Quentin Tarantino richtet mit „The Hateful Eight“ einen blutigen Eintopf aus Western, Kriminalkammerspiel und Rassismusdrama an.
So viele Rückschläge wie bei seinem achten Film musste Quentin Tarantino wohl noch nie einstecken: Als die erste Drehbuchfassung von The Hateful Eight ihren Weg ins Internet fand, sagte er das Projekt aus Frust darüber zunächst ab. Eine Live-Lesung des Drehbuchs gefiel dem Meister dann allerdings derart gut, dass er den Film doch noch inszenierte. Nach relativ reibungslosem Dreh ließ die nächste Hiobsbotschaft in Form einer hässlich geführten Kontroverse allerdings nicht lange auf sich warten: Mehrere US-amerikanische Polizeivereinigungen forderten, nachdem Tarantino sich bei einer Demonstrationen der Organisation „Black Lives Matter“ gegen Polizeigewalt engagiert hatte, einen Boykott des Films („I have to call a murder a murder and I have to call the murderers the murderers“, so Tarantino angesichts zahlreicher, medial breit diskutierter Fälle des letzten Jahres, in denen vor allem Afroamerikaner von Polizisten erschossen wurden). Als wäre das nicht genug, fand das Werk, Oscar-Screenern sei Dank, noch vor dem großflächigen Kinostart seinen Weg ins World Wide Web – immerhin in DVD-Qualität. Letzteres wird aber zumindest wahre Cineasten nicht vom Kinobesuch abhalten, denn der Film wurde von Tarantino als Großevent der alten, analogen Filmschule konzipiert und in 70 mm gedreht. Folgerichtig beginnt er denn auch mit eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen.
Das verschneite Wyoming, ein paar Jahre nach Ende des Bürgerkriegs: In einer Kutsche ist der Kopfgeldjäger John „The Hangman“ Ruth (Kurt Russell) mit seiner Gefangenen Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) unterwegs in die Stadt Red Rock, wo die Verbrecherin gehängt werden soll. Unterwegs schließen sich zum Missfallen des misstrauischen Ruth zwei weitere Reisende an: Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), der im Krieg auf Seiten des Nordens kämpfte und sich nun ebenfalls als Kopfgeldjäger betätigt, sowie der aus den Südstaaten stammende Rassist Chris Mannix (Walton Goggins), nach eigenen Angaben der neue Sheriff in Red Rock. Doch ein immer schlimmer werdender Schneesturm macht einen mehrtägigen Zwischenstopp bei der Postkutschenstation „Minnie’s Haberdashery“ (das Gemischtwarengeschäft wird in der deutschen Fassung, die man sich als Cineast aber ohnehin nicht ansieht, zu „Minnies Miederwarenladen“) unvermeidlich. Allerdings sei Minnie gerade auf Verwandtenbesuch, wie die Vertretung, der Mexikaner Bob (Demián Bechir), den frisch angekommenen Reisenden mitteilt. In der Hütte, in der sich fortan der größte Teil der Handlung abspielt, trifft man auf eine Gruppe weiterer Fremder. Schnell machen sich, vor allem bei Ruth und Warren, Zweifel breit: Sind die Anwesenden – der verbitterte Südstaatengeneral Sandy Smithers (Bruce Dern), der wortkarge Cowboy Joe Gage (Michael Madsen) und der mit britischem Akzent parlierende County-Henker Oswaldo Mobray (Tim Roth) – wirklich das, was sie zu sein scheinen, oder haben sie zwielichtige Absichten? Während draußen der Sturm tobt, schaukelt sich die Stimmung im Inneren immer mehr auf und eine Eskalation scheint unvermeidlich …
Tarantino ließ sich diesmal nach eigener Aussage von den zahlreichen, vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren populären Westernserien inspirieren, doch natürlich gibt es wie stets in den Werken des lebenden Filmlexikons auch Anspielungen auf Kinofilme quer durch die Genres. Neben Tarantinos eigenem Kammerspiel Reservoir Dogs (1992) stand diesmal etwa John Carpenters The Thing aus dem Jahr 1982 Pate (Kurt Russell spielte dort einen jener Männer, die in einer arktischen Forschungsstation nach und nach von einem Alien dezimiert werden, Ennio Morricone komponierte). Ein anderes Genre, das Tarantino hier aufgreift, ist das des Whodunit, also des Kriminalkammerspiels: eine überschaubare Anzahl an Verdächtigen in einem begrenzten Setting. Und auch die von Hitchcock geprägten Begriffe „surpise“ und „suspense“ bedient Tarantino gleichermaßen.
Schwarzer Mann in weißer Hölle
Doch Tarantino, der bereits in seinen letzten Arbeiten Inglourious Basterds (2009) und Django Unchained (2012) das Thema Rache mit alternativen Geschichtsentwürfen koppelte, zielt auch hier auf mehr ab als bloße Genrespielereien: Dass die komplexeste Figur die des Major Warren ist (von Samuel L. Jackson mit gewohnt charismatischer Badassery gespielt), ist kein Zufall, denn Rassismus ist ein Leitthema des Films, der somit gewissermaßen an Django Unchained anschließt. Warren musste sich seit jeher in einem Land behaupten, das ihm aufgrund seiner Hautfarbe mit Verachtung begegnet. Was ihm einigermaßen half, waren Briefe, die ihm angeblich Abraham Lincoln persönlich schrieb, sowie seine Leistungen im Sezessionskrieg. So hat Warren eine Vielzahl Südstaatenoffiziere getötet – allerdings kamen bei einem Brandanschlag Warrens auf ein Südstaatenlager auch zahlreiche Offiziere aus dem Norden ums Leben (wirklich betrübt scheint ihn dieser Kollateralschaden nicht zu haben). Darüber hinaus hat Warren auch Indianer auf dem Gewissen. Warren ist somit der klassische Antiheld, doch hundertprozentig gut erscheint hier, abgesehen vielleicht vom Kutscher, auch sonst niemand. Das N-Wort führen so gut wie alle im Mund und Daisy Domergue als einzige Frau bezieht mehr als einmal Prügel.
