The Curious Case of Benjamin Button – Am Ende des Tages

Am Ende des Tages

| Jörg Schiffauer |

Mit The Curious Case of Benjamin Button“ hat David Fincher einen der ungewöhnlichsten Filme der letzten Jahre geschaffen. 13 Oscar-Nominierungen sprechen für sich.

Mit dem lakonischen Satz „I was born under unusual circumstances.“ kommentiert Benjamin Button den Beginn seiner Lebensgeschichte, was, man wird es sehr bald erfahren, einer Untertreibung von monumentalem Ausmaß gleichkommt. Denn Benjamin Button, der an jenem Abend 1918 in New Orleans das Licht der Welt erblickt, an dem die Vereinigten Staaten gerade ausgelassen das Ende des Ersten Weltkriegs feiern, ist ein Geschöpf von der Größe eines Babys, jedoch mit der körperlichen Verfassung eines achtzigjährigen Mannes. Seine Mutter stirbt bei der Geburt, sein sich in einer Art Schockzustand befindlicher Vater setzt ihn auf einer Hintertreppe aus. Dort entdeckt ihn die Afro-Amerikanerin Queenie, die sich kurzerhand entschließt, das Findelkind bei sich aufzunehmen. Obwohl man dem Baby wegen seiner zahllosen Beschwerden zunächst kaum Überlebenschancen einräumt, wächst das seltsame Geschöpf mit der Zeit doch heran – mit einer  Besonderheit: Benjamin „altert“ rückwärts, er wird mit jedem Tag ein wenig jünger. Und da seine Ziehmutter Queenie als Pflegerin in einem Altersheim wohnt und arbeitet, fällt die Außenseiterrolle des geistigen und emotionalen Kindes mit der Physis eines Greises inmitten all der alten Leute in den ersten Jahren seines Lebens gar nicht einmal besonders auf. So wächst Benjamin Button also, immer jünger werdend, heran, bis er sich als junger Mann (mit dem Körper und dem Aussehen eines etwa Sechzigjährigen) dazu entschließt, sein Elternhaus zu verlassen und in die Welt zu ziehen.

Fantastische Geschichte

Es ist eine wahrlich merkwürdig anmutende Geschichte, die mit The Curious Case of Benjamin Button erzählt wird und es ist vor allem eine, die man, zumindest auf den ersten Blick, wohl eher mit Tim Burton als mit jenen düsteren Visionen assoziieren würde, die David Finchers Werk bislang geprägt hatten. Doch der Regisseur von Filmen wie Se7en, Fight Club, Panic Room oder zuletzt Zodiac hat mit seiner neuen Arbeit überhaupt einen zumindest für das gegenwärtige US-amerikanische Kino ziemlich einzigartigen Film in Szene gesetzt, der sich üblichen Kategorisierungen und Schubladen weitgehend entzieht.

The Curious Case of Benjamin Button ist zunächst einmal ein Film, der voraussetzt, dass man bereit ist, sich auf die merkwürdige Geschichte einzulassen. Der Plot, der (allerdings wirklich nur sehr lose) auf einer Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald basiert, repräsentiert im wahrsten Sinne des Wortes Kino des Fantastischen, denn der seltsame Zustand der Titelfigur mit ihrem umgekehrten Alterungsprozess ist eine grundlegende Prämisse, die nie auch nur ansatzweise erklärt wird und als narrative Vorgabe akzeptiert werden muss. Zudem spielt Benjamin Buttons Besonderheit für den Rest seiner Welt eigentlich keine besondere Rolle, er selbst muss zwar lernen, mit dieser Anomalie fertig zu werden, sein soziales Umfeld nimmt diesen Zustand zumeist als einfach gegeben hin. Akzeptiert man jedoch diese erzählerischen Vorbedingungen, wird man sehr bald auf fast hypnotische Art und Weise in den für David Fincher typischen, sehr dichten Erzählrhythmus, den The Curious Case of Benjamin Button aufweist, förmlich hineingezogen. Fincher erzählt die tragisch-skurrile Geschichte des Titelhelden als eine Reihe von Episoden aus dessen Leben, von harmlosen Nebensächlichkeiten bis hin zu großen, dramatischen Momenten, die alle zusammen eben eine Biografie ausmachen.

So lernt Benjamin Button in Kindertagen Daisy, die Enkelin einer Heimbewohnerin, kennen. Doch obwohl Benjamins altes Aussehen zunächst noch für Verwirrung in der Beziehung der beinahe gleichaltrigen Kinder sorgt, hat er doch bereits hier die große Liebe seines Lebens gefunden, seine und Daisys Wege werden sich von nun an immer wieder kreuzen. Benjamin heuert Jahre später als Matrose auf einem Schiff an, das ihn bis ins russische Murmansk führt, wo er eine Affäre mit der Frau des britischen Gesandten erlebt, um danach eher zufällig mitten in den Zweiten Weltkrieg hineinzugeraten. David Finchers Inszenierung entwirft im Verlauf des Films auch ein Panorama des 20. Jahrhunderts, doch es sind keinesfalls die „großen“ historischen Ereignisse, die dieses Bild prägen, sondern die Summe der Erfahrungen seiner Protagonisten, und die kommen eben, wie die überwiegende Zahl der Menschen, nur an vereinzelten Punkten mit der so genannten großen Historie in Berührung. Die Mehrzahl dieser Erfahrungen bleiben alltägliche Erlebnisse, die aber ebenso das Bild einer Epoche ausmachen.

Breiten Raum nimmt jedoch die Liebesgeschichte zwischen Benjamin und Daisy ein, die sich wie ein leitmotivischer Faden durch den Film zieht. Obwohl sich ihre Seelenverwandtschaft schon recht bald klar herauskristallisiert, macht es den beiden zunächst der äußerlich sichtbare Altersunterschied (zumindest dessen Anschein) schwer, zueinander zu finden. Es wird bis zur Mitte ihres Lebens dauern, bis die zwei endlich zusammenkommen dürfen, doch, soweit hat David Finchers Sinn für das Sinistre immerhin Eingang gefunden, man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass es zumindest kein rosarotes Happy End geben kann. Fincher erzählt diese große Liebesgeschichte auf eine berührende, romantische, fast naiv-unschuldige Art und Weise, und es ist zu einem nicht unbeträchtlichen Teil den großartig agierenden Hauptdarstellern Brad Pitt und Cate Blanchett geschuldet, dass dieses Konzept aufgeht und die großen, über Jahrzehnte anhaltenden Gefühle, die Benjamin und Daisy füreinander empfinden, nicht kitschig oder abgeschmackt erscheinen.

Vielschichtiges Werk

The Curious Case of Benjamin Button ist, wie bereits eingangs erwähnt, ein Film, der sich nur schwer einordnen lässt. Der Film ist eine fantastische Erzählung, die aber vorwiegend realistische Ereignisse präsentiert. Es ist ein bildgewaltiges Porträt einer Epoche, das jedoch ohne große Historie auskommt und den Protagonisten Benjamin Button vielmehr wie einen modernen Simplizissimus mehr zufällig als gewollt durch den Strom der Zeitgeschichte manövrieren lässt. Die Inszenierung wird von einem ironischen, witzigen Grundton dominiert, räumt aber auch elegischen Passagen genügend Raum ein, ohne dass dadurch aber Disharmonie aufkommen würde. Der Film besticht auch durch eine unglaubliche Detailtreue und eine streckenweise atemberaubende visuelle Umsetzung, ohne dabei technische Möglichkeiten nur zur Generierung dekorativer Schauwerte zu benützen. Vor allem aber ist The Curious Case of Benjamin Button eine brillant erzählte, faszinierende Geschichte, die den gängigen Mainstream-Erzähltechniken Hollywoods in mehrfacher Hinsicht nicht folgt. Denn trotz eines sehr intensiven, dichten Erzählrhythmus läuft Finchers Inszenierung nicht nach stringent-linearen Mustern ab, sondern setzt die einzelnen Episoden der Geschichte eher lose miteinander in Verbindung. Fincher sammelt die Erlebnisse seiner Charaktere, die zunächst wie vereinzelt herumliegende Bruchstücke erscheinen, sorgsam auf, um sie nach und nach zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, ohne diesem Bild jedoch eine eindimensionale Betrachtungsweise aufzuzwingen. Denn The Curious Case of Benjamin Button reißt eine Vielzahl von Motiven und Themen an, von der großen Liebesgeschichte, über die Bedeutung der Zeit bis hin zur Frage über das Ergreifen oder Verpassen von Chancen, die sich im Verlauf jeden Lebens bieten. Welchem thematischen Strang oder welcher Interpretation man seine verstärkte Aufmerksamkeit schenkt, bleibt, wenn auch nicht direkt vergleichbar, so doch nicht unähnlich dem Polydrama, zu einem gewissen Grad jedem Zuschauer individuell überlassen. Dass sich dennoch Beliebigkeiten weder dramaturgisch noch thematisch einzuschleichen vermögen, verweist einmal mehr auf das virtuose Können David Finchers: Sein Regiekonzept bei The Curious Case of Benjamin Button lässt zwar  Freiräume zu, zwingt dem Zuschauer die Art und Weise der Rezeption nicht bis ins kleinste Detail auf, ohne dabei jedoch die Kontrolle über das Gesamtbild preiszugeben.

Ähnlich verhält es sich mit Finchers Protagonisten: Auch Benjamin Button wird sich seinem seltsamen Schicksal zum Trotz viele Freiheiten nehmen, doch am Schluss wird sich der Kreis seines Lebens dennoch auf nicht ganz überraschende Weise schließen.

F. Scott Fitzgerald (1896–1940) zählt neben Ernest Hemingway, John Dos Passos, William Faulkner und Gertrude Stein zu den bedeutendsten Vertretern der amerikanischen Moderne, seine literarischen Arbeiten thematisieren vor allem die Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise von 1929. Hollywood griff wiederholt auf Fitzgeralds Bücher zurück, „The Great Gatsby“ wurde bereits dreimal verfilmt, 1926, 1949 und zuletzt 1974 unter der Regie von Jack Clayton, Robert Redford übernahm dabei die Titelrolle. Nun nimmt sich Baz Luhrmann des Stoffes erneut an. Weitere bekannte filmische Fitzgerald-Adaptionen sind Tender is the Night (Henry King, 1962) und The Last Tycoon (Elia Kazan, 1976). Auch an etlichen Drehbüchern arbeitete F. Scott Fitzgerald, mit (sein Name blieb jedoch in den meisten Fällen ungenannt), etwa an Marie Antoinette (W.S. Van Dyke, 1938) und The Women (George Cukor, 1939).