In Ridley Scotts „The Martian“ muss ein auf den Mars gestrandeten Astronauten im Kampf ums Überleben auf rustikale irdische Fähigkeiten zurückgreifen
Als hätte man noch die Bestätigung gebraucht, dass das allseits bekannte Gesetz von Edward A. Murphy auch in den unendlichen Weiten des Weltalls seine Gültigkeit hat. Nach jahrelanger Vorbereitung hat es die NASA endlich geschafft, einen bemannten Flug zum Mars zu bewerkstelligen. Die Mannschaft der Mission „Ares“ ist nach einem monatelangen Flug sicher auf dem Roten Planeten gelandet, und hat sich im Basislager, dem Habitat, weitgehend eingelebt. Doch als das Team gerade wieder einmal den vielfältigen wissenschaftlichen Aufgaben nachkommt, zieht überraschend ein gewaltiger Staubsturm auf, der die Sicherheit des ganzen Unternehmens gefährdet. Hastig begibt sich die Crew zurück an Bord ihres Raumschiffs, doch im Verlauf des Rückzugs wird einer der Astronauten, Mark Watney (Matt Damon), von einem herumfliegenden Trümmerteil getroffen und bleibt zurück. Die übrigen Besatzungsmitglieder halten ihn für tot, als die Stärke des Sturms bedrohlich zunimmt, entscheidet sich Commander Melissa Lewis (Jessica Chastain) für einen Alarmstart und zur Rückkehr zur Erde, Monate früher als geplant.
Doch Mark ist nicht tot und da die wichtigsten Teile des Lagers weitgehend unbeschädigt geblieben sind, kann er sich vorläufig in Sicherheit bringen. Doch es gibt keine Möglichkeit, mit der Raumschiff oder gar der Erde Verbindung aufzunehmen – bald wird Mark klar, dass er auf dem Mars gestrandet ist. Da – wie er seinem Videotagebuch mitteilt – Nahrungs -und Sauerstoffvorräte auf ein paar Wochen begrenzt sind, scheint sein Schicksal besiegelt. Doch er resigniert nicht, da er glücklicherweise als Botaniker des Teams über entsprechende Kenntnisse verfügt, schafft er es, Kartoffeln auf dem Mars anzubauen. Und weil der Astronaut auch sonst technisch versiert ist, gelingt es ihm, alles so einzurichten, dass er für eine wesentlich längere Zeit auf dem Mars überleben kann.
Doch auf der Erde gilt Mark Watney weiterhin als tot, die NASA hat bereits eine Gedenkfeier für ihn abgehalten. Man kann sich also die Überraschung vorstellen, als eine Technikerin der Raumfahrtbehörde eher zufällig entdeckt, dass sich der zurückgebliebene Marsrover immer wieder bewegt, bis schließlich klar ist, dass Mark Watney noch am Leben ist. Hektisch versucht man, die Kommunikation mit dem zurückgebliebenen Astronauten wieder aufzunehmen und Pläne für eine Rettungsaktion zu entwickeln, doch die dabei auftauchenden Probleme sind gewaltiger Natur.
Ridley Scott, der seit Alien (1979) zu den festen Größen des Weltkinos zählt, hat sich mit The Martian nun der Verfilmung der populären gleichnamigen Romanvorlage von Andy Weir angenommen. Womit ein grundlegender Unterschied zu gängigen Sci-Fi-Stoffen schon einmal prädisponiert war. Denn „The Martian“ – und Scotts filmische Adaption behält diesen Tenor bei – präsentiert keine Vision einer weit entfernten Zukunft mit unbegrenzten technischen Möglichkeiten, die alle physikalischen Grenzen hinter sich zu lassen scheinen. Denn trotz der manchmal phantastisch anmutenden Szenarien, mit denen Astronaut Watney sein Überleben auf der unwirtlichen Oberfläche des Mars absichert, sollen all diese Aktionen wissenschaftlich fundiert und nach heutigen Stand möglich sein (da man schon über das Wissen von Dr. Sheldon Cooper verfügen müsste, um das einer kritischen, fundierten Prüfung zu unterziehen, wollen wir Nicht-Physiker dieser Prämisse einmal Glauben schenken).
