THE GOOD NURSE

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The Good Nurse

| Pamela Jahn |
In „The Good Nurse“ spielt Eddie Redmayne den Serienmörder Charles Cullen wie alle seine Rollen mit einer Intensität und Natürlichkeit, die bewegt und fasziniert. Der britische Schauspieler und sein Regisseur Tobias Lindholm über den Täter, die Suche nach einer eigenen Wahrheit und die Fehler im System.

Die unglaublichsten Geschichten sind immer die wahren. Das hat Netflix bereits früh erkannt und schöpft seit jeher im True-Crime-Genre aus dem Vollem. The Good Nurse, das englischsprachige Debüt des Dänen Tobias Lindholm, der bisher vor allem für seine Drehbuch-Zusammenarbeit mit Thomas Vinterberg bekannt ist, kommt daher wenig überraschend. Aber es sind Jessica Chastain und Eddie Redmayne die hier einmal mehr ganze Schauspielarbeit leisten und den faktenbasierten Thriller mit viel Feingefühl für ihre Figuren aus der Masse – und der Mittelmäßigkeit – erheben.

Jessica Chastain verkörpert Amy Loughren, eine Krankenschwester auf der Intensivstation, die neben ihrem Job zwei Töchter und ein möglicherweise tödliches Herzleiden unter einen Hut zu bringen versucht. Lange kann sie dem enormen Druck, der auf ihren schmalen Schultern lastet, jedoch kaum mehr standhalten, deshalb ist sie heilfroh, als ein neuer Kollege ins Team kommt: Charles „Charlie“ Cullen (Redmayne), ein umgänglicher, ruhiger Typ, der sein Handwerk versteht, wird bald zu einer unentbehrlichen Stütze bei der Arbeit und in ihrem Leben. Da ahnt Amy noch nicht, dass das Krankenhaus im Zusammenhang mit einem Todesfall auf der Station die örtlichen Behörden eingeschaltet hat. Bei dem Fall gerät zunächst auch sie unter Verdacht. Als die Ermittlungsbeamten jedoch etwas tiefer zu graben beginnen, stoßen sie bald auf Unregelmäßigkeiten in Charlies bisheriger Arbeitsgeschichte, die fragwürdige Vorkommnisse in einer Reihe weiterer Krankenhäuser ans Licht bringt. Im Interview sprechen der britische Schauspieler und sein Regisseur Tobias Lindholm über den Täter, die Suche nach einer eigenen Wahrheit und die Fehler im System.

 

Herr Lindholm, haben Sie die beiden Hauptrollen auf Jessica Chastain und Eddie Redmayne hin geschrieben?
Tobias Lindholm:
Nein, das ganze Projekt war für mich eher wie ein Traum, der plötzlich wahr wird. Ich komme nicht aus der Filmbranche, keiner in meiner Familie hat etwas damit zu tun. Aber mit Mitte zwanzig bin ich auf die Filmschule gegangen. Etwa zur gleichen Zeit, als ich meinen Film A Hijacking drehte, sah ich Jessicas Chastain in Zero Dark Thirty. Ihre Darstellung hat mich umgehauen, also fing ich an, mich etwas konkreter mit ihrer Arbeit zu beschäftigen, und mir wurde klar, dass sie so etwas wie die Meryl Streep meiner Generation ist. Als sich schließlich die Möglichkeit auftat, dass sie Amy spielen könnte, und Eddie auch zugesagt hatte, war ich der glücklichste Regisseur auf Erden. Während der Dreharbeiten stellte mir immer wieder vor, wie sich Robert Benton damals am Set von Kramer vs. Kramer gefühlt haben muss, einfach mit zwei so brillanten Schauspielern arbeiten zu können.

