Rache ist brutal und düster in Jeymes Samuels Regiedebüt.
Es fängt schon blutig an: Sechs Schüsse, drei Leichen. Und ein Junge, dem mit einem Rasiermesser ein Kreuz in die Stirn geritzt wird. Keine fünf Minuten sind vergangen, da ist bereits klar, dass Jeymes Samuel nicht an Munition spart, und dass er in seinem Regiedebüt auch sonst keine Zurückhaltung übt. The Harder They Fall ist kein Western für schwache Nerven. Es geht – natürlich – um Rache, sonst nichts. Brutal, kompromisslos, und ohne Gnade.
Die Gewalt kommt geballt, mit Nachdruck und ohne Unterlass. Manchmal scheint es, als wolle Samuel unbedingt sichergehen, dass sein Film auf jeden Fall die Aufmerksamkeit auf sich zieht, die er verdient. Der 42-jährige britische Regisseur, der sich bisher vor allem als Musiker unter dem Namen The Bullitts hervortat, ist mit den Klassikern des Genres aufgewachsen, die er in The Harder They Fall zitiert: Immer wieder lassen die Filme von Sergio Leone und John Sturges grüßen. Immer wieder arbeitet Samuels klug mit Genre-Versatzstücken. Es braucht nur wenige Hinweise, um die verschiedenen Charaktere zu umreißen, die einander hier feindlich gegenüberstehen. Um so mehr konzentriert er sich auf das Drumherum, die Atmosphäre, den Stil – seinen Stil wohlgemerkt, zu dem erwartungsgemäß ein bombastischer Soundtrack (Reggae- und Rap-Klänge, kombiniert mit Ennio Morricone-artigen Melodien) gehört. Gemeinsam mit einer Riege erstklassiger Schauspieler, zu denen neben Idris Elba und Jonathan Majors als Hauptrivalen außerdem Regina King, Lakeith Stanfield, Zazie Beetz, Delroy Lindo und RJ Cyler gehören, durchpflügt Samuel bekanntes Terrain, um etwas Eigenes, Ungewöhnliches daraus entstehen zu lassen.
Die Handlung dagegen ist zunächst herkömmlich: Nat Love (Jonathan Majors) muss als Kind mitansehen, wie Rufus Buck (Idris Elba) seine Eltern ermordet. Als erwachsener Mann ist er selbst ein Outlaw, gebrandmarkt mit dem Kreuz auf der Stirn, das Buck ihm zur Erinnerung hinterlassen hat. Als er erfährt, dass sein Erzfeind unlängst aus der Haft entlassen wurde, trommelt er seine alte Gang zusammen, um Vergeltung zu üben und Buck mit der Hilfe von Marshall Bass Reeves (Delroy Lindo) ein für allemal zur Strecke zu bringen. Was folgt, ist ein Schlagabtausch im Breitbildformat, wie er imposanter kaum sein könnte, inklusive zahlreicher Schießereien in staubigen Grenzstädten und Pferderitten quer durch die Prärie.
So weit, so gewöhnlich. Was The Harder They Fall schließlich unterscheidet, ist die Tatsache, dass hier ein Stück schwarze Geschichte erzählt wird: Die Handlung mag erfunden sein, die Umsetzung gekünstelt wirken, aber die Figuren sind echt. Ein Hinweis zu Beginn des Film macht deutlich: Die hier gezeigte Menschen haben wirklich existiert. Damit wird im Film die von Hollywood favorisierte Sicht auf das Western-Genre nicht gänzlich verurteilt, sondern eher um eine längst überfällige Perspektive erweitert, eine Perspektive, die zugleich auch Frauenrollen, wie der von Regina Kings hartgesottener Trudy Smith einen größeren Spielraum verleiht.
Die Vorwürfe, es handele sich bei dem Film lediglich um ein weiteres Bespiel von „Stil über Substanz“ sind bei aller Originalität und einem ehrenwerten Willen zur Aufarbeitung des Genres bisweilen dennoch berechtigt. Der Regiedebütant folgt, wenn auch erstaunlich effektiv, immer wieder vertrauten Mustern, die er aufputzt, hochstilisiert, mit Gewalt forciert. Und manchmal wird man den Eindruck nicht los, er hätte in erster Linie ein Thema und einen Plot gesucht, um nicht nur seine Kritik am Genre-Status-quo zu äußern, sondern um vielmehr eine bestimmte visuelle Idee zu verfolgen oder ein spezielles Musikstück gekonnt zu platzieren. Dem Unterhaltungswert des Films tut dieser Umstand wenig Abbruch. Und eines muss man Samuel lassen: Er weiß ganz sicher, wie man als Regisseur einen beeindruckenden ersten Auftritt hinlegt.
