Ken Loachs „The Wind That Shakes the Barley“ zeigt die frühen Tage der IRA auf unprätentiöse Weise, verschließt sich jedoch dem menschlichen Drama hinter der Geschichte.
Irland, 1920: Damien O’Sullivan (Cillian Murphy) will der Gewalt in seiner Heimat aus dem Weg gehen und in London Karriere als Mediziner machen – eine Haltung, die sein Bruder Teddy (Pádraic Delaney), aktives IRA-Mitglied, nicht verstehen kann. Erst als Damien Zeuge brutaler Übergriffe britischer Soldaten auf Zivilisten wird, entschließt er sich, zu bleiben und der IRA beizutreten. Eine Weile kämpfen die Brüder Seite an Seite, als Teddy sich jedoch für die Kompromisslösung eines irischen Freistaates innerhalb des britischen Empires stark macht, kommt es zum Zerwürfnis: Damien, der für absolute Unabhängigkeit Irlands eintritt und zudem sozialistische Ideen umgesetzt wissen möchte, geht in Opposition zu seinem Bruder – immer deutlicher stellt sich heraus, dass nur einer der beiden dieses Zerwürfnis überleben wird.
So sehr die Zusammenfassung der Handlung an ein packendes Drama denken lässt, so sehr unterläuft Loach diese Erwartungen: Seelische Konflikte stehen in The Wind That Shakes the Barley nicht im Mittelpunkt. Anders als in Michael Collins (1996), Neil Jordans Porträt des irischen Unabhängigkeitskämpfers, oder Jim Sheridans In The Name Of The Father (1993), der Geschichte eines Taugenichts, der – fälschlicherweise als IRA-Terrorist angeklagt – in der Haft zum entschlossenen Kämpfer reift, gibt es bei Loach keine tragischen, überlebensgroßen Figuren. Politische Extremsituationen dienen ihm nicht als Folie für die Zerrissenheit der Protagonisten wie in Mike Hodges’ symbolisch überladenem Thriller A Prayer For the Dying (1986), in dem ein rothaariger Mickey Rourke als ehemaliger Terrorist auf der Suche nach Erlösung ist, oder gar als Vorwand für Actionware wie Patriot Games (1992, Phillip Noyce) oder The Devil’s Own (1997, Alan J. Pakula), in denen sich Harrison Ford wiederholt mit der IRA anlegt.
Loach geht vielmehr nüchtern und mit jenem naturalistischen Stil an die Thematik heran, den er so meisterhaft beherrscht; und kann doch nicht völlig vergessen machen, dass The Wind That Shakes the Barley zu einem manchmal zu didaktischen „Ideenfilm“ geworden ist.
Gewalt und Idylle
Gleich zu Beginn wird eine dörfliche Idylle von einer Gruppe Black and Tans (die berüchtigten, von England eingesetzten Söldner) brutal zerstört, ein junger Mann erschlagen, weil er seinen Namen nur auf gälisch angeben will. Eine andere Szene, in der einem Protagonisten die Fingernägel mit einer rostigen Zange gerissen werden, überträgt sich beinahe körperlich auf den Zuseher. Hier führt der Regisseur seine Schauspieler der-art naturalistisch, dass das filmische Geschehen auf beinahe unheimliche Weise echt wirkt. Mitreißend und aufwühlend gestalten sich jene Passagen, die den gewaltvollen Alltag der Freiheitskämpfer darstellen, und auch die Ausbildung der republikanischen Armee zeigt Loach fern jeglicher Rebellenromantik – es herrscht eine Atmosphäre stetiger Bedrohung durch die übermächtige Kolonialmacht vor. Als eine IRA-Gruppe einen Trupp Soldaten überfällt und erschießt, fordert der Anführer die Männer anschließend auf, sich nicht die Leichen der Soldaten zu besehen – jede menschliche Regung, jedes Mitleid für den Feind soll im Keim erstickt werden.
Die grünen Hügel Irlands sind auch in Szenen wie dieser stets präsent, bilden einen gleichmütig-idyllischen Kontrast zu der Gewalt, die sich im Vordergrund abspielt, und Barry Ackroyds größtenteils statisch eingesetzter Kamera gelingt es, sich entlang dieses Grates zwischen Stilisierung und Naturalismus zu bewegen. Verwunderlich mag dagegen der Einsatz der Filmmusik stimmen: George Fentons Soundtrack ist zwar von zurückhaltender Natur, doch oft kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass hier die mangelnde Emotionalität des Films ausgeglichen werden soll. Plötzlich wirken die Bilder dann hollywoodesk, schlagen sich mit Loachs Naturalismus, wogegen die Originalmusikeinsätze wie das titelspendende Volkslied, das auf einer Totenfeier gesungen wird, sich stimmig in das Geschehen einfügen.
Redselige Romanze
Loachs Schwäche in The Wind That Shakes the Barley liegt jedoch überraschenderweise dort, wo sich die Handlung auf die Protagonisten selbst konzentriert – denn statt wirklicher Charaktere bevölkern Funktionsträger den Film. Entsprechend schwerfällig gestalten sich etwa die zahlreichen Diskussionsszenen unter den IRA-Mitgliedern über das weitere Vorgehen der Organisation – Szenen, die zwar einiges von den ideologischen Strömungen des damaligen Irland vermitteln, oftmals aber aufgrund ihrer Funktionalität gekünstelt wirken. In einigen Sequenzen lässt Loach diese historisch-politischen Details organisch in die Handlung einfließen, etwa wenn es während einer Wochenschau zu einem geteilten Echo des Publikums auf die Ausrufung des irischen Freistaates kommt. Meist jedoch nimmt die Tendenz zur Redseligkeit Überhand, wodurch viele der Diskussionen wirken, als seien sie bloß dazu da, möglichst alle Blickwinkel der Rebellen aufzuzeigen.
Das weitgehende Fehlen der menschlichen Komponente wird besonders in den Szenen zwischen Damien und seiner Geliebten Sinead (Orla Fitzgerald) evident, etwa als Damien ihr nach der Exekution zweier „Verräter“ sein Herz ausschüttet und davon spricht, nun unwiderruflich eine Grenze überschritten zu haben; die Romanze zwischen den beiden bleibt Behauptung. In Land and Freedom (1996), der sich mit einem anderen bewaffneten Konflikt, dem Spanischen Bürgerkrieg, beschäftigte, war Loach eine weitaus überzeugendere Symbiose von Politik und Persönlichem gelungen.
Auch die Darstellung der Briten als brutale Einheitsmasse bleibt zumindest diskussionswürdig. Gewiss, die Gräueltaten der Kolonialmacht sind historisch verbürgt, doch der Verzicht auf differenzierte britische Figuren kann Loach und seinem langjährigen Drehbuchautor Paul Laverty als allzu durchsich-tiges Mittel ausgelegt werden, die Rebellen in einem sympathischen Licht zu zeigen. Als wenig subtile Metapher für die Zersplitterung der ersten IRA erscheint letztlich auch der Bruderzwist.
So erweist sich The Wind That Shakes the Barley als zwiespältiges Werk, in dem paradoxerweise die harten, brutalen Szenen tiefer zu berühren vermögen als die zwischenmenschliche Interaktion. Die Auszeichnung mit der Goldenen Palme in Cannes dürfte somit eher als Ehrung eines Meisters denn eines Meisterwerks zu verstehen sein.
