Für Michael Winterbottom besteht kein Zweifel: Das Aufzeigen des Schicksals dreier Guantánamo-Häftlinge ist dazu geeignet, den öffentlichen Druck gegen das Lager zu erhöhen.
Gibt es bereits Reaktionen von Seiten der Politik auf Ihren Film The Road to Guantanamo?
Weder Bush noch Blair waren bislang im Film – ich habe jedenfalls noch nichts davon gehört. Wir hoffen, dass der Film in Amerika in die Kinos kommt [ein US-Kinostart ist mit geringer Kopienzahl für Ende Juni angekündigt, Anm.], denn nur von dort kann die Initiative ausgehen, dieses Gefängnis zu schließen. Je mehr Menschen den Film sehen, umso mehr werden vielleicht gegen Guantánamo sein, und umso früher wird es hoffentlich aufgelöst werden. Indem wir die Geschichte von drei individuellen Schicksalen zeigen, wollen wir verdeutlichen, dass jeder dieser 500 Gefangenen in Guantánamo gleichfalls ein ganz persönliches Schicksal hat. Das sind keine verrückten Terroristen, die einen töten, sobald man ihnen den Rücken zudreht. Es sind Menschen, die Menschenrechte haben. Man kann die Freiheit nicht verteidigen, indem man Leute ohne jedes Gerichtsverfahren einsperrt.
Gelten Sie in Amerika nun als unerwünschte Person?
Für mich ist The Road to Guantanamo kein antiamerikanischer Film. Die USA haben ja auch ihre guten Seiten. Viele Amerikaner sind beispielsweise gegen Guantánamo. Ich kann jedenfalls problemlos in die Staaten reisen. Andere Länder haben da Probleme: Unser Darsteller wurde nach dem Rückflug von der Berlinale in London verhaftet und erst auf Druck eines Anwaltes wieder freigelassen.
Dass die Szenen des Guantánamo-Gefängnisses ausgerechnet im Iran gedreht wurden, dürfte viele Amerikaner wohl nicht sehr erfreuen …
Wir haben die einfacheren Szenen der Reise in Pakistan und Afghanistan gedreht. Für die aufwändigen Sequenzen erschien uns Afghanistan allerdings zu unsicher. Iran hat eine ähnliche Landschaft und ähnliche Bewohner, deswegen haben wir uns für diesen Drehort entschieden. Dass wir dann auch das Gefängnis dort aufbauten, hatte einfach nur ganz praktische Gründe. Wenn man erst einmal im Land ist, kann man sich auch relativ frei bewegen. Und da der Film ja nicht vom Iran handelt, hatte die Zensur ohnehin wenig Anlass zur Sorge.
Was kann man in Ihrem Film von Guantánamo erfahren, was man nicht schon wüsste?
Guantánamo wurde ja nur deshalb in Kuba errichtet, weil es in Amerika illegal wäre, Menschen ohne Anklage so lange festzuhalten. Vielleicht ist Guantánamo aber nur das große Täuschungsmanöver, um von anderen geheimen Gefängnissen abzulenken. Tatsächlich sitzen die gefährlichen Leute gar nicht in Guantánamo, sondern sind überall auf der Welt verteilt. Wer hier eingesperrt ist, gehört mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wirklich zu den bedrohlichen Terroristen.
Manche Zuschauer haben Zweifel an der Geschichte Ihrer drei Helden …
Wir erzählen ihre Geschichte in ihren Worten, schildern ihre Version der Ereignisse so, wie es ein Anwalt tun würde. Uns ging es nicht um den Versuch einer unabhängigen Aufklärung ihrer Story. Damit meine ich natürlich nicht, dass ich ihrem Bericht nicht glaube. Aber das Wichtigste für uns war, einfach ihre Geschichte zu erzählen. Die Beschreibung ihrer Erlebnisse ab der Zeit in Afghanistan scheint unwiderlegbar zu sein.
Unklar freilich bleibt, warum sie überhaupt nach Afghanistan gegangen sind.
Wie sie im Film erklären, hat der Imam der pakistanischen Moschee aufgerufen, den Menschen im Nachbarland zu helfen. Also stiegen sie am nächsten Tag einfach in den Bus. Welche Motive sie außerdem noch hatten? Wenn sie über diese Ereignisse reden, klingt das oft wie bei Leuten, die von einer Selbstfindungsreise nach dem Schlussabschluss erzählen. Vielleicht haben sie nur ein großes Abenteuer gesucht. Jedenfalls berichten sie, sie hätten den Menschen dort einfach nur helfen wollen.
Der Film wird in England zeitgleich zum Kinostart im Fernsehen gezeigt und im Internet veröffentlicht.
Dieses Modell wird in Zukunft öfter praktiziert werden. Wir erreichen im TV die Menschen mit diesem brisanten Thema sofort und nicht erst in einem Jahr. Zudem erhoffen wir uns mit dieser Idee, dass einander die unterschiedlichen Medien Auftrieb geben, weil so die Werbewirkung größer ist. Unser Ziel ist, dass so viele Menschen wie möglich den Film so schnell wie möglich sehen können – egal auf welchem Medium.
Glauben Sie angesichts einer größeren Anzahl an Filmen poli-tischen Inhalts wie etwa zuletzt Syriana an eine neue Welle des politischen Kinos?
Ich finde es großartig, dass sich Regisseure verstärkt mit politischen Themen beschäftigen. Und je mehr Dokumentarfilme gedreht werden, desto mehr werden sich auch in den Kinos finden. Ich fand schon immer jene Geschichten am interessantesten und am meisten erzählenswert, die direkt um einen herum passieren und die die Menschen betreffen. Natürlich kann kein Filmemacher die Dinge von heute auf morgen verändern. Aber wenn man sieht, wie die Medien in England die Vorurteile gegen Einwanderer schüren, kann man immerhin hoffen, dass diese Art der Meinungsbildung vielleicht auch umgekehrt funktioniert: Wenn unser Film die Zustände von Guantánamo anklagt, ziehen andere nach. Dann verändert sich die öffentliche Meinung vielleicht irgendwann. Das sind kleine Schritte, aber ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben.
