Die US-Amerikanerin Kathryn Bigelow hat nach mehr als fünf Jahren wieder einen Film gedreht, und zwar ausgerechnet über den Krieg im Irak. Mit „The Hurt Locker“ ist sie dort angekommen, wo sich das US-Militär bereits befindet: in der Defensive.
Nach wie vor wird gerne behauptet, dass das Publikum eine „realistische“ Sicht auf den Krieg wolle. Dass das Kino doch Bilder liefern solle, die von der Wahrheit des Krieges erzählen. Damit ihn sich, in Anlehnung an Carl Sandburg, zwar alle gut vorstellen können, aber niemand hingehen muss. „Sometime they’ll give a war and nobody will come“ – aber eben nicht im Kino. Dort sehen wir dann quälendes Sterben im Artilleriefeuer am Omaha Beach oder in den Häuserschluchten von Mogadischu. Erfolgreiche und weniger erfolgreiche Reinszenierungen von erfolgreichen oder gescheiterten Militärinterventionen, wobei das Scheitern hier buchstäblich zur Ansichtssache wird. Stichwort Authentizität: Immerhin, so ist gerade zu lesen, hat auch Lynndie England nach eigener Aussage noch 800 unveröffentlichte Fotos aus Abu Ghraib bei sich zu Hause. Vielleicht sind sie bei Erscheinen dieses Artikels schon an den Meistbietenden verkauft.
Es besteht also durchaus Bedarf – und wenig überraschend scheint dieser noch zu wachsen. Wie hinlänglich bekannt, drehte Hollywood etwa während des Vietnamkriegs keinen einzigen Film über den Krieg in Südostasien. Mit Ausnahme von John Waynes reaktionärem The Green Berets blieb die filmische Berichterstattung dokumentarischen Arbeiten von tatsächlichen Einzelkämpfern wie Joris Ivens (Der siebzehnte Breitengrad) oder Emile de Antonio (In the Year of the Pig) vorbehalten.
Ein anderer Allgemeinplatz besagt jedoch, dass seit Vietnam noch nie so viele Filme über einen Krieg gedreht wurden wie über jenen, der gerade im Irak im Gange ist. Noch während die Zahl der Opfer täglich steigt, müht sich eine bereits erkleckliche Anzahl an Filmen an der „richtigen“ Sicht auf Heimkehrer (In the Valley of Elah, Grace is Gone) und – nach den Folterbildern aus Abu Ghraib – an diversen Kriegsverbrechen der Army ab (Redacted, Battle for Haditha). Diese Filme reagieren nicht nur unmittelbar aufeinander, sondern werden auch gleich gemeinsam vermarktet, was mitunter zu eigenartigen Kreuzungen führt. So kann man auf der DVD des in Österreich nie gestarteten Redacted von Brian De Palma über die Vergewaltigung einer 15-jährigen Irakerin und Ermordung ihrer Familie durch US-Soldaten den Trailer zu Nick Broomfields Battle for Haditha sehen – und spätestens wenn De Palma dann in seine auf einem wahren Fall beruhende Fake-Doku eine wirklich falsche französische Dokumentation einflicht, ist das Konglomerat aus Werbung, Propaganda, wahren Begebenheiten und falschen Bildern perfekt.
Dieser Wandel der Bilder im Vergleich zu Vietnam hat natürlich mit der öffentlichen Wahrnehmung der Kriegsschauplätze zu tun, und mit der damit einhergehenden Veränderung der Kriegsberichterstattung seit den Siebziger Jahren. Es gibt aber auch noch eine andere Erklärung: Der Krieg im Irak ist gar keiner.