Herr Redmayne, Charles Cullen hat sein Motiv für die Morde nie offengelegt. Hat das Ihre Arbeit erschwert oder vielleicht sogar leichter gemacht?
Eddie Redmayne:
Das war für mich einer der spannendsten Aspekte am Drehbuch. Und ich fand es toll, wie Krysty Wilson-Cairns damit umgegangen ist, weil es nie eine einfache Erklärung gibt. Ich hatte das Buch von Charles Graeber, das sich mit seinem Leben und den extremen Traumata befasst, die Cullen durchgemacht hat. Daran konnte ich mich orientieren. Aus schauspielerischer Sicht hat es mir geholfen, die Grundlage für das Extreme an der Figur zu finden. Aber am wichtigsten waren für mich die Aussagen von Amy Loughren. Sie beschrieb, wie nahe sie und Cullen sich standen und dass er ein sehr einfühlsamer Mann war. Und sie meinte, dass es nur zwei Situationen in ihrem Leben gab, in denen sie tatsächlich den Mörder in ihm gesehen hat. In diesen Momenten war er ein anderer Mensch, wie in der Szene im Diner, die man im Film sieht. Das waren meine konkreten Anhaltspunkte. Darüber hinaus habe ich mich vor allem auf mein Bauchgefühl verlassen.

Was macht diese Geschichte für Sie im Vergleich zu anderen Serienmordfällen so interessant?
TL:
Für mich war es die enge Freundschaft zwischen Amy und Charlie. Wäre er nicht der tolle Kollege und gute Freund gewesen, bliebe nur der dunkle Schatten von diesem Mann übrig, ein weiterer Killer. Die Herausforderung bestand jedoch darin, der undenkbaren Idee treu zu bleiben, dass Amys Mitgefühl und ihre Nächstenliebe, der Gewalt ein Ende bereiten könnten.

Herr Redmayne, Sie haben Ihre Rolle im Film als die bisher beste Schauspielerfahrung Ihrer Karriere beschrieben. Was hat die Zusammenarbeit mit Tobias Lindholm für Sie so besonders gemacht?
ER:
Es ist mir ein bisschen peinlich, weil Tobias gerade direkt neben mir sitzt, aber er ist einfach ein wunderbarer Mensch und ein toller Regisseur. Ich habe ihm blind vertraut, weil er mich als Schauspieler vorangetrieben hat. Zudem ist er selbst auch Drehbuchautor. Das heißt, er geht mit einer gewissen Sensibilität an die Sache heran, die andere Regisseure nicht unbedingt haben. Gleichzeitig ist er aber auch ein Regisseur mit einer klaren Vision, und danach habe ich gesucht.

Ihrer Figur ist eine subtile Körperlichkeit eingeschrieben. Schon in der ersten Szene sehen wir sein Gesicht, da ist Mitgefühl, aber auch etwas Zwielichtiges, das fast unsichtbar ist.
ER:
In der Anonymität liegt eine beängstigende Kraft. Das war ein wichtiger Aspekt. Wir erleben das heute tagtäglich in den sozialen Medien, und auch Charlie hat davon profitiert. Wir haben im Vorfeld viel über das Unsichtbare, Unscheinbare seiner Person gesprochen, vor allem mit unserer Kostümbildnerin. Sie hatte tolle Ideen, zum Beispiel was die Kittel angeht. Es scheint so, als hätten sie immer die gleiche Farbe, aber tatsächlich verblassen sie im Laufe des Films, sodass auch Charlie irgendwie immer blasser und blasser wird. Außerdem arbeitete ich mit einem Bewegungscoach, wir haben uns all diese Aufnahmen von Charlie angesehen. Und wenn man genau hinschaut, erkennt man, dass er irgendwie ein stiller Mann ist, aber dann auch wieder nicht. Er berührt immer etwas, fasst sich fast unmerklich ans Ohr oder durchs Haar. Es scheint, als würde er sich nicht bewegen, aber auf den zweiten Blick, passiert da eine ganze Menge.

Hatten Sie Gelegenheit, mit Charles Cullen persönlich zu sprechen?
ER:
Nein, aber ich habe es aus einem ganz bestimmten Grund auch gar nicht versucht. Es war mir wichtiger zu hören, was Amy zu sagen hatte. Denn wenn man sich Interviews mit ihm ansieht, manipuliert er bis heute. Und ich wollte keine manipulierte Version von ihm spielen.

