The Congress

The Congress

Zeichentrip

| Oliver Stangl |

Kühn, visionär und etwas überladen: Ari Folmans sehr freie Lem-Adaption „The Congress“ hat visuell Einiges zu bieten.

Die Schauspielerin Robin Wright (als Variante ihrer selbst: Robin Wright), Jahrgang 1966, hat schon bessere Zeiten gesehen. Früher ein Golden-Globe-nominierter Star, der in Erfolgsfilmen spielte und als Sexsymbol galt, hat sie mittlerweile ein Alter erreicht, das in Hollywood als schwierig für Frauen gilt, um es milde auszudrücken. Die Angebote bleiben allmählich aus (die Produzenten haben ihre Stars halt lieber jung und knackig), und auch die Leidenschaft für ihren Beruf scheint nicht mehr wie früher da zu sein. Da sitzt sie nun, die Mutter zweier Teenager, in ihrem zur Wohnstätte umgebauten Flugzeughangar und hört apathisch einer Tirade zu, die ihr Agent Al (Harvey Keitel) auf sie loslässt: Ein wichtiges Angebot des Studios, ein einmaliges, eines, das sie für den Rest ihres Lebens absichern würde, habe er noch für sie, die Widerspenstige, mit der er es doch immer so gut gemeint habe. Nur was es sei, wisse er selber noch nicht so genau. Nach erstem Zögern begleitet sie Al schließlich ins Filmstudio Miramount (sic!), wo Produzent Jeff (Danny Huston) mit dem Offert herausrückt: Im Gegenzug für eine enorme Summe Geldes, mit der sie ihrem an einer seltenen Krankheit leidenden Sohn helfen könne, soll die Schauspielerin sich einscannen lassen und die Rechte für ihr digitales Image – ohne Anspruch auf Mitsprache – dem Studio abtreten. Für das Publikum würde sie dadurch nie mehr altern, sie selbst dürfe sich aber nie wieder vor eine Filmkamera oder auf eine Theaterbühne begeben. Zunächst empört, stimmt Wright schließlich zu …

