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The Tragedy of Macbeth

| Jakob Dibold |
Shakespeare 2021: High-End und alte Verse

Dass die beiden schwarzhumorigen Chronisten US-amerikanischer Gewalt auch ein Faible für das Theater haben, ist nicht unbekannt. Während Ethan derjenige ist, der eigene Stücke auf die Bühne gebracht hat, bringt nun aber Joel Coen einen der großen Shakespeare-Klassiker auf die Kinoleinwand – es ist gleichzeitig der erste Solo-Film von einem der Brothers. Dass The Tragedy of Macbeth, von A24 vertrieben, ins Kino kommt, ab Mitte Jänner aber auf Apple TV+ von mehr Leuten gestreamt als im Kinosaal gesehen werden wird, ist dabei ein ganz eigenes Drama.

Denn Joel Coens Macbeth und seine Lady – logisch und perfekt besetzt mit Denzel Washington und Frances McDormand – intrigieren und erliegen dem Wahnsinn eingefasst in an den Ecken abgerundetes 1,33:1-Format (oder 1,19:1, da sind sich selbst IMDb und „Variety“ nicht ganz einig) in kontrastreichen Schwarzweiß-Bildern und minimalistischer Szenerie, die für die Dunkelheit eines Lichtspieltheaters gemacht sind. Gefilmt wurde auf Bühnen, „Entertainment Weekly“ verglich die Arbeit von DOP Bruno Delbonnel mit Fritz Lang; genauso wie die texttreuen Mono- und Dialoge ist auch das visuelle Konzept zwar streng, aber in seiner Sprache sehr lebendig. Da die Rückkehr zu quadrierten Grauwerten ja schon länger eine Art zeitgenössischer Trend ist, lassen sich natürlich nicht nur mit dem deutschen Expressionismus Vergleiche ziehen. Das Geschehen der von der Wirrnis ihrer Zeit Gebeutelten in dem mal durch weißen Sand, mal durch meterhohe Lichteinfälle in totale Schwärze beeindruckenden Chiaroscuro erinnert ebenso an Pedro Costa (v. a. Horse Money, 2014) wie etwa an Albert Serras Birdsong (2008); mit Robert Eggers’ The Lighthouse (2019) hat es außer der Farblosigkeit und trotz des auch dort verhandelten Verstand-Verlierens nur wenig gemein, viel eher fühlen sich die wilden Momente in The Tragedy of Macbeth wie albtraumhafte Bergman-Miniaturen an.

Coens Macbeth ist angenehm unprätentiös, liefert mehr als eine Handvoll toller Einstellungen, (ver)wehrt sich mit beinahe märchenhaft-naiven Sternenhimmeln und Schatten auch manchmal gegen den totalen Fall in das Streben nach bildlicher Idealität. Das alles wäre aber zum Mittelmaß verurteilt, fänden Washington (20 Jahre nach seiner Darstellung eines Shakespeareschen Königs auf der Bühne – „The Tragedy of Richard III.“ am Joseph Papp Public Theater in New York) und McDormand (spielte erst 2016 Lady M. am Berkeley Repertoire Theatre) nicht so eine gelungene Mischung für ihr Schauspiel: Sie bewegen sich mühelos in den feinen Überlappungen zwischen Sprechtheater und Arthouse-Film und verleihen ihren Rollen beeindruckende Körperlichkeit. Auch der restliche Cast macht Spaß, natürlich kann Brendan Gleeson sehr gut König und wer den ehemaligen Harry-Potter-Side-Character erkennt, wird große Freude haben.

Bei all dieser Makellosigkeit bleibt beim Erleben der Coen-Version die Tragödie aber doch etwas auf der Strecke. Die Akte werden gut abgearbeitet, besonders die drei Hexen sogar großartig inszeniert, das Drama des von Macht verführten Rechtschaffenen, der zu morden beginnt und psychisch am Getanen zerbricht, und allen jenen, die unter ihm zu leiden haben, bleibt aber mehr Augen-Spektakel als dass es irgendeine Nähe zu seinen Charakteren oder Themen aufbaut. Emotionen und Begierden sind tief unter der artifiziellen Ästhetik vergraben und kaum spürbar. Das ist seltsam, denn auf die Frage nach der Dringlichkeit, Macbeth schon wieder (die jüngste Adaption ist schließlich auch erst sechs Jahre her; Macbeth, R: Justin Kurzel mit Michael Fassbender und Marion Cotillard) als Film zu erzählen, drängt sich der Topos des größenwahnsinnigen Herrschers und des mit Macht einhergehenden Wahns, aber auch jener von Gewalt als Universal-Lösung auf, beides ja leider stets tagesaktuell. Trotzdem: Joel Coen hat aus dem verfluchten Stück, dem „Scottish Play“, einen Kunstfilm gemacht, der wider allen Aberglaubens als schöner Glücksfall ein ebenso verschrobenes wie wunderbares Rufzeichen ans Ende des Kinojahres setzt.