Filmkritik

The Interview

| Marietta Steinhart |
Wer hat Angst vor Kim Jong-un?

Das Volk befreit sich, indem es das Bedrohliche auslacht. Seth Rogen und Evan Goldberg mögen vielleicht nicht Michail Bachtin gelesen haben, aber der russische Theoretiker beschrieb genau das, was The Interview gerne sein will: ein grotesker Befreiungsschlag.

In der ersten Szene singt ein nordkoreanisches Mädchen mit lieblicher Stimme: „Die, America, die!“ und so weiter. Man könnte es für ein nettes Lied halten, wenn da nicht die Untertitel wären, die uns über die Hasstirade aufklären. Unterdessen führt Dave Skylark (James Franco) ein Interview mit Eminem (großartiges Cameo), der gesteht, er hätte eine „schwule Brotkrümelspur“ in seinen Texten hinterlassen. Für Daves Produzenten und besten Freund Aaron (Seth Rogen) ist das der Tiefpunkt einer gehaltlosen Karriere. Die beiden reisen also nach Nordkorea für ein seriöses Interview mit Kim Jong-un, doch die CIA wünscht, dass sie den „Obersten Führer“ vergiften, nichts ahnend, dass Dave mit Kim Margaritas nippen und „Firework“ von Katy Perry in einem Stalin-Panzer grölen wird.

Rogen ist der Samweis zu Francos Frodo, der übersteuert und ganz überragend die westliche Trashkultur reflektiert, doch die Show stiehlt Randall Park als Kim Jong-un, ein „Man-Baby“ mit Minderwertigkeitskomplexen, das sich vor versammelter Welt in die Hosen scheißt.

Sicher, die Witz  sind infantil, anal-fixiert und rassistisch (und repetitiv im Œuvre Rogens), aber mitunter smart. Viele Gags kommen von unterhalb der Lenden, aber der Scherz geht auf Kosten des dummen Amerikaners, der Koreanisch nicht von Japanisch unterscheiden kann oder sich eine Drohne in den Hintern schiebt. Vorgemacht haben das Filme von Charlie Chaplin, Woody Allen oder Quentin Tarantino, die sich einreihen in die Tradition amerikanischer Satiren über faschistische Staatsmänner. Team America: World Police karikierte Kim Jong-il, und Saddam Hussein wird in Hot Shots: Part Deux in Stücke zerschmettert.

Es grenzt an Absurdität, dass dieselben Kerle, die uns Superbad, Pineapple Express und This Is The End gaben, imstande sind, einen globalen Cyberkrieg von der Stange zu brechen und ungewollt zum Symbol für Freiheit zu avancieren. Das Debakel hat sich in Cyberstaub aufgelöst, aber wenn eine Bro-Comedy wie The Interview – vielmehr feuchter amerikanischer Traum als politisches Skandalon – eine so starke Reaktion hervorrufen kann und ein Hackerangriff Hollywood in die Knie zu zwingen vermag, dann liegt darin etwas Erhabenes. Oder aber es lacht die eine Hälfte der Welt über die andere, und Narren sind wir alle.