Ewan McGregor über die Vorbereitung auf seine Rollen, übernatürliche Fähigkeiten und den Unterschied zwischen Independent- und großen Studio-Produktionen.
Wie war es, wieder zu den Jedi-Kriegern zurückzukehren?
Ewan McGregor: (Lacht.) Toll! Aber natürlich eine ganz andere Erfahrung als bei Star Wars.
Was war Ihr erster Eindruck, als Sie das Drehbuch lasen? Konnten Sie glauben, was da stand?
Ewan McGregor: Um ehrlich zu sein, habe ich es zunächst alles für erfunden gehalten. Als ich dann mit Grant Heslov sprach, erzählte er mir, dass es auf dem Sachbuch „The Men Who Stare at Goats“ von Jon Ronson basierte. Ich war ziemlich baff, dass das Meiste davon wirklich so passiert sein soll.
Sie glauben also tatsächlich, dass es im US-amerikanischen Militär wirklich Männer gibt, die sich mit paranormalen Dingen beschäftigen?
Ewan McGregor: Vielleicht nicht mehr heute, aber Lt. Colonel Jim Channon wurde erwiesenermaßen vom Verteidigungsministerium dafür bezahlt, dieses Handbuch für das New Earth Army Battalion zu schreiben. Wir hatten das am Set, und es ist ein ziemlich bizarres Werk. Das Buch, das man im Film sieht, ist tatsächlich das echte Handbuch. Bei einigen Punkten denkt man, ja, okay, vielleicht. Aber vieles ist einfach nur durchgeknallt.
Wenn Sie selbst solch übernatürliche Fähigkeiten hätten, was würden Sie damit anfangen?
Ewan McGregor: Keine Ahnung. Kann ich darüber nachdenken und die Frage am Ende beantworten? Nur soviel: Ich würde sicher keine Ziege töten wollen.
Glauben Sie denn an übernatürliche Kräfte?
Ewan McGregor: Einerseits denke ich, wenn es so etwas gäbe, hätten wir es schon längst entdeckt und erforscht, oder? Andererseits gibt es tatsächlich immer wieder so kleine Begebenheiten und Situationen, wo man etwas ahnt, und dann passiert genau das oder man denkt an jemanden, den man seit Jahren nicht gesehen hat und plötzlich trifft man ihn wieder – zufällig? Es gibt merkwürdige Dinge, die uns passieren! Aber um ehrlich zu sein: Ich glaube nicht so sehr daran, dass ich mich näher damit beschäftigen würde.
Sie sind begeisterter Motorradfahrer und bereisen die entlegensten Winkel der Erde. Wählen Sie Ihre Spielfilmprojekte auch danach aus, möglichst in weit entfernten, exotischen Ländern zu drehen wie nun bei The Men Who Stare at Goats?
Ewan McGregor: Es ist zumindest kein Teil meiner Entscheidungsfindung, den ich bewusst in Betracht ziehe. Auf jeden Fall nicht im Stadium des Drehbuchlesens. Wenn ich recht überlege, trifft es vielleicht bei Young Adam zu. Das hatte aber genau den umgekehrten Grund: Ich hatte davor jahrelang nicht mehr in Schottland gearbeitet und wollte unbedingt mal wieder längere Zeit in meiner alten Heimat verbringen. Als mir dann meine Agentin eine Handvoll Scripts schickte und sagte, das eine spiele in Schottland, habe ich es als erstes gelesen und gleich zugesagt. Das erste Interesse war also deswegen geweckt, aber ich hätte natürlich nicht zugesagt, wenn das Drehbuch nicht sehr gut gewesen wäre. Und heute würde ich wohl noch eher lieber zuhause drehen, auch wenn ich wahnsinnig gerne fremde Länder und Kulturen kennen lerne. Aber ich habe auch einen Großteil der letzten zwei Jahre aus beruflichen Gründen nicht mit meiner Familie verbracht. Es fehlt mir, abends nach Hause gehen zu können.
