The Bow

Der Bogen

| Ralph Umard |

Die abnorme Liebesgeschichte eines alten Mannes, der mit einem jungen Mädchen von der Welt abgeschieden auf einem Schiff lebt.

Manche Männer träumen davon, ein Mädchen ganz für sich allein zu besitzen. Einige wenige machen diese Fantasie tatsächlich wahr, indem sie jemanden bei sich zuhause einsperren. Kim Ki-Duk, Südkoreas obsessivster Cineast, setzt diesen Herrschaftswunsch sublimiert immer wieder in seinen Filmen ins Bild, zeigt Männer, die sich Frauen mehr oder weniger gewaltsam aneignen, wie in seinem kommerziell erfolgreichsten Film Bad Boy. Über die drastischen Darstellungen asozialer oder abartiger Verhaltensweisen in Kims Oeuvre kann man geteilter Meinung sein, doch weisen alle seine Werke eine eigenwillig kunstsinnige farbliche und motivische Gestaltung auf. Hwal spielt einmal mehr auf dem Wasser, mit wenigen Worten und streckenweise enervierender Musik. Kommuniziert wird mit Pfeil und Bogen, in der abendländischen Mythologie assoziiert mit Eros und Amor. Allein auf einem ankernden Kutter im Meer wohnt ein alter Mann mit einer 16-jährigen Jungfrau, die von der Außenwelt völlig isoliert lebt. Als sie sechs war, hat er sie an sich genommen, mit siebzehn soll sie seine Braut werden. Sehnsüchtig fiebert er der Hochzeitsnacht entgegen. Gelegentliche Besucher, die zum Angeln aufs Boot kommen und begehrliche Blicke auf sein Mädchen werfen oder Annäherungsversuche starten, hält der eifersüchtige Alte mit Pfeil und Bogen in Schach. Bis ein Student aufkreuzt und dem Mädchen den Kopf verdreht, die nun ihrerseits die Sehne spannt und scharf auf ihren Bewacher schießt.

Mit engelhaftem Lächeln und wortkarg wie ein Trappist verkörpert Han Yeo Reum eine asiatische Lolita in Kim Ki-Duks absonderlicher Männerfantasie, die am Ende gespenstisch in einer transzendentalen Sexsequenz kulminiert. Bereits in Samaria zeigte Kim Minderjährige, die sich älteren Herren hingeben. In mancherlei Hinsicht entsprechen diese Mädchen dem Wunschdenken vieler, traditionell extrem patriarchalisch geprägter, koreanischer Männer, die durch die zunehmende Emanzipation und Eigenständigkeit junger Koreanerinnen frustriert sind. Im Grunde geht es in Hwal um das Problem existenzieller Einsamkeit und, wie auch bereits in Bin-Jip, geht Kim der Frage nach, inwieweit die Welt, in der wir leben, Realität oder Traum ist. Dabei entrückt er den Filmzuschauer in surreale Gefilde und sprengt mittels Kinomagie die Grenzen der Wirklichkeit.