Es fällt nicht schwer zu erkennen, dass The Martian mit dem Robinson-Crusoe-Motiv ein klassisches Sujet als Grundmuster anlegt. Gleich dem Titelhelden aus Daniel Defoes Roman sind es neben seinen wissenschaftlichen Kenntnissen vor allem Mark Watneys handwerkliche Fähigkeiten und sein Improvisationstalent, die ihn nahezu jede missliche Lage meistern lassen. Ein wenig wirkt Watney dann auch wie eine Mischung aus dem genialen Bastler McGyver und Heimwerkerkönig Tim Taylor aus der Sitcom Home Improvment wenn er immer Wege, die für einen Raumfahrer eher ungewöhnlich erscheinen, findet, um den Widrigkeiten des Weltalls zu trotzen. Mit einer großen Rolle Klebeband lassen sich da ein Sprung im Plexiglasvisier seines Helms ebenso reparieren, wie die defekte Luftschleuse seiner Basisstation auf dem Mars. Im Abgehen von der im Genre üblichen Hochglanz-Weltraumtechnologie findet sich eine gewisse Parallelität zu Alien. Auch dort – wenn auch mit unterschiedlich ausgerichteten dramaturgischen Fokus – spielt der desolate Zustand des Raumschiffs „Nostromo“ eine wesentliche Rolle, um jene spezifische Atmosphäre zu generieren, die dem Film seine einzigartige Atmosphäre verleiht und ihn so grundlegend von gängigen Genrearbeiten unterscheidet.
Ungeachtet des futuristischen Settings ist es auch bei The Martian vor allem der menschliche Faktor, die Individualität und Kreativität des menschlichen Verstands, die ungeachtet des technischen Fortschritts das entscheidende Element bleibt. Passenderweise ist es dann auch ein ausgeprägter Nerd, ein augenscheinlicher Gegensatz zu den typischen NASA-Wissenschaftlern, der einen brauchbaren, wenn auch höchst unkonventionellen, Rettungsplan entwickelt.
The Martian zeigt auf geradezu exemplarische Weise, dass mit Ridley Scott ein Regisseur am Werk ist, der hier „craftsmanship“ im besten Sinn des Wortes repräsentiert. Was den sorgfältig konstruierten Plot, Erzählrhythmus und visuelle Umsetzung angeht, merkt man vom ersten Kader an, dass hier ein Filmemacher mit jahrzehntelanger Erfahrung auf dem höchsten Niveau seiner Profession agiert. Doch bei all dieser handwerklichen Perfektion vermisst man doch streckenweise jenen besonderen Funken, jene nur schwer zu definierende Intensität, die den Zuschauer hineinzieht und den Unterschied zwischen einem guten und einem großartigen Film ausmacht. Ridley Scott war immer schon ein Regisseur, der narrative Traditionen hochzuhalten pflegte und diese Verpflichtung, sich dem effektiven Erzählen unterzuordnen und prätentiöse Idiosysnkrasien außen vorzulassen, resultierte in einigen bemerkenswerten Regiearbeiten. Alien und Blade Runner zählen längst zu stlbildenden Klassikern des SciFi-Genres, Black Hawk Down war die kongeniale Symbiose zwischen Kriegsfilm und hochpolitischen Kommentar, Gladiator ein kaum für mögliches gehaltenes, erfolgreiches Revival des Monumentalfilms, American Gangster wiederum erwies sich als einer der besten True-Crime-Filme überhaupt. In jüngerer Vergangenheit kommt allerdings der Verdacht auf, dass Scott sich zu sehr bemüht, mit aller Gewalt den großen bahnbrechenden Film drehen zu wollen. Dem Prequel zu Alien, Prometheus merkte man in seiner philosophischen und metaphysischen Überfrachtung seine überlange Entwicklung, bei der am Plot offensichtlich zu viel herumgetüftelt worden war, deutlich an und der Versuch mit dem großen biblischen Epos mit Exodus: Gods and Kings geriet auch eher mittelprächtig. Dabei kann man auch beim schlechtesten Willen kaum einen greifbaren Schwachpunkt bei The Martian lokalisieren. Selbst die neben allen Spannungsbögen immer wieder eingestreuten Pointen – dass Watney nur noch Discosound in der Station zurückgelassen wurde, entwickelt sich zum kongenialen running gag – sitzen. The Martian ist ein Stück bestens funktionierendes Genrekino, das den üblichen Mainstream mühelos weit hinter sich zurücklässt. Bei vergleichbaren Produktionen würde man sich vermutlich an dieser Perfektion kaum stören, doch im Fall von Ridley Scott liegt die von ihm selbst aufgelegte Meßlatte eben weitaus höher.
