dreh nutze, um eine bestimmte Atmosphäre am Set zu erzeugen. Es hilft den Schauspielern, in eine Szene zu kommen. Den Eröffnungssong „Crown of the Ground“ von Sleigh Bells hatte ich schon beim Schreiben im Kopf, ich fand die Energie toll. Aber die Songs repräsentieren auch, welche Musik diese Generation hört.

Eines der Mädchen wird von Emma Watson gespielt. War es wichtig, einen Star zu besetzen?
Ich habe sehr viele Nachwuchsschauspieler getroffen, und Emma hatte einfach eine sehr reflektierte, ernsthafte Vorstellung von der Figur, die sehr leicht zu einer Karikatur hätte geraten können. Mir gefällt es, wenn Schauspieler eine Rolle in unerwarteter Weise verwandeln und sich aneignen. Und die anderen waren alle unbekannt, aber im richtigen Alter und hatten diese frische Energie, die ich haben wollte.

Für wen haben Sie den Film gemacht? Für die Generation, von der er handelt? Oder für deren Eltern?
Wenn ich etwas interessant finde, hoffe ich, dass das auch andere anspricht. Das halte ich für die sinnvollste Herangehensweise. Und ich hoffe schon, dass Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen einen Nutzen daraus ziehen können. Der Film zeigt ja den Glamour, aber mit einem kritischen Abstand.

Keine Angst, dass sich Teenager den Film aus den falschen Gründen anschauen?
Es ist eine Gratwanderung zwischen Popcorn-Kino und einer Reflektion über ein kulturelles Phänomen. Man kann ihn sicher als eine Art guilty pleasure sehen und sich an dem ganzen Luxus ergötzen. Ich wollte schon, dass man sieht, warum all das so eine Anziehungskraft hat. Und klar macht es Spaß, in Paris Hiltons Haus zu schleichen und zu sehen, wie sie wohnt! Aber am Ende bekommt der Film einen anderen, düsteren Ton, und ich denke nicht, dass er Diebstahl und Einbrüche glorifiziert.

Ihre Filme spielen oft an Orten wie Hotelzimmer, Autos, in Clubs oder fremden Luxusvillen, allesamt auf eine Art leere Räume, Orte, in denen man nicht zuhause ist.
Ich mag Hotels, weil sie eine eigene Welt sind, eine Art Übergang. Die anderen Orte wähle ich aus, weil ich die Atmosphäre mag, aber ich habe keine übergreifende Raumtheorie dazu. Ich habe mir noch nie Gedanken dazu gemacht.

Sie reden nicht so gerne über Ihre Arbeit, oder?
Ich erzähle gerne, wie ich etwas mache, aber es fällt mir schwer, meine eigenen Filme zu analysieren, dazu fehlt mir die Distanz. Aber ich freue mich über das Interesse und die Interpretationen.

Wie würden Sie Ihr eigenes Verhältnis zu Los Angeles und der Filmbranche beschreiben?
Natürlich kommt ein großer Teil dieser ganzen Welt aus Realityshows, Klatschmagazinen und Paparazzi-Blogs von dort, aber ich lebe dort auch nicht. Ich halte das nur in Maßen aus.

Als Tochter eines weltbekannten Filmemachers sind Sie selbst im Scheinwerferlicht aufgewachsen. Wie haben Sie diesen Starkult damals von der anderen Seite aus wahrgenommen?
Ich bin nicht in Hollywood aufgewachsen, sondern im Norden Kaliforniens. Und ich habe natürlich mitbekommen, dass viele meinem Vater auf eine ganz bestimmte, fast ehrfürchtige Art begegneten. Aber es war nie wirklich eine große Sache, und jetzt ist es längst Teil des Mainstreams geworden. Es hat sich wirklich komplett verändert.

Bereits Ihr letzter Film Somewhere spielte in Los Angeles und handelte von der Oberflächlichkeit des Lebens in dieser Stadt. Ist The Bling Ring eine bewusste Weiterentwicklung dieses Themas?
Mir wurde dieses Phänomen in Los Angeles immer bewusster, alles dreht sich nur noch um Prominenz und Aufmerksamkeit und ich hatte das Gefühl, es noch nicht ausgeschöpft zu haben. Als ich dann auf diese Geschichte stieß, war es wie eine extremere Variante. Man kann sie also durchaus als Double Feature sehen.

Erst kürzlich kam mit Harmony Korines Spring Breakers ein Film ins Kino, der sich ebenfalls mit den Abgründen der Jugendkultur auseinandersetzt.
Ich habe den Film nicht gesehen, aber er scheint mir diese jugendliche Pop-Trash-Kultur sehr viel mehr auszubeuten. Das tue ich nicht. Aber ich kann verstehen, warum Leute die beiden Filme vergleichen.

The Bling Ring ist auch ein Familienunternehmen mit mehreren Coppolas on Bord. Wie funktioniert das konkret?
Mein Vater ist ausführender Produzent, weil seine Firma mit drinsteckt, aber er ist nicht wirklich involviert. Ich zeige ihm den Film in verschiedenen Stadien und könnte ihn sicher auch um Rat fragen, wenn ein Problem auftaucht, aber ich finde meist lieber selbst eine Lösung. Mit meinem Bruder Roman arbeite ich sehr gern zusammen, er unterstützt mich etwa dabei, die Crew zusammenzustellen.

Muss man sich in einer Künstlerfamilie besonders beweisen?
Es gibt eine Menge Persönlichkeiten und Talente in meiner Familie, es ist immer etwas los, aber ich hatte immer das Gefühl, dass jeder sein Ding machen kann. Roman hatte mehr Schwierigkeiten mit diesem Druck, einen berühmten Regisseur als Vater zu haben. Bei mir waren die Erwartungen offensichtlich nicht so hoch, deswegen fühlte ich mich da recht frei. Ich meine damit die Wahrnehmung von Außen, nicht unsere Familie, wir haben uns immer gegenseitig sehr unterstützt und wir wurden gefördert. Wir hatten kein Fernsehen, aber unser Vater hat uns schon früh Filme von Kurosawa oder europäisches Kino der fünfziger Jahre gezeigt, so erhielten wir unsere ganz persönliche Kinoerziehung.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft als Filmemacherin?
Ich habe noch kein konkretes Projekt, aber ich möchte gerne weiter kleinere Filme mit einer überschaubaren Crew drehen. Die Erfahrungen bei Marie Antoinette waren nicht so positiv für mich, ich mochte diese aufwändigen Dreharbeiten nicht sehr. Kleinere Filme liegen mir mehr. Aber jetzt mache ich erst mal Pause und kümmere mich um meine Familie und Dinge im realen Leben, bevor ich einen neuen Stoff suche, der mich begeistert.