TL: Mir war es außerdem wichtig, im Film unsere eigene Wahrheit zu finden, die im Kern Amys Wahrheit ist. Es ist ihre Sichtweise. Mit ihr gehen wir auf diese Reise. Vom ersten Zusammentreffen zwischen ihr und Charlie, diesem netten, fürsorglichen Kerl, bis zum Ende, wenn man plötzlich denkt: Oh mein Gott.

Es herrscht eine seltsame Ruhe im ganzen Film, manchmal wird es gruselig, aber im Großen und Ganzen wirken alle Szenen so zurückhaltend wie Charlies Verschlossenheit.
TL:
Ich denke, es geht darum, in jedem Moment eine bestimmte Ehrlichkeit und Wahrheit zu finden. Oft sieht man in Filmen Szenen, die nur dazu da sind, die Handlung voranzutreiben, aber im wirklichen Leben funktioniert das so nicht. Man verliebt sich, wenn man mitten in einer anderen Beziehung steckt. Und niemand wartet darauf, dass jemand stirbt, dass sich jemand umbringt, dass jemand verhaftet wird. Es passiert immer, wenn man es nicht erwartet. Und natürlich brauchen wir eine gewisse Erwartungshaltung in der Fiktion. Aber spannender ist es, die Geschichte herauszufordern und eine Logik zu schaffen, die realistischer erscheint.

Haben Sie für sich selbst eine Antwort auf die Frage gefunden, was Charlies Beweggründe gewesen sein könnten?
ER:
Das war nicht nötig, denn Amy hat mir diese Frage beantwortet. Sie glaubt fest daran, dass er zwei verschiedene Persönlichkeiten in sich trägt. Und wenn man in seiner Biografie liest, wie seine Mutter nach ihrem Tod im Krankenhaus behandelt wurde, erklärt das auch einiges. Ich denke, es ist kein Zufall, dass er Jahre später, nachdem er bei der U.S. Navy war und sich entschied, eine Umschulung zum Krankenpfleger zu machen, in dem Krankenhaus anfing, in dem seine Mutter gestorben war. Ich denke, es ging ihm in gewisser Weise darum, die Fehler im System aufzudecken. Das spielte sicher eine Rolle, diese tiefe Wut in ihm, auch wenn es vermutlich nicht der einzige Grund ist.

TL: Als ich zusammen mit David Fincher an Mindhunter gearbeitet habe, drehte sich immer alles um diese Leute, die das sogenannte „Profiling System“ erfunden haben, das im Grunde wie eine Checkliste funktioniert, die erklärt, was sich im Hintergrund der Figuren abspielt. Und alles an Cullen passt genau auf sein Profil. Aber wenn er tatsächlich gesagt hätte, was genau ihn zu den Morden getrieben hat, hätten wir ihm dann geglaubt? Vermutlich nicht. Die viel wichtigere Frage, die wir uns stellen sollten, ist doch, wie so etwas überhaupt passieren konnte? Wie konnte er so lange damit durchkommen? Und hier können wir uns alle einbringen und versuchen, etwas zu bewegen.

Erhoffen Sie sich, dass die Angehörigen im Nachhinein vor Gericht gehen und für Gerechtigkeit kämpfen?
TL:
Ich war überrascht, dass es niemand getan hat. Aber ich habe verstanden, dass es auch jetzt noch schwer ist, zu beweisen, dass die Krankenhäuser Mitschuld tragen. Denn sie sind rechtlich nicht verantwortlich für das, was geschehen ist. Und wen genau verklagt man in so einem Fall, zumal Charlie bereits im Gefängnis sitzt? Aber ich würde mir wünschen, das der Film eine Diskussion darüber anregen kann, wie man auf lange Sicht das System verbessern muss, damit so etwas in Zukunft nicht mehr passiert.