Wonach wählen Sie sonst Drehbücher aus? Was ist für Sie ein sehr gutes Skript?
Ewan McGregor: Ich muss mich da auf meinen Instinkt verlassen, ich habe kein Bewertungssystem. Manchmal hilft es, wenn es ein Regisseur inszenieren soll, den ich bewundere. Das Allerwichtigste ist, wie es geschrieben ist. Selbst eine wahnsinnig gute Geschichte kann schlecht geschrieben sein. Die Story ist das eine, aber es kommt drauf an, in welchem Stil sie erzählt ist. Und ich tendiere da wohl zu den etwas schrägeren Ansätzen. Klar habe ich auch ein paar Mainstream-Filme gemacht, Thriller zum Beispiel, aber die meisten Sachen hatten schon so einen leicht schrägen Touch. Mich interessieren Stoffe, die ungewöhnlich sind. Ich finde oft ärgerlich, in welchem Tonfall Drehbücher geschrieben sind. Wenn da eine Beschreibung steht wie „Er seufzt und blickt auf den Boden“ – Woher willst du das denn wissen?! Oder wenn die Hauptfigur immer „unser Held“ genannt wird!
Sie sind unlängst nach Los Angeles gezogen.
Ewan McGregor: Vorletztes Jahr, stimmt. Und auch wenn ich kaum dort war, weil ich dauernd woanders gedreht habe, gefällt es mir dort. Ich brauchte einen Tapetenwechsel.
Schwer vorstellbar, wie Sie das Leben eines Hollywoodstars führen …
Ewan McGregor: Das führe ich ja auch nicht! Was soll das überhaupt heißen? Das ist doch nur ein Mythos. Ich führe dort mein ganz normales Familienleben, das zuvor in London war und nun in Santa Monica. Ich hatte nur ein bisschen die Schnauze voll von London, wo ich seit 1989 gelebt hatte. Ich dachte, ich würde für immer dort bleiben, bis mir eines Tages klar wurde: Nein, ist gar nicht nötig. Ich hatte bereits fünf, sechs Jahre ein Haus in Los Angeles, also bin ich dort eingezogen. Jetzt gehen unsere Kinder dort zur Schule, und es gefällt ihnen dort. Mir gefällt es dort. Wir werden dort nicht für immer leben, aber zumindest bin ich den Fesseln Londons entkommen.
Sie spielen in europäischen Filmen und im amerikanischen Independent-Bereich, aber auch in Hollywood-Blockbustern. Wodurch unterscheidet sich die Arbeit an diesen Projekten?
Ewan McGregor: Was heißt denn Hollywood? Das ist erstmal nur ein Ort. Filme werden überall gedreht. Und ich arbeite überall gern. Wenn Sie damit Studiofilme meinen, dann mag ich das auch. Es hat etwas sehr romantisches, jeden Tag zur Arbeit auf ein Studiogelände zu gehen. Vor ein paar Jahren drehte ich eine Romantikkomödie mit Renée Zellweger, Down with Love, in der ich so einen schrillen Rock Hudson-Verschnitt aus den Sechzigern gespielt habe. Und ich habe mir einen Nachbau von James Deans
Porsche Spider gekauft, aus Plastik und mit einem VW-Motor hinten drin. Mit dem bin ich jeden Morgen zur Arbeit ins Studio gefahren, komplett mit Sonnenbrille und allem, was dazugehört. Ich hatte sogar meinen eigenen Parkplatz. Ich fand das großartig, weil ich für ein paar Monate so tun konnte, als sei ich ein Hollywoodstar aus der guten alten Zeit. Aber im Ernst: In der Arbeit sehe ich keinen Unterschied, ob es nun ein kleiner Independentfilm oder ein Studiofilm ist. Man versucht als Schauspieler immer so gut wie möglich zu sein, wahrhaftige Momente zu schaffen. Ein Unterschied ist vielleicht, dass man bei kleineren Produktionen mehr Freiheit hat, Dinge auszuprobieren, größere Risiken eingehen kann. Bei einem Studio-film steht so viel Geld auf dem Spiel, dass die Finanziers auf Nummer Sicher gehen wollen. Da werden Ecken und Kanten geglättet, um niemanden zu vergraulen, um mehr Tickets zu verkaufen, um mehr Geld einzuspielen. Was aber nicht heißt, dass es nicht doch auch immer wieder anspruchsvolle und herausfordernde Studiofilme gibt.
