The-Chronology-of-Water - film

Filmstart

The Chronology of Water

| Alexandra Seitz |
Kristen Stewarts Debütfilm ist eine hochambitionierte Kampfansage an den Mainstream und seine Klischees.

Mit ihrem Regiedebüt The Chronology of Water adaptiert Starschauspielerin Kristen Stewart die unter gleichem Titel 2011 erschienenen Erinnerungen der ehemaligen Schwimmsport-Hoffnung und heutigen Schriftstellerin Lidia Yuknavitch. Geboren 1963 in San Francisco, wächst Yuknavitch in einem dysfunktionalen Elternhaus auf. Sie und ihre Schwester werden vom gewalttätigen Vater missbraucht, die selbstmordgefährdete Mutter trinkt, um das zu verdrängen. Den Absprung aus diesen katastrophalen Verhältnissen, den ein Sportstipendium an einem College in Texas bieten würde, setzt Lidia mit ihrem Alkohol- und Drogenkonsum vorzeitig in den Sand. Danach flüchtet sie weiter nach Oregon und wird an der dortigen Universität in den Kreis des Kultschriftstellers Ken Kesey aufgenommen. Ihr infolgedessen entstehendes literarisches Werk erregt Aufsehen, sie erfährt Anerkennung, ein Weg der Heilung scheint sich aufzutun; doch Lidias selbstzerstörerische Impulse sind noch (lange) nicht befriedet: Sie erweitert das Experimentierfeld ins Sexuelle, erlebt die Liebe mit allen möglichen Geschlechtern, entdeckt den Sadomasochismus und experimentiert mit dem US-amerikanischen Allheilmittel „Familie“.

Lidias Leben gleicht einem zitternden Versuch, ist ein Torkeln auf einem schmalen Grat, den Abgrund immer vor Augen, in dem die Panik vor dem Absturz flackert. Und eben dieses Flackern bestimmt über weite Strecken den visuellen Stil von Stewarts Film. Rausch und Delirium, Albträume und Traumata werden in The Chronology of Water als Spiel mit der Tiefenschärfe, als Vibrieren der Kamera, als emotionsmotivierte Montage erkennbar. Die Haltlosigkeit der Protagonistin wird direkt übersetzt in ein zittrig-ausfransendes Szenen-Geflecht, dessen Koordinaten bestenfalls ungewiss und dessen Boden schwankend ist. Stilistisch erinnert das an die wundersamen Arbeiten der Independent-Filmemacherin Josephine Decker, die wiederum unübersehbar von den ästhetischen Strategien Terrence Malicks beeinflusst sind. Anders als der Altmeister aber nervt uns Nachwuchskraft Stewart nicht mit pathetischen Predigten. Vielmehr setzt sie ihren unbedingten von der ersten Sekunde an spürbaren Kunstwillen dazu ein, die nichtlineare Struktur von Erinnerungen nachzubilden – Erinnerungen einer Frau, die ihre Mitverschwörerin Imogen Poots in keiner Sekunde an Opferklischees verrät. Ein starkes Stück.