Stephen Frears erzählt in „The Program“ die Geschichte des gefallenen Superhelden Lance Armstrong. Anmerkungen zu Doping im Spitzensport als systemisches Gegenstück gesellschaftlich forcierter Selbstoptimierung.
I have never tested positive for performance enhancing drugs.“ Lance Armstrong übt sein Mantra ein, während er vor dem Spiegel an der Entschlossenheit seiner Miene arbeitet. Der Seriensieger der Tour de France macht sich bereit für die anstehende Pressekonferenz, wo er zum wiederholten Mal mit Dopingvorwürfen konfrontiert werden wird. Anstrengen müsste er sich dabei nicht. Denn mit Recht konnte Armstrong in der damaligen Pressekonferenz verkünden: „Ich bin der meistgetestete Athlet des ganzen Teilnehmerfeldes. Und ich wurde noch nie positiv auf leistungsfördernde Substanzen getestet“. So hat er nicht gelogen und doch die Wahrheit verschwiegen. Was Armstrong nicht gesagt hat: „Ich wurde noch nie positiv getestet, weil ihr mich noch nie erwischt habt. Weil ich und mein Team so clever dopen, dass ihr uns mit euren veralteten Testmethoden nicht drankriegt.“ Und was Armstrong auch nicht gesagt, aber sehr wahrscheinlich schon damals gedacht hat: „Im Grunde wollt ihr mich doch gar nicht erwischen, weil, hey, Leute: Haben meine Triumphe dem Radsport nicht zu unglaublicher Popularität verholfen? Wollt Ihr wirklich all den vielen Leuten, denen ich mit der Überwindung meiner Krebskrankheit Mut gemacht habe, ihre Hoffnungen wieder nehmen?“
In seiner neuen Regiearbeit The Program dramatisiert Stephen Frears den Aufstieg und Fall eines charismatischen Betrügers. Ein Anspruch auf Authentizität wird mit dem Hinweis auf die zugrunde liegende „wahre“ Geschichte schon zu Beginn des Films angemeldet, beglaubigt wird er im Abspann mit Fotos der tatsächlich handelnden Hauptpersonen. Leicht hat es der Erzähler nicht: Wenn ein Mensch so oft und so lange gelogen hat, dass er fast schon selbst an seine Lügen geglaubt haben muss, wie kann man dann noch die Wahrheit über seine Lügen erzählen? Dass man sich daran zumindest annähern kann, beweist The Program auf kurzweilige und mitunter amüsante Weise. Das Drehbuch stammt von John Hodge, der aktuell am Sequel von Trainspotting schreibt, jener Irvine-Welsh-Adaption, die ihm gemeinsam mit Regisseur Danny Boyle 1996 den Durchbruch bescherte; auch darin ging es vorrangig um Drogenmissbrauch, wenngleich um gänzlich anders motivierten.
Erythropoietin (EPO), Testosteron, Eigenblut, Wachstumshormone, Kortison: Im Januar 2013 legte Armstrong endlich ein umfassendes Doping-Geständnis ab, seine sieben Tour-de-France-Titel wurden ihm aberkannt. Bei Oprah Winfrey gab er sich reumütig, es fielen aber auch Sätze wie: „Doping war für mich Teil des Jobs – das war wie Reifen aufpumpen und Wasserflaschen auffüllen.“ Der Mann, der früher selbst jeden geklagt hat, der ihm am Zeug flicken wollte, ist seither vor allem mit Klagen beschäftigt. Nach Armstrongs erstem Tour-Triumph hatte es kaum Zweifel an seiner Sauberkeit gegeben, obwohl er mit Unterstützung seiner Mannschaft U.S. Postal (später Discovery Channel) die Berge Frankreichs regelrecht hinaufgeflogen war. The Program lässt nun einen Kritiker der ersten Stunde zu seinem Recht kommen, seinen Recherchen entnahmen Hodge und Frears die Koordinaten für den faktentreuen Teil der Geschichte. 13 Jahre lang hatte der irische Journalist David Walsh, heute leitender Redakteur der Londoner „Sunday Times“, einen Kreuzzug gegen den herzrasend schnellen Texaner geführt. Sehr persönlich berichtete Walsh darüber in seinem Buch „Seven Deadly Sins“ (erschienen im Herbst 2012), welches neben dem Ermittlungsbericht der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA zur Hauptquelle der Filmemacher wurde.
David gegen Goliath
Frears’ filmische Methode ist im Wesentlichen die der chronologisch wechselnden Perspektive, der getrennten Gegenüberstellung von Antagonisten. Auf der einen, naturgemäß fiktionaleren Seite der gestärkt aus dem Kampf gegen den Hodenkrebs hervorgehende Armstrong (leidlich „verkörpert“, aber wichtiger: gut gespielt von Ben Foster), Begründer der Abermillionen Dollars generierenden „Livestrong“-Krebshilfe. Dauerträger des Gelben Trikots in diesem Ultramarathon der Qualen, zwischen Alpen- und Pyrenäengipfeln von Etappensieg zu Etappensieg eilend, von Gesamtsieg 1999 zu Gesamtsieg 2005 immer unantastbarer. Teamintern und im Tour-Tross zusehends herrischer und skrupelloser, vom Größenwahnsinn befallen, in der Außenwahrnehmung ein gottgleich erscheinender Superheld, ein Idol für die Massen. Irgendwann hieß die Tour de France im Volksmund nur noch Tour de Lance. Der Gegenspieler dieses Goliaths ist David Walsh (Chris O’Dowd), der einfach nicht glauben kann, was da vor aller Augen passiert, aber mit seinem Verdacht auf das Unverständnis der Fachkollegen stößt. Im Film wirkt er wie ein einsamer Kassandra-Rufer in einem gut geschmierten Räderwerk aus Wegschauen, Vertuschen, Tricksen, Bestechen und Drohen, welches schließlich als der größte Betrugsfall in die Geschichte des Profisports eingehen sollte.
Wie gut das titelgebende Programm Armstrongs auch in heiklen Momenten funktioniert hat, zeigt sich in einer fast Screwball-artigen Szene: Ein Doping-Kontrollor klopft an die Tür des Motorhomes, in dem Armstrong mit seinen Kollegen gerade gemütlich am Tropf hängt. Hektisch wird der Tester hingehalten, der Blutbeutel gegen Salzlösung getauscht und sobald das Messgerät eine Blutdicke unter dem Grenzwert von 50 Prozent anzeigt, hat der zu Testende endlich „fertig geduscht“.
„Der Erfolg lag ihm im Blut“, heißt eine Tagline des Trailers. Dass Armstrongs Erfolg auch den weniger Erfolgreichen die Blutbahn verstopfte, deutet The Program an, konzentriert sich dabei aber auf Armstrongs Teamkollegen, die sich für seinen Erfolg abgestrampelt haben. Auf der Strecke bleiben musste offenbar die Chance zu zeigen, wie stark der Medikamentenmissbrauch schon seit den neunziger Jahren den gesamten Profiradrennsport durchdrungen hat. Nur zu Beginn weisen zwei Szenen darauf hin. Einmal sieht man den noch grünen Armstrong, wie er vor dem Start eines Rennens seinen späteren Team-Manager Johan Bruyneel (Denis Ménochet) kennenlernt. Der Belgier zeigt auf ein paar Fahrer und sagt sinngemäß: „Wenn du etwas reißen willst, musst du nachhelfen.“ Und eine witzige Szene in einer französischen Apotheke veranschaulicht, wie leicht es anfangs war, sich Pharma-Booster zu besorgen wie EPO, für das es bis 2001 keine Nachweismethode gab. Bei Oprah formulierte Armstrong denn auch: „Ich wollte nur Waffengleichheit herstellen“, aber das gegengleiche Phänomen ließ er außen vor. Denn durch die steigende Durchschnittsgeschwindigkeit der Spitzengruppe baute sich auch immer mehr Druck auf das Hauptfeld auf. Wie Armstrongs Teamkollege Frankie Andreu (Edward Hogg) – auf Druck seiner Frau Betsy (Elaine Cassidy) später Zeuge gegen das Alphatier – mussten wenig begabte Bergfahrer schlicht dopen, um ihren jeweiligen Helferdiensten nachkommen zu können.
Blut und Spiele
Was The Program leider fast komplett ausblendet, ist die Rolle der Spanier im organisierten Dopingbetrieb. Armstrongs italienischer Arzt Michele Ferrari (Guillaume Canet) kommt natürlich prominent vor, der zur gleichen Zeit sein Unwesen treibende Madrider Eufemiano Fuentes dagegen nicht. Nachdem bei einer Razzia 2006 u.a. mehr als 220 mit Codenamen versehene Blutbeutel bei Fuentes gefunden und der Manager Manolo Saiz mit 60.000 Euro im Koffer festgenommen worden war, verschleppte die spanische Justiz den Fall und verurteilte Fuentes 2013 lediglich zu einer einjährigen Bewährungsstrafe. Dabei soll der Dopingdoktor seinem ehemaligen Kunden Jesus Manzano laut dessen Aussage einmal sogar Hämoglobin von Hunden gespritzt haben, woraufhin dieser bei einem Berganstieg halbtot vom Rad fiel. Ein weiterer Fahrer des berüchtigten ONCE-Teams war der Arztsohn Jörg Jaksche, der 2007 eine umfassende Doping-Beichte abgelegt hat. Tenor: Er habe sich vom Team-Manager zu Eufemianos „Grundpaket“ überreden lassen, um mal ein Resultat herauszufahren. Um überhaupt mithalten zu können mit den immer schnelleren Konkurrenten.
Manzano und Jaksche sind nur zwei von etlichen Protagonisten des vom WDR beauftragten, im August 2007 von der ARD erstausgestrahlten Dokumentarfilms Blut und Spiele, der zwar in etwas reißerischer Manier, aber inhaltlich sattelfest die Systematik des Dopens im Spitzensport aufzeigte. Neben anderen verdienten Investigationsfilmen ließ einen auch dieser mit der bestens begründeten Vermutung zurück, dass es eine ganze Reihe von Profisportlern gibt, deren Trophäen nicht die besten Radfahrer, Langstreckler, Sprinter, Skilangläufer etc. ausweisen, sondern die besten nicht erwischten Doper.
Die gruseligste Szene in Blut und Spiele stellt eine Situation nach, wie sie sich dutzendfach in den Hotels der Tour de France abgespielt haben muss und die sich auch für The Program angeboten hätte: Wie Geister begegnen die Athleten da einander in der Nacht am Gang. Sie trippeln herum, um ihren Blutkreislauf in Schwung zu halten und wegen ihres dicken Blutes und daraus folgenden niedrigen Pulses nicht an Herzversagen im Schlaf zu sterben. Allein in den drei Jahren zwischen 2003 und 2006 starben nach Recherchen der „Berliner Zeitung“ 13 ehemalige oder aktive Radfahrer, von denen Marco Pantani nur der prominenteste war. Alter zwischen 16 und 45, Todesursache: plötzlicher Herztod oder Herzversagen. Deutet das nicht darauf hin, dass viel mehr Profisportler lebensgefährliche Substanzen zu sich nehmen als die paar Sündenböcke, die dem Publikum von Zeit zu Zeit vorgesetzt werden?
Dass leistungssteigernde Mittel eher flächendeckend eingenommen wurden (und werden), indizieren auch Erfahrungen mit der Änderung von Hämatokrit-Grenzwerten, für die der jeweilige Sportverband zuständig ist: Wie von Zauberhand pendeln sich die Blutwerte der getesteten Athleten zumeist exakt unter der neuen Grenze ein. Deutlichere Signale, dass Athleten sich unter medizinischer Betreuung an die Grenzwerte herandopen, braucht es eigentlich nicht. Und doch lassen die Sportfans sich immer wieder beruhigen, von einer Schein-Anti-Doping-Politik einkochen, die ihnen überführte Einzeltäter zum Ausbuhen serviert. Und die PR-Manager werden nicht müde, die „neue“ Tour de France, die nächsten Olympischen Spiele etc. immer noch als die saubersten und besten, die es je gab, zu verkaufen. Es geht ja immerhin um viel, viel Sponsorengeld.
Chancengleichheit?
Man kann von einem Spielfilm wie The Program nicht erwarten, die volle Dimension eines so umfassenden Problems anschaulich zu machen. Dass es eben nicht nur um ein paar Narren geht, die auf Kosten ihrer Gesundheit Erfolg und Reichtum erschwitzen wollen. Was durch den Film deutlich wird: Die Welt will sich seltene Heldengeschichten wie jene von Lance Arm-strong nicht so einfach kaputt machen lassen – das jahrelange Wegschauen der Verbandsverantwortlichen, der meisten Journalisten und demzufolge auch der Radsportfans und des massiv überwiegenden Teils der Sport-Öffentlichkeit wird adäquat dargestellt. Was aber durch den Film nicht deutlich wird: Die unerlaubte Anpassung an Konkurrenzdruck und der Gedanke der Selbstoptimierung im Sport sind nur ein Spiegel des ganz normalen gesellschaftlichen Lebens.
Manager, die Aufputschmittel oder Kokain nehmen, um ihre 70-Stunden- Wochen durchzuhalten; Hobbysportler, die sich mit Schmerzmitteln oder im Internet bestellten Designerdrogen für den nächsten Marathon vollpumpen; junge Frauen und mittlerweile auch vermehrt Männer, die sich fragwürdigen Schönheitsoperationen unterziehen: Weite Teile der Wohlstandsgesellschaft nehmen solche und ähnliche Phänomene längst als soziale Normalität wahr. Wieso sollten sich dann ausgerechnet Top-Athleten an irgendwelche Spielregeln halten? Formel-1-Fahrer sind nichts ohne ihre Boliden, warum sollten Radprofis sich nicht wenigstens mit dem optimalen Treibstoff versorgen? So argumentieren manche gar für eine Doping-Freigabe: Dann herrsche wieder Chancengleichheit, das unwürdige Spiel zwischen Drogenjägern und -gejagten hätte ein Ende, und das Gesundheitsrisiko müsse eben der Sportler selbst einschätzen. Dem Manager schreibe ja auch niemand vor, welche leistungssteigernden Substanzen vielleicht gut für seine Performance, aber schlecht für seinen Organismus sind. Übersehen wird, dass in diesem Fall nicht der Beste, sondern der medizinisch und pharmakologisch Bestbetreute gewinnt, bzw. einer, der sich traut, die nach kapitalistischer Logik dann zahlreich produzierten Superdrogen als Erster zu probieren bzw. einer, dessen Körper einfach robust genug ist, um den maximal verabreichbaren Drogencocktail voll auszuschöpfen.
Was passieren wird, wenn das Doping dereinst die Gene erreicht und sich damit gänzlich der Nachweisbarkeit entzieht, will man sich gar nicht ausmalen. Würden die Sportfans dann mit Gänsehaut einer Horde genmutierter Gladiatoren zujubeln?