Könige und Ignoranten
Wann immer in den letzten Jahren über die so genannten neuen Kriege berichtet und geschrieben wurde, war eines ihrer zentralen Charakteristika ihre Unübersichtlichkeit. Mit Unübersichtlichkeit war dabei stets nicht nur die Ununterscheidbarkeit von Freund und Feind gemeint, sondern auch das Unwissen darüber, ob nun ein Krieg eigentlich noch im Gange ist oder nicht. Denn neue Kriege werden nicht mehr erklärt und deshalb auch nicht beendet. Der „Are we shooting?“ brüllende Mark Wahlberg am Beginn von Three Kings konnte in dieser Hinsicht tatsächlich als prototypischer neuer Soldat interpretiert werden: Statt eines feindlichen Heeres sichtet er eine einsame Figur auf einer Sanddüne, und weil er nicht weiß, ob die US-Truppen im Irak nun eigentlich schießen (dürfen) oder nicht, drückt er zur Sicherheit den Abzug. Im schlimmsten Fall geht der Kollateralschaden in die Statistik ein.
Aus David O. Russells egoistischen „drei Königen“ im Zweiten Golfkrieg, die erst im Laufe ihrer Suche nach irakischem Gold ihre Menschlichkeit entdecken, ist zehn Jahre später in Kathryn Bigelows The Hurt Locker eine Einheit geworden, die den Feind entweder nicht einmal mehr zu Gesicht bekommt oder sich – noch schlimmer – von ihm bei der Arbeit zusehen lassen muss: Die Elitesoldaten James, Sanborn und Eldridge müssen in Bagdad Bomben entschärfen. Wenn das Räumkommando zu seinen Bestimmungsorten gerufen wird, sind die Straßen und Plätze meist menschenleer. Ob sie schießen sollen oder nicht, interessiert die drei allerdings nicht mehr im Geringsten, die Frage lautet vielmehr, ob sie selbst aus dem Hinterhalt beschossen werden. „Caution – Stay 100 Meters Back Or You Will Be Shot“ steht in riesigen Buchstaben auf einem ihr Panzerfahrzeug schmückenden Schild.
In diesem Sinn kann The Hurt Locker als konsequente Umkehrung des „Search & Destroy“-Prinzips gelesen werden: Auf den Straßen von Bagdad gilt es nicht mehr, sich wie in Mogadischu aus Black Hawks abzuseilen, den Feind gefangen zu nehmen und möglichst schnell wieder zu verschwinden, sondern sich buchstäblich Platz zu schaffen. Wie ein Astronaut auf einem fremden Planeten stapft James, verpackt in einen dicken Schutzanzug, langsam zu den Bomben, die sich von Mal zu Mal an einem anderen Ort befinden. „I wanna die comfortable“, meint er, wenn er sich – mit einer besonders raffiniert konstruierten Autobombe konfrontiert – seines Schutzanzugs entledigt. Wenn schon sterben, dann wenigstens ohne Firlefanz. Mit The Hurt Locker ist der US-Kriegsfilm dort angekommen, wo sich sein Militär bereits befindet – in der absoluten Defensive.
Mit diesem Szenario der permanenten Gefährdung schließt Bigelow nun zwar an erwähnte Genrebeiträge (aber auch an Sam Mendes’ Jarhead) an, verweigert jedoch bezeichnenderweise im Gegensatz zu diesen eine klar erkennbare politische Botschaft respektive Haltung – welcher Art auch immer. Der Kriegsalltag, so Bigelow und ihr Autor Mark Boal, selbst einige Zeit als embedded journalist im Irak, solle so dargestellt werden, wie er ist – aus der Sicht des einfachen Soldaten, der nur seine Arbeit tut. Wobei The Hurt Locker jedoch absichtlich übersieht, dass es den „einfachen“ Soldaten gar nicht mehr gibt – schon gar nicht in Bagdad beim Bomben entschärfen. Zwar wird die Truppe tatsächlich nicht müde, sich gegenseitig zu erklären, dass sie hier nur ihren Job tut, doch ein Job ist eben das, was getan werden muss, und das ist für einen Berufssoldaten immerhin schon eine Rechtfertigung für einen Auslandsaufenthalt. In The Hurt Locker muss jeder seine ganz bestimmte Aufgabe erfüllen, innerhalb des Teams und zum Schutz desselben gegenüber dem potenziellen Feind.
