The night is dying

| Benjamin Moldenhauer |

Harry Kümels Vampirfilm „Blut an den Lippen“ ist in einer gewohnt üppigen Edition vom DVD-Label Bildstörung wiederveröffentlicht worden.

Es ist auch im professionellen Schreiben über Filme noch immer gängig, von dem, was man gemeinhin den Inhalt nennt, auszugehen und nicht von den Bildern. Harry Kümel, Regisseur des kontrastfarbenreichen Vampirfilms Blut an den Lippen, hat in Interviews gerne auf dieses Missverständnis hingewiesen: „Rubens malte mal eine Kirche, ein Stillleben, ein Porträt. Aber wer redet über das Thema des Bildes? Es ist ein Rubens, ein Picasso, ein Cezanne.“ Er selbst sei ebenfalls ein Stilist, kein „Verfilmer des Inhalts“. Blut an den Lippen ist ein Kümel: Die Einstellungen sind bis in den letzten Winkel durchkomponiert, ohne ornamental zu wirken, die Farben sind genau aufeinander abgestimmt. Die Kamera nimmt mit fetischistischer Sorgfalt die Details in den Blick: Licht spiegelt sich im Nagellack, das Blau im Gesicht einer Leiche hat die gleiche Farbe wie ein Sandstrand im Morgengrauen. Der Abspann nennt die Perücken- und Kostümdesigner mit als erste. Die seien, schwärmt der belgische Regisseur mit bezauberndem Akzent im auf der DVD enthaltenen Interview, allesamt „großartig“ gewesen: „All das Geld ist gegangen in die Kleider natürlich“.

Der Plot? Ein frisch verheiratetes Paar begibt sich in ein menschenleeres Luxushotel. Bald gesellt sich die Gräfin Bathory samt Zofe hinzu. Im nahegelegenen Brügge häufen sich die Frauenleichen. Das Quartett wird rabiat trianguliert, das Ensemble reduziert sich weiter, und aus dem Beziehungsdreieck wird ein neues Paar. Es folgen ein wunderschön anzusehender Vampirtod und der Epilog, der vom genretypischen Wiederholungszwang kündet.

Den Schauspielern zuzusehen ist eine Freude. Krönung des Ensembles ist Delphine Seyrig, die als vampiristische Marlene-Dietrich-Figur mit dunkel-todessehnsüchtiger Stimme ein gutes Dutzend Zeilen wie „Deep in my bones I feel it, the night is dying“ hauchen darf. Trash ist das nicht, Camp allemal. Aber eben auch große Film- und Schauspielkunst. Und es stimmt gewissermaßen, die Nacht stirbt tatsächlich. Man sieht hier den klassischen Horror, der den Menschen in der Tradition der Gothic Literature als von Versagung und dunklen Trieben geplagtes Wesen konzipiert, in seinen letzten Ausläufern, bevor dann die drastische Gewalt und nicht mehr das verbotene Begehren zum Zentrum des Genres werden sollte.

Das Filmgeschehen ist dementsprechend von einer sichtbaren Freude an der erotisierten Grenzübertretung bestimmt. Bilder, die ansonsten nur im Exploitation-Kino zu finden waren, verlieren hier alles Schmuddelige, das sie Anfang der 1970er ansonsten noch zwangsläufig hatten. Harry Kümel, Filmemacher der alten Schule (bereits die Regisseure der Nouvelle Vague hält Kümel für Dilettanten, die hätten, von Chabrol abgesehen, nicht zwei Einstellungen ordentlich aneinander montieren können), hat mit Blut an den Lippen eine Art klassizistischen Softporno fabriziert, mit Vampiren. Die Hybridität des Films lässt ihn auch für heutige Augen, die inzwischen ja um einiges wüstere Bilder gewohnt sind, durchaus noch irritierend wirken.

Damals war das Ganze auf den Skandal hin kalkuliert, der Tabubruch funktionierte 1971 noch als Versprechen. Kümel, der den Film selbst anscheinend nicht sonderlich schätzt, sollte nach dem Willen der Produzenten möglichst viele grenzwertige Schweinereien unterbringen. Das begeisterte Kinopublikum bekam eine nackte, über eine Kloschüssel gebeugte Frau und den angeblich ersten Leinwandorgasmus im nicht ausdrücklich pornografischen Kino zu sehen. Am Ende saugen zwei Frauen an einem formvollendet mittels einer gläsernen Bowleschale zu Tode gebrachten, halbnackten Mann rum, der sich als allzu nutzlos herausgestellt hat.

Mitsamt der starren Grenzziehungen zwischen Arthaus und Exploitation lösen sich hier auch die allzu trennscharfen Zuordnungen sexueller Präferenzen auf. Die „Mutter“, die der Ehemann endlich anrufen soll, um sie über seine spontane Hochzeit zu informieren, entpuppt sich als alternder Liebhaber. Und das ist nur der direkteste Beleg für Paul Poets im DVD-Booklet nachzulesende These, dass Kümels kinematographischer Blick „als einziger mir bekannter als kategorisch bisexuell verstanden werden“ kann.

Blut an den Lippen ist ein Dokument eines heute weitgehend verblühten freudianischen Verständnisses von Sexualität und Erotik, das noch an das Tabu und die lustvolle Überschreitung gekoppelt war. Der erotisierte Fetischismus und die betonte Langsamkeit wirken heute wie die präventive Antithese zum jederzeit abrufbaren Meer an expliziten digitalen Bildern, die alles zeigen und für jeden jederzeit abrufbar sind. 1971 herrschte noch ein Zeigeverbot, das noch provokatorisch herausgefordert werden konnte. Heute ist es nahezu verschwunden. Ob das nun einen Verlust oder eine Liberalisierung bedeutet, lässt sich nicht ohne Weiteres entscheiden; angesichts von Kümels alles in allem dann doch ziemlich durchgeknallter Vampirsause drängt sich aber der Eindruck auf, dass es in den alten Tagen zumindest glamouröser zuging.