Filmkritik

The Green Knight

| Alexandra Seitz |
Besuch aus fernen Zeiten, zum Staunen und zum Denken

Der grüne Ritter ist keine Erfindung Hollywoods auf der Suche nach neuen Gestalten für’s Superheldenuniversum, die Figur des grünen Ritters entstammt einer mittelenglischen Romanze, die in der Tradition der Artusepik steht. Wer genau ihn sich ausgedacht hat, ist unklar, gewiss ist, dass die Handschrift, in der die Geschichte überliefert wurde, um 1400 zu datieren und der Sprachstand, in dem sie geschrieben, sogar noch etwas älter ist.

Dies ist deswegen wichtig, weil damit die Weltanschauung bezeichnet ist, in der David Lowerys auf „Sir Gawain and the Green Knight“ basierender Film angesiedelt ist; es ist eine zwar sehr, sehr, sehr weit in der Vergangenheit zurückliegende, aber es ist keine komplett erfundene Welt, auf die wir hier schauen. In dieser fernen Zeit, die wir als Mittelalter kennen und gerne als „finsterstes“ apostrophieren, behaupteten allerlei Wesen, die heute den Zusatz „Fabel-“ tragen, konkretes Existenzrecht. Riesen und Drachen, Gespenster, Hexen und Teufel waren nicht nur nicht ausgestorben, sie waren auch keine Seltenheit. Dergestalt, dass in The Green Knight auch mal Riesen durchs Bild laufen, ohne dass daraus mehr folgt als die vervollständigende Ausgestaltung des fantastischen Handlungsraums. Soll heißen, es wird kein großes Gewese um sie gemacht. Ebenso wenig wie um die Tatsache, dass der titelgebende grüne Ritter, der König Artus’ Weihnachtsfeier mit einer Herausforderung zum Kampf unterbricht, aussieht wie Groot oder einer vom Stamme der Ents. Im Kontext der literarischen Tradition der Heldenreise, die hier filmischen Ausdruck findet, handelt es sich bei ihm jedoch um eine Metapher, also um die bildliche Gestaltung eines Konzeptes, eine personifizierte Idee. Welche?

In seinem bisherigen Werk hat Lowery hinreichend deutlich gemacht, dass ihm weder an simplen Fragen noch an einfachen Antworten das Geringste liegt und er fängt in The Green Knight auch nicht damit an. Vielmehr präsentiert er einen zögerlichen, vergrübelten, selbstzweifelnden Helden: Sir Gawain, der die Herausforderung des knorrigen Ritters annimmt, da er bislang noch nicht mit großen Taten von sich Reden machte und sich seinen Platz an der von seinem Onkel geleiteten Tafelrunde verdienen will. Was folgt ist eine Âventiure, die, wie es sich klassisch gehört, auf Herzens- und Charakterbildung zielt und das Profunde nicht scheut. Es ist ein nebelleichtes Gespinst, nichts Festgefügtes, ein Angebot. Ein Film, der sich aus ferner Welt zu uns verflogen hat; ein Paradiesvogel, erstaunlich und schön.