Colm Bairéad erzählt behutsam von einer Kindheit in Irland.
Ein einsames Bauernhaus mitten in der irischen Einöde. Aus der Ferne wird nach jemandem gerufen: „Cáit!“, „Cáit!“. Die Kamera streift durch das hohe Gras, aus dem sich ein kleines Mädchen (Catherine Clinch) aufrichtet, dem die Rufe galten. So lernen wir die Protagonistin aus The Quiet Girl kennen: als jemanden, die sich gerne absentiert, die am liebsten in der Landschaft verschwinden möchte – die so aber auch bei den Menschen, die sie umgeben, in Vergessenheit zu geraten droht. Sie redet wenig, sitzt schweigend am Küchentisch, auf der Schulbank oder in der Messe. Von ihrer Familie vernachlässigt, versteckt sie sich unter ihrem Bett und unternimmt lange Streifzüge in die Natur. Als ihre Mutter ein weiteres Kind erwartet, wird sie zu Verwandten geschickt, die sie derweil beaufsichtigen sollen. Auch wenn Eibhlín und Seán eigene Sorgen haben, erfährt Cáit bei dem älteren Ehepaar jene Zuneigung, die sie aus ihrem Elternhaus nie gekannt hat.
Zu sehen, wie Cáit unter der neuen Aufmerksamkeit ihrer Pflegeeltern plötzlich Anteil an der Welt nimmt, gehört zu den Glanzpunkten eines Films, der ohne große dramatische Zuspitzungen auskommt. Basierend auf einer Kurzgeschichte von Claire Keegan erzählt The Quiet Girl behutsam aus der Sicht eines Kindes, wie kleinste Gesten und Details auf einmal Bedeutung erlangen: etwa ein zurückgelassener Keks, mit dem Seán schließlich die Akzeptanz seiner neuen Ziehtochter zum Ausdruck bringt, oder ein Tapetenmuster, das einen bevorstehenden Abschied ankündigt. Regisseur Colm Bairéad hat sich bewusst für ein schmales Bildformat (1,37:1) entschieden, welches Cáits beschränkte kindliche Perspektive veranschaulicht, die sich erst nach und nach zu öffnen beginnt. Dabei entwickelt Bairéad eine für ein Langfilmdebüt beachtliche Sogwirkung, in dem das Rauschen der Blätter, der vorbeiziehende Himmel oder das Kämmen der Haare das Geschehen rhythmisieren. Die wenigen gesprochenen Worte sind Gälisch, eine Sprache, die so wie Cáit vom Verschwinden bedroht ist. Bei der letzten Oscarverleihung war The Quiet Girl übrigens als erster irisch-sprachiger Film überhaupt nominiert.
Vielleicht kann sich aber auch im Schweigen eine Sprache bewahren. Das scheint The Quiet Girl zumindest anhand seiner stillen Hauptfigur sowie seiner poetischen Bildsprache zu suggerieren, in der leise Zwischentöne oft wichtiger sind als Worte. Gerade aufgrund dieser Zurückhaltung gerät das Finale zu einem emotionalen Schlag in die Magengrube, der niemanden kalt lassen dürfte.
