The Lone Ranger

| Oliver Stangl |

Die Rückkehr einer Legende scheitert an erzählerischer Unentschlossenheit.

Regisseur Gore Verbinski, Produzent Jerry Bruckheimer und Hauptdarsteller Johnny Depp war 2003 mit dem Actionspektakel Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl ein weltweiter Überraschungserfolg gelungen – und das, obwohl Piratenfilme lange Zeit als Kassengift galten (Roman Polanskis Pirates floppte 1986 ebenso gnadenlos wie Renny Harlins Cutthroat Island neun Jahre später). Die Kombination aus Abenteuer und übernatürlichen Elementen ergab zusammen mit Depps oscarnominierter Performance als Jack Sparrow eine unterhaltsame Mischung, die sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik gut ankam und bisher drei (qualitativ zunehmend schwächere) Fortsetzungen nach sich zog. Mit The Lone Ranger versuchte das Triumvirat nun Ähnliches im Bereich des Westerns, doch das Ergebnis blieb beim US-Start sowohl künstlerisch als auch kommerziell deutlich hinter den Erwartungen zurück – da half es auch nichts, dass in der Werbung ohne Unterlass darauf hingewiesen wurde, dass der Film vom Pirates-Team stammt. Dabei waren die Voraussetzungen (sieht man davon ab, dass Western selten Blockbusterstatus erreichen) nicht die schlechtesten: Über Jahrzehnte waren der Lone Ranger und sein indianischer Sidekick Tonto besonders in den USA fixe Größen der Populärkultur. Nach einer langlebigen Radioshow aus den dreißiger Jahren war es vor allem eine Fernsehserie (1949–1957) mit Clayton Moore und Jay Silverheels, die das Image des aufrechten, maskierten Kämpfers für Gerechtigkeit prägte. Zwar blieb die Figur danach auch mittels Comics und Zeichentrickserien präsent, nachdem das Westerngenre in den folgenden Jahrzehnten jedoch zunehmend an Beliebtheit einbüßte, geriet auch der Ranger immer stärker in den Hintergrund. 1981 versuchte sich William A. Fraker an einer Kinoversion (The Legend of the Lone Ranger), doch das Unternehmen geriet zu einem künstlerischen wie kommerziellen Desaster. Auch der aktuelle Film – Johnny Depp war es nach Eigenaussage wichtig, den amerikanischen Ureinwohnern mit seiner Darstellung des Tonto Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – hatte es von Anfang an nicht leicht: Nachdem den Disney Studios das Budget von 225 Millionen Dollar für einen Western zu hoch erschien, war das Projekt von der Einstellung bedroht, doch als die Stars und der Regisseur sich erboten, für weniger Gage zu arbeiten, gab es schließlich grünes Licht. Und obwohl man dem Film das Budget in jeder Einstellung ansieht und Kameramann Bojan Bazelli mit eindrucksvollen Einstellungen aufwarten kann, enttäuscht das Ergebnis. In Vergessenheit geratenen Legenden neues Leben einzuhauchen, ist eben ein schwieriges Unterfangen: Einerseits soll die Essenz der Figur eingefangen werden, andererseits gilt es, sie für eine neue Zeit fit zu machen. Dass The Lone Ranger an beidem scheitert, liegt zum Großteil an der Unentschlossenheit des Drehbuchs, das sich nicht entscheiden kann, ob es Komödie, Action, Western, Drama oder Origin Story sein will.

Dabei ist die Ambition deutlich zu spüren: Wie Tarantino in Django Unchained zitiert auch Verbinski auf Teufel komm raus – von Sergio Leone über John Ford bis Buster Keaton ist alles dabei – , doch versinkt The Lone Ranger in Klamauk und Action-Overkill, ist mehr Potpourri als Hommage. Schon die „mythenkritische“ Rahmenhandlung, in der ein steinalter Tonto (Arthur Penns Little Big Man lässt grüßen) einem Jungen seine Geschichte erzählt, hat eher wenig Mehrwert, auch wenn Zweifel an der Zuverlässigkeit der Erzählinstanz eingestreut werden. Die Haupthandlung folgt nur in Grundzügen der Originalgeschichte: John Reid (Armie Hammer), ein idealistischer und pazifistischer junger Anwalt, kommt in den Wilden Westen und wird Zeuge, wie der brutale Ganove Butch Cavendish (William Fichtner) bei seiner Flucht aus einem Zug (die Eisenbahn ist sowohl thematisch als auch hinsichtlich der Actionszenen ein Hauptmotiv des Films) mehrere Menschen tötet. Reid schließt sich einem Trupp Texas Rangers unter der Leitung seines Bruders Dan (James Badge Dale) an. Doch der Trupp gerät in einen Hinterhalt und John überlebt als einziger (daher „The Lone Ranger“). Aufgepäppelt wird er vom Indianer Tonto (Johnny Depp), der mit Cavendish ebenfalls eine Rechnung offen hat und John rät, ab jetzt eine Maske zu tragen um fortan unerkannt gegen das Böse zu kämpfen. Die Idee, Tonto zur eigentlichen Hauptfigur zu machen, hat durchaus ihren Reiz. Doch dauert es entschieden zu lang, bis der eher als Witzfigur daherkommende Reid selbst zum Helden wird. Und nicht einmal dann darf er wirklich Held sein. Glänzte Quentin Tarantinos Westerndekonstruktion mit grandiosen Dialogen und stimmiger Chemie zwischen den Hauptfiguren, wirken die Schlagabtäusche zwischen dem ungleichen Paar in The Lone Ranger konstruiert und vorhersehbar.

Eine weitere Parallele zu Django Unchained kann man in der Thematik von „white guilt“ sehen: War es bei Tarantino die Sklaverei, so sind es hier die im Namen von Profit verübten Gräueltaten der gierigen Unternehmer an den amerikanischen Ureinwohnern (dass Tonto mit einem Weißen besetzt wurde, sorgte in den USA prompt für Kontroversen, auch wenn Depp versicherte, indianische Vorfahren zu haben). Doch sind die Kontraste zwischen brutalen Massakern und Slapstick tonal extrem uneben. Auch die Nebenfiguren – Tom Wilkinson als zwielichtiger Eisenbahntycoon, Helena Bonham-Carter als Puffmutter mit Holzbein, Ruth Wilson als Love Interest Reids – sind verschwendet, entwickeln kein Profil und können gegen das Drehbuch ebenso wenig ausrichten wie der talentierte Hammer (The Social Network). Einzig Depp, auf den der Film zugeschnitten wurde, hat ein paar nette Momente – wirklich neues bietet seine Performance aber ebenfalls nicht. Ein mit übernatürlichen Kräften ausgestattetes Pferd rettet den Film letztlich ebenso wenig wie die spektakulären Eisenbahnszenen.

„The Lone Ranger rides again“, hieß ein frühes Filmserial aus dem Jahr 1939. Nach dem grandiosen Scheitern der Verbinksi-Version wird dies wohl so schnell nicht mehr der Fall sein.