The Edge of Love

| Alexandra Seitz |

Kolportierte Episode aus dem Leben eines walisischen Trunkenboldes: Ménage à trois zu viert

Ein riesiger knallrot geschminkter Mund füllt die Leinwand. Öffnet sich. Beginnt zu singen. In der Rückwärtsbewegung gibt die Kamera den Blick frei auf das bis zu maskenhafter Künstlichkeit weich gezeichnete, verheißungsvoll schimmernde Gesicht Keira Knightleys, die in The Edge of Love die Sängerin Vera Phillips spielt (und selbst singt). Dass diese Figur eine Projektionsfläche ist, daran lässt bereits diese erste Einstellung des Films keinen Zweifel.

Vera Phillips singt in einem der U-Bahnschächte, in dem die Londoner Bevölkerung vor den Bomben der Nazis Zuflucht sucht. Ihre glamouröse Erscheinung lässt auch den jungen Offizier William Killick das reale Unglück draußen an der Oberfläche für einen kurzen Moment vergessen. Ihn wird Vera später heiraten. Doch zunächst begegnet sie in einem Pub ihrer Jugendliebe Dylan Thomas wieder, dem berühmten walisischen Dichter und großen Trinker. Gemeinsam mit seiner Frau Caitlin (Sienna Miller) wird er bei ihr einziehen. Dann werden die Verhältnisse kompliziert und die Gefühle unberechenbar und frei flottierend oftmals Richtung und Charakter ändern.

The Edge of Love, mit dem Regisseur John Maybury – nach Love is the Devil (1998) über Francis Bacon – erneut ein Schlaglicht auf das Leben eines Konventionen nicht achtenden Künstlers wirft, beruht angeblich auf wahren Ereignissen und entstand nach einem Drehbuch von Knightleys Mutter, Sharman Macdonald, die mehr hätte machen müssen aus diesem Stoff. Doch auch die gute Besetzung – Matthew Rhys steckt seine geballte Energie in die Darstellung des gequälten Genies, Cillian Murphy schafft sich in die Figur des traumatisierten Soldaten und Knightley und Miller holen aus ihren Frauenfiguren heraus, was eben geht – kann nichts daran ändern, dass The Edge of Love an einer ungünstigen Verbindung aus szenischer Einfallslosigkeit und inszenatorischer Ungeschicklichkeit letztlich scheitert. Soll heißen, dass die lustlose Montage von klischeehaften Versatzstücken wie kichernden Frauen am Strand, brütenden Männern im Pub und gemischten Doppeln im Bett ganz sicher kein differenziertes Drama ergibt.

Als es gegen Ende dann doch noch spannend zu werden droht, als Eifersucht, gekränkte Künstler-Eitelkeit, verletzte Soldaten-ehre und wahre Liebe sich zu einer explosiven Mischung verbinden, die die Figuren voll warmes Blut pumpt – da ist es für Tiefgang zu spät. Da hat einen die gefällige TV-Film-Oberfläche eingelullt, und so mancher schnarcht bereits.