the prom

Netflix-Film

The Prom

| Oliver Stangl |
Fight for your right: musikalische Toleranz-Predigt Marke Hollywood, durch Satire leicht abgemildert. Demnächst auf Netflix.

Gibt es ein Filmgenre, das so sehr Geschmackssache ist wie das Musical? Nein, natürlich nicht, wenngleich die Romcom ziemlich harte Konkurrenz darstellt. Also gleich zur Handlung: Die Netflix-Produktion The Prom dreht sich um vier abgehalfterte Broadway-Darsteller (Meryl Streep, James Corden, Nicole Kidman, Andrew Rannells), die am Abend nach einer abgesetzten Show verzweifelt nach Relevanz suchen. Da kommt ihnen der Fall der lesbischen Schülerin Emma (Jo Ellen Pellman) gerade recht. Diese will mit ihrer Freundin auf den Highschool-Abschlussball (Prom) gehen, was ihr im konservativen Indiana allerdings verwehrt wird. Das mehr oder minder prominente Quartett macht sich auf in die Provinz, um Radau zu schlagen und durch den Kampf für Minderheitenrechte selbst wieder im Rampenlicht zu stehen. Doch das läuft natürlich nicht ohne Komplikationen ab: Die Selbstsucht ist ein Luder, Emmas Freundin fürchtet sich aufgrund der konservativen Mutter vor dem großen Coming-out, böswillige Mitschülerinnen schmieden Intrigen und bei manchem Protagonisten bricht die eine oder andere Wunde aus der Vergangenheit auf.

Was lässt sich festhalten? Das Ensemble spielt und singt ausnahmslos gut, wobei Streep als egoistische Diva, die sich in den hochmoralischen Schuldirektor verliebt, die besten – weil humorvollsten – Dialogzeilen erhalten hat. Überhaupt ist es der Humor, der zu den Stärken dieser Adaption eines Erfolgsmusicals aus dem Jahr 2016 zählt – besonders dann, wenn der Übereifer von Stars aufs Korn genommen wird, die sich für vermeintlich gute Dinge einsetzen und dabei bloß einen Egotrip starten. Auf diese Weise werden zu Beginn drohendes Toleranz-Pathos sowie die nicht mehr ganz taufrische Coming-out-Story nett konterkariert. In der zweiten Hälfte gestalten sich die vielen Elemente aber zunehmend disparat (an Themen angeschnitten werden u.a. Eskapismus, Selbstsucht, Sendungsbewusstsein, Inklusion, Homosexuellenrechte und Provinz vs. Stadt), dazu wird noch schnell für jede Figur ein positiver Abschluss gesucht. Der Drang nach „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist bei einem Musical zwar prinzipiell nicht überraschend – dann sollte aber auch wirklich alles larger than life sein. Und das ist es meist nicht. Visuell hat Ryan Murphy das alles eher unauffällig inszeniert; die Tanz-Choreografien sind in Ordnung, aber nicht sehr komplex und weitgehend überraschungsfrei (Broadway-Gott Bob Fosse wird zitiert, aber natürlich nicht erreicht). Die Musik erfüllt ihren Zweck, wobei auch hier die stärksten Passagen jene sind, in denen satirische Töne zu finden sind.

Was soll man noch hinzufügen bei einem Genre, das dermaßen Geschmackssache ist? Vielleicht: Musicalfans könnten insgesamt auf ihre Kosten kommen. Ihr geschätzter Rezensent hofft, sich mit diesen Worten halbwegs durch diese Besprechung geschummelt zu haben.