Die Spannungen innerhalb des Elite-Kommandos ergeben sich denn auch nicht wie im klassischen Kriegsfilm aufgrund ethischer oder sozialer Unterschiede, sondern durch Missachtung dieser Regeln. Als Staff Sergeant James, der nach dem Tod seines Vorgängers neu zum Team gestoßen ist, einmal sein Headphone in den Straßenstaub wirft, weil er die ständigen Aufforderungen der Kollegen zur Eile nicht mehr hören will, bezahlt er diese Disziplinlosigkeit trotz Erfolges mit einem Schlag ins Gesicht. Unter Profis hat spätestens seit Ridley Scotts Black Hawk Down eine die Einheit gefährdende Ignoranz nichts verloren.
Dirty Eyes
The Hurt Locker ist ein Stationendrama, in dem jeder Bombenfund eine neue Arena bedeutet. Die Gefahr lauert überall, auf offener Straße, in verfallenen Gebäuden, an oder sogar in den Körpern des Feindes. Überall haben die modernen Gladiatoren, die die Auswirkungen der Politik buchstäblich wegräumen müssen, sich zu bewähren und dabei auch psychologisch weiterzuentwickeln. Dabei überrascht Bigelows Blick auf sie mit ungeahnter Dynamik. Ein hin und wieder eingeblendeter Countdown („Days Left in Bravo’s Company Rotation“) suggeriert, dass man mit jedem überlebten Tag dem Ziel einen Schritt näher gekommen sei, während gerade die falschen Schritte es sind, die hier den Tod bedeuten. Und die Wartezeiten zwischen den Einsätzen sind es wiederum, die zeigen, weshalb ein derartiger Krieg nicht gewonnen werden kann. Dazwischen surreal anmutende Bilder: eine hinkende Katze oder die Großaufnahme eines Auges, das nicht zu zwinkern wagt.
Im Grunde nimmt sich The Hurt Locker wie eine verfilmte These aus, die der Politikwissenschafter Herfried Münkler anhand des umgestellten „David-Goliath-Prinzips“ beschreibt: Gerade die Funktionalisierung der Medien bewirke, dass es für die Planer eines neuen Krieges nahe liegend, wenn nicht sogar notwendig sei, sich in der Rolle des David zu inszenieren, das heißt, die eigene Verletzbarkeit durchaus bewusst herauszustellen. (Passenderweise hat Drehbuchautor Mark Boal auch die Vorlage für In the Valley of Elah geliefert, dessen Titel sich auf jenes Tal bezieht, in dem David Goliath besiegt haben soll.) Und hier offenbart The Hurt Locker bei aller oder eben aufgrund seiner handwerklichen Perfektion sein wohl größtes Dilemma: Der „Gemeinheit“ des Gegners, sprich in diesem Fall der Terroristen, die auf „schmutzige“ Weise kämpfen, steht ein heldenhafter Abwehrkampf gegenüber, der seine Protagonisten wie auf einem Präsentierteller zur Schau stellt. Von allen psychologischen und moralischen Selbstzweifeln bleiben bei Bigelow am Ende ein unter der Dusche in Uniform zusammensackender Soldat und ein unbeantworteter Telefonanruf in der Heimat. Wenn am Ende einer der Heimkehrer vor meterhohen Walmart-Regalen steht und vom kommerziellen Angebot überwältigt ist, ist dieses Bild so leer wie die Gänge des Einkaufstempels. Weil es genauso falsch ist.
Die zu Hause das Telefon abheben sollen, so könnte man formulieren, sind wir Zuschauer. Denn in der Tat richtet sich diese potenzielle Verletzbarkeit in der Folge an uns: Bigelow, die sich bei der Premiere des Films vergangenes Jahr in Venedig natürlich für den möglichst raschen Abzug der US-Truppen aussprach, stellt den omnipräsenten Bildern von Flüchtlingen, weinenden Frauen und getöteten Kinder solche einer potenziell verwundbaren US-Einheit gegenüber, deren Einsätze mitunter auch von feindlichen Videokameras aus der Ferne aufgezeichnet werden. Er wolle nicht, dass man demnächst auf YouTube sehen könne, wie hier sein Körper gleich zerfetzt wird, schreit einer der Soldaten: „We got a lot of eyes on us. We need to get out of here.“ Und richtet damit gleich ein allgemeines Statement an die Nation.