Schauspielerin statt Raumfahrer

Geht man mit der Erwartung ins Kino, eine Adaption des 1971 erschienenen Science-Fiction-Romans „Der futurologische Kongreß“ von Stanislaw Lem zu sehen, könnte man ob dieses Beginns ein wenig skeptisch werden, ob man auch im richtigen Film sitzt, handelt das Buch doch von den Erlebnissen des Raumfahrers Ijon Tichy (eine Figur, die auch in Lems „Sterntagebüchern“ vorkommt), der zu titelgebendem Kongress in der Bananenrepublik Costricana reist. Ort der Tagung, die das Thema Überbevölkerung behandelt, ist das 106-stöckige Hilton. Dass in Costricana nicht alles mit rechten Dingen zugeht, wird schnell evident: Ins Trinkwasser gemischte Chemikalien stellen die unzufriedene Bevölkerung ruhig. Nach wüsten Halluzinationen und seiner Konservierung in Stickstoff erwacht Tichy schließlich in einer Zukunft, in der man mittels Psychopharmaka Objekte imaginieren und in einer scheinbar friedlichen Welt Abenteuer nach Belieben erleben kann. Doch nach Einnahme eines Gegenmittels erkennt Tichy, dass dies nur Illusion ist – in Wahrheit herrschen Armut und Elend, die von den unterdrückten Massen bloß nicht mehr erkannt werden können.
Einige dieser bei Lem satirisch behandelten Themen kommen schließlich auch in Ari Folmans The Congress vor, und zwar nach einem harten Schnitt: Zwanzig Jahre nach dem Teufelspakt mit Miramount wird Robin Wright, deren digitale Filmauftritte mittlerweile kultisch verehrt werden, zu einer streng abgeschirmten, vom Filmstudio organisierten Fan-Convention inmitten eines Wüstengeländes eingeladen. Zutritt erhält nur, wer eine Chemikalie inhaliert, die alles zur Animation werden lässt. Hier wechselt der Film in den Zeichentrick-Look, der durchaus zu beeindrucken weiß: Anders als bei Ari Folmans Oscar-nominierter Auseinandersetzung mit dem ersten Libanonkrieg, Waltz With Bashir aus dem Jahr 2008, dessen Animationen quasi-dokumentarisch daherkamen, regiert hier der Cartoon-Look der dreißiger Jahre. Haupt­inspiration waren die Arbeiten der legendären Fleischer-Brüder, die damals die größten Konkurrenten der Disney-Studios waren und Charaktere wie Betty Boop oder Popeye ins Kino brachten. Doch sind die Animationen in The Congress nie bloß komisch oder lieblich, sondern stets unterschwellig bedrohlich aufgeladen. Spätestens in den Hotelszenen am Wüstengelände, in denen sich die Handlung von Film und Roman teilweise treffen, wird auch klar, dass mit der Welt fast nichts mehr stimmt. Rebellen, denen auch Wrights Tochter angehört und die sich gegen Miramounts Scheinwelt wehren, verüben einen Anschlag. Doch damit ist Folmans Film noch längst nicht zu Ende …
Identität und ihr Verlust, die Menschenverachtung der Filmindustrie, die Unterdrückung der Massen mit schönem Schein, die Auswirkungen des Alters: Dies sind nur einige der Themen, die Folman hier anschneidet. Darunter leidet der mit zahlreichen Zitaten gespickte Film (besonders Kubrick lässt grüßen) ein wenig, der mitunter etwas ziellos vor sich hindriftet und manchmal auch etwas zu selbstverliebt in seiner Zeichentrickwelt schwelgt. Letzteres könnte daran liegen, dass es zweieinhalb Jahre dauerte, bis 55 Minuten handgezeichneter Film fertig waren und Folman im Endschnitt auf nichts verzichten wollte. Doch davon abgesehen beeindrucken die Animationen, die eine solipsistische Welt zeigen, in der sich jeder wünschen kann, was er will, in ihrem Detailreichtum: So kann man Alter Egos von Muhammad Ali bis David Bowie erspähen und wird Zeuge von allerlei psychedelischen Transformationen. Auch ein berühmter Hollywoodstar, der durch sein Grinsen bekannt ist, wird treffsicher karikiert. Ein Problem des Films ist gelegentlich, besonders in der ersten Hälfte, der Dialog: Immer wieder erklären die Figuren das, was man ohnehin sieht – bis es etwa zum Prozess des Scannens kommt, hat man die technischen Details entschieden zu oft erklärt bekommen. Die Seitenhiebe auf Hollywood („Holocaust-Filme bringen Oscars!“) sind oft bissig, wirken aber auch etwas kalkuliert. Letztlich sind es die Thematik des Solipsismus und das stets präsente Gefühl von Isolation, die besonders in Erinnerung bleiben – dass Wrights Sohn am Usher-Syndrom (eine Krankheit, die zu allmählicher Taubheit und Erblindung führt) leidet, ist mehr als nur ein melodramatischer Effekt und fügt sich stimmig ins Gesamtbild.
In den Realszenen hat Robin Wright einige starke Momente und überzeugt besonders in jenen Passagen, in denen man sieht, wie zermürbend das Hollywood-System für die Psyche sein kann. Dass sie hier eine Variante ihrer selbst verkörpert, verstärkt diesen Effekt noch. Aber auch sonst ist der Film durchwegs gut besetzt: Harvey Keitel hat einen schön bizarren Monolog über das Showbusiness, Danny Huston versteht sich auf das Diabolische, Paul Giamatti verströmt in einer Nebenrolle als Arzt leise Traurigkeit, und Jon Hamm haucht einer Zeichentrickfigur stimmlich Leben ein.
Folmans Hybrid aus Roger Rabbit und Synecdoche, New York mag nicht der ganz große Wurf geworden sein, dennoch ist The Congress ein absolut sehenswerter Film, dem man Respekt dafür zollen muss, dass er mutig eigene Wege geht. Eine Eigenschaft, die man in der Filmlandschaft (egal ob in der fiktiven oder der realen) nur allzu selten findet.