Der Film lässt sich als Bestandsaufnahme der US-Gesellschaft lesen: Einer Gesellschaft, die ein Rassismusproblem hat, heuchlerisch damit umgeht und sich darüber zunehmend selbst zerfleischt (wozu schließlich auch Elemente aus dem Splatter-Genre passen, die allerdings bewusst übertrieben und schwarzhumorig eingesetzt werden). Ein Kreuz am Wegesrand, das zu Beginn prominent ins Bild gerückt wird, lässt sich auch in dieser Hinsicht vielseitig deuten – vom Verweis auf die bigott-religiöse Prägung der USA über Anspielungen auf die Passionsgeschichte bis hin zu biblischen Attributen, die einigen Figuren zugeschrieben scheinen. Doch anders als bei den beiden Vorgängerfilmen geht das Konzept des Regisseurs hier nur bedingt auf: Der Film fühlt sich ein wenig an wie Tarantino light. So können etwa die anderen Charaktere mit der Komplexität Warrens nicht ganz mithalten, auch wenn sie die üblichen Tarantinoismen aufweisen und gut gespielt sind (Goggins beweist komödiantisches Talent, Roth versteht sich auf Exaltiertheit, Russell überzeugt als Griesgram, Leigh hat Spaß daran, unladylike zu wirken). Doch die „ganz großen“ Tarantino-Figuren wie Vincent Vega, Jules Winfield, Jackie Brown, Ordell Robbie, The Bride oder Hans Landa findet man hier nicht. Zudem erscheint das Genre des Whodunit nicht ausgereizt: Das Rätsel ist eher simpel, und Warren, der hier in der Rolle des Detektivs fungiert, durchschaut die wahren Zusammenhänge viel zu schnell, als dass die Enthüllungen wirklich aufregend wären. Auch nutzt Tarantino die Dynamik möglicher Konstellationen und Allianzen, die ein Kammerspiel bietet, nur in Ansätzen aus. Das Spiel mit Flashbacks und dem Durcheinanderwirbeln von Zeitebenen, das zur Zeit von Tarantinos Pulp Fiction (1994) noch ein Novum war, erscheint hier ein wenig aufgesetzt, ebenso wie ein von Tarantino gelesenes Voice-over. Tarantino läuft sich hier ein wenig selbst hinterher.
Doch auch wenn The Hateful Eight keines seiner Meisterwerke geworden ist: Ein bloß solider Tarantino ist trotzdem ein sehenswerter Tarantino und der Film erscheint trotz seiner 166 Minuten Laufzeit überaus kurzweilig (wer den Film nicht in regulären Kinos, sondern in der 70mm-Fassung sieht, bekommt ein paar Bonusminuten mit Dialogszenen, außerdem gibt es eine Pinkelpause). Was die gelungenen Elemente betrifft, sei zunächst die visuelle Ebene erwähnt: Die Licht- und Kameraarbeit des dreifachen Oscarpreisträgers Robert Richardson nützt das 70mm-Format auch im Innenraum exquisit aus. Die winterlichen Landschaften Colorados, die hier Wyoming doubeln, stehen somit gleichberechtigt neben den Gesichtslandschaften der Protagonisten (kein Wunder, ist Sergio Leone, der sich gern in den Visagen seiner Protagonisten vergrub, doch einer von Tarantinos Hausgöttern). Bewusst künstliches Licht und Raumtiefe sorgen für ein visuell ansprechendes Erlebnis. Der 87-jährige Ennio Morricone, der für The Hateful Eight bereits einen Golden Globe für die Beste Filmmusik erhielt, hat einen feinen Spannungsscore geschrieben, in den sich in winzigen Spurenelementen Zitate aus seinen früheren Arbeiten für Italo-Western einschleichen (außerdem ertönen drei Nummern, die er für The Thing komponierte). Und natürlich findet sich mit grandiosen Mono- und Dialogen auch das eigentliche Markenzeichen Tarantinos im Film. Musterbeispiel: „That’s the problem with old men. You can kick ’em down the stairs and say it was an accident but you can’t just shoot ’em.“ Und dann gibt es noch feine Einzelsequenzen, beispielsweise eine, in der Warrens „warm black dingus“ eine Rolle spielt und die man als gekonnte Variante jener Szene aus True Romance (1994) sehen kann, in der Dennis Hopper Christopher Walken provozierte.
Wenn es so etwas wie eine Message des Films gibt, dann ist es möglicherweise die, dass nur Zusammenhalt jenseits von monetären Gründen ein Ausweg aus der gegenseitigen Zerfleischung ist. Ob diese Erkenntnis allerdings noch rechtzeitig für die Figuren des Films kommt? Im Abspann erklingt jedenfalls passenderweise Roy Orbisons Antikriegssong „There Won’t Be Many Coming Home“ aus dem Western The Fastest Guitar Alive (1967): „Oh, there won’t be many / there may not be any / But, there won’t be many coming home.“