Wie bereiten Sie sich konkret auf eine Rolle wie die des Journalisten in The Men Who Stare at Goats vor?
Ewan McGregor: Wie bei jeder guten Komödie muss man es so ernst wie möglich spielen. Wenn man auf Lacher aus ist, verliert es seine Glaubwürdigkeit und dann ist es auch nicht mehr komisch. Davon abgesehen habe ich kein festgelegtes Schema oder einen bestimmten Prozess, wie ich mich vorbereite. Es hat wahrscheinlich viel mit Nachdenken zu tun, und damit meine ich bewusstes ebenso wie unbewusstes. Wenn man sich für ein Drehbuch entscheidet, fängt das Gehirn ganz von allein an zu rattern, ob man es merkt oder nicht. Die relevanten Dinge im Leben deiner Filmfigur werden zu relevanten Dingen in deinen Gedanken und damit von dir.
Haben Sie auf der Schauspielschule Techniken gelernt, die Ihnen dabei helfen?
Ewan McGregor: Ich kann nicht so genau mit dem Finger auf etwas Bestimmtes zeigen, weil Schauspielen kein Handwerk ist wie Schreinern oder Klempnern. Ich glaube, die beste Lektion war einfach, mich vier Jahre lang in einem geschützten Raum ausprobieren zu können, ohne dass ich mit dem Ergebnis gleich meine ganze Karriere gefährdet hätte.
Sie haben mit 16 die Schule abgebrochen, um Schauspieler zu werden, und ihre Eltern sollen darüber sogar froh gewesen sein.
Ewan McGregor: Stimmt. Ich war auf der Schule nicht sehr glücklich und hätte noch zwei Jahre vor mir gehabt. Aber meine Eltern sahen ein, dass es mich nur mürbe macht und ließen mich machen.
Jetzt sind Sie selbst Vater. Würden Sie auch so locker reagieren?
Ewan McGregor: Nein, meine Kinder gehen zur Schule bis sie 25 sind! Quatsch, natürlich hoffe ich, sie ebenso in ihren Entscheidungen zu unterstützen. Meine Eltern wussten einfach, dass ich Schauspieler werden will. Ich wollte nie etwas anderes, nie! Nur ein Beispiel: Ich hatte nicht den leisesten Schimmer, was die mathematischen Formeln an der Tafel zu bedeuten hatten. Und ich sagte meinem Mathelehrer, dass ich nicht verstehe, was da steht und was da berechnet wird. Er beratschlagte sich daraufhin mit dem Kollegium. Und wissen Sie, was die Lösung der Schule für meine Mathematikschwäche war? Mich stattdessen in einen Schreibmaschinenkurs zu stecken!
Lassen Sie uns doch jetzt noch mal auf die Superkräfte zurückkommen. Ist Ihnen inzwischen etwas eingefallen?
Ewan McGregor: Ich glaube, es wäre toll, fliegen zu können. Und unter Wasser atmen zu können, denn ich liebe Tauchen und es wäre großartig, wenn ich dafür nicht die ganze Ausrüstung bräuchte, sondern einfach so runter könnte.
Das ist ja eher eigennützig. Sie sind also zufrieden mit der Welt, wie sie ist?
Ewan McGregor: Oh, Sie urteilen über meine Wünsche?! Sollte ich lieber sagen: Ich hätte gerne die Macht, alle Kriege zu beenden und der Welt den Frieden zu